Pin It

01 Diaghilev23. April 2026: 136 Jahre nach dem ersten Besuch von Sergej Pawlowitsch Diaghilew (1872–1929) in Wien – der damals 18-jährige angehende Student hatte 1890 die Haupt- und Residenzstadt Österreichs zur ersten Station seiner ersten Auslandsreise auserkoren – gab sein Ururgroßneffe, der Bratschist Alexander Sergejewitsch Diaghilew, sein Wiener Solodebüt im Haus Hofmannsthal in der Reisnerstraße. Der Anlass: die szenische Lesung von „Gottes Narr. Nijinsky – Diaghilev – Romola“ von Alex Alexandrov. 

Der Text des von Leon Lembert (Nijinsky), Alexander Tschernek (Diaghilew) und Dessi Urumova (Romola) eindringlich vorgetragenen „Tanztheaterstücks“ hält sich offenbar eng an das Tagebuch des Tänzers, das er 1919 in St. Moritz schrieb. Die mittels Video und Grafik untermalende Hintergrund-Gestaltung schuf Xenia Vargov.02 Diaghilev

Der Ton von Nijinskys kindlich naiver Offenheit, mit der er sich über die Aufgabe als Tänzer äußert, seine Sicht darauf und jene Beziehung zu Gott, von der er nun erfüllt ist, wird vom Schauspieler genau getroffen. Ähnliches gilt auch für die Figur Diaghilews. Er spricht das aus, was dem Impresario offenbar nicht gegeben war zu äußern. Zu schmerzhaft war es für ihn, sein „Geschöpf“ verloren zu haben. Außergewöhnlich die Sicht auf Romola. Ruhig und überlegt sinnt sie – nachdem sie ihren Mann 30 Jahre lang betreut hatte – anlässlich seines Todes über die Geschehnisse nach.

03 DiaghilevMusikalisch einfühlsam begleitet wurde die Aufführung von Bistra Diljanoff am Klavier und Alexander Diaghilew, der unter anderem eine Komposition seines Vaters Sergej Diaghilew (dem Jüngeren) zu Gehör brachte. Dass Sergej Diaghilew der Ältere, der das Ballett in das 20. Jahrhundert führen sollte, in seinen jungen Jahren ebenfalls Ambitionen zum Komponieren zeigte, geht aus der Diaghilew-Literatur hervor. Sein von einem seiner Halbbrüder abstammender Ururgroßneffe Alexander war Student am St. Petersburger Konservatorium. Er spielte in der St. Petersburger Schostakowitsch-Philharmonie, im Orchester des Michailowski-Theaters, als Gast in Teodor Currentzis MusicAeterna, im Orchester des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava und ist derzeit Mitglied der Slovak Sinfonietta.04 Diaghilev

Die Mitwirkung Alexander Diaghilews bei „Gottes Narr“ lässt unwillkürlich an einige Wien-Bezüge seines berühmten Vorfahren denken: An der Wiener Hofoper hatte Sergej Diaghilew am 25. Juli 1890 mit Josef Hassreiters „Die Puppenfee“ sein erstes Balletterlebnis (in der Titelrolle sah er Camilla Pagliero, Hassreiter selbst gab den Bauern). 22 Jahre später versetzte er mit dem Gastspiel seiner Ballets Russes das Wiener Publikum in Staunen, ein Effekt, der sich 1913 und 1927 erneut einstellte. Auch an topografischen Assoziationen fehlt es nicht: Zwei Gehminuten vom Haus Hofmannsthal entfernt liegt (in der Salesianergasse) das Geburtshaus des Dichters, der gemeinsam mit Harry Graf Kessler für Diaghilew die Handlung der „Josephs Legende“ ersonnen hat, und noch näher (Am Modenapark) befanden sich die Wohnsitze von Vera Karalli, die einst Nijinskys Partnerin in Diaghilews legendärer Pariser Saison 1909 war, und von Grete Wiesenthal, die 1913 bei den Ballets Russes unter Vertrag stand – die Realisierung eines Balletts, in dem Wiesenthal die Elektra und Nijinsky den Orest verkörpern sollten, kam jedoch nicht zustande.

Diaghilew, Nijinsky und Romola wird man auch in der Saison 2026/27 des Wiener Staatsballetts begegnen. Im Haus am Ring durch das Ballett „Nijinsky“ von John Neumeier, im Haus am Franz-Salmhofer-Platz durch Michail Fokins für Nijinsky und Tamara Karsawina kreiertes Ballett „Le Spectre de la rose“, das Nijinsky in Wien 1912 abwechselnd mit Karsawina, Matilda Kschessinskaja und 1913 mit Maria Pilz tanzte.

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.