Gemeinhin wird das „Concert for Dance“ am 6. Juli 1962 in der New Yorker Judson Memorial Church als Geburtsstunde des Postmodern Dance angesehen. Daran wird nicht gerüttelt, doch wirft man einen Blick auf den eigenen „Wiener Teller“, genauer auf die Galerie nächst St. Stephan, Grünangergasse 1, so kann festgestellt werden, dass dort vor 66 Jahren, am 9. April 1960, mit der Verlesung des Manifests „NN Tanz“ durch die Tänzerin Alice Kaluza und die anschließende Tanzvorführung eine mit den Auffassungen der US-amerikanischen Postmoderne durchaus vergleichbare Initiative gesetzt wurde.
Kaluzas NN Tanz
Kaluzas Manifest, verkündet in der von Monsignore Otto Mauer geleiteten, als Bezugspunkt des Informel in Österreich geltenden Galerie, sei hier in der gekürzten, 1961 gedruckten Form wiedergegeben:
Der sterile Bewegungskodex des klassischen Balletts dient einer gängigen und daher bequemen Unterhaltung!
Gravierende Zeitereignisse: Zeitsituationen-Perspektiven können durch das klassische Ballett keine künstlerisch gültige Form mehr gewinnen.
Zeitnähe täuscht das klassische Ballett vor wenn es versucht sein Dogma durch heute legitime bildnerische und musikalische Mittel aufzulockern.
Auch die expressiv-symbolistische Idolatrie der tänzerischen Figuration führt keinen Schritt weiter in Neuland.
DER NEUE TANZ kennt keine literarischen Aussagen und gestaltet auch keine Bildvorgänge zeitgenössischer Malerei
DER NEUE TANZ und seine Bewegungsform sind nicht an ein Bewegungssystem gebunden
DER NEUE TANZ und seine Aufgabe liegt im Vorstoß ins Ereignis – Dieses muß bereits im Null-Punkt aufgesucht erkannt und aufgezeigt werden
DER NEUE TANZ und sein wesentliches Moment ist die Nicht-Bewegung
DER NEUE TANZ ist unbequeme Konfrontation
Wer war Alice Kaluza?
Geboren als Alice Walther in Frankfurt a. M. 1920, gestorben in Bad Homburg 2017. Als 14-Jährige Beginn der tänzerischen Ausbildung am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt (ein Institut, in dem schon 1910 Rhythmische Gymnastik nach Émile Jaques-Dalcroze unterrichtet wurde), parallel dazu Schauspielunterricht. Nach Engagements an verschiedenen deutschen Bühnen 1947 in Frankfurt Gründung ihrer „Tanzbühne“. Choreografische Tätigkeit u. a. auch in Ost-Berlin. Abkehr sowohl vom klassischen Tanz wie vom Ausdruckstanz, eine Entwicklung, die zur Veröffentlichung ihres Manifests in Wien führte. Nach einer Reihe von Präsentationen ihres NN Tanzes (nach Wien u. a. in Stuttgart und Frankfurt) betrieb sie von 1963 bis 2008 in Bad Homburg ihre Fachschule für Tanz und Schauspiel, „Studio Kaluza“. Auszeichnung: Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, 2007.
Exkurs zur Wiener Tanzszene um 1960
Zum Zeitpunkt von Kaluzas Auftreten in Wien hatte sich bereits ein Dämmerschein auf den in der Zwischenkriegszeit so gloriosen Wiener Modernen Tanz gebreitet: 1959 hatte Rosalia Chladek ihren letzten Wiener Solotanzabend im Akademietheater gegeben, ihre Lehrweise führte sie freilich an der von ihr geleiteten Tanzabteilung der Akademie für Musik und darstellende Kunst weiter; Grete Wiesenthals Tanzgruppe hatte zu bestehen aufgehört, Wiesenthals rhythmische Gestaltung des Salzburger „Jedermann“ war 1959 zum letzten Mal zu sehen gewesen; Hanna Bergers letzter Tanzauftritt fand 1960 bei einem Frauenkongress in Schweden statt; Harald Kreutzbergs Wiener Abschiedsabend im Konzerthaus (1961) stand noch bevor.
Beeindruckend hingegen, welchen enormen Bogen das Wiener Staatsopernballett innerhalb eines einzigen Jahres tanzend umspannte: französische Romantik („Giselle“), St. Petersburger Klassik („Schwanensee“ bei den Bregenzer Festspielen), Wiener Gründerzeitballett („Die Puppenfee“), Djagilew-Repertoire („Les Sylphides“, „Petruschka“), moderne Ballettpantomime („Der wunderbare Mandarin“), sowjetisches Dramballett („Romeo und Julia“), modernes Ausdrucksballett („Homerische Symphonie“, „Der Mohr von Venedig“, „Medusa“, „Ruth“), modernes Ballett („Agon“), elektronisches Ballett („Evolutionen“). Das Volksopernballett zeigte in diesem Zeitraum u. a. eine Wiederbelebung eines Hits der Zwanzigerjahre („Das lockende Phantom“) und eine Lokalreminiszenz („Wiener Ringelspiel“). Dazu gab es Gastspiele des Georgischen Balletts (Wachtang Tschabukiani), des Kirow-Balletts (mit Rudolf Nurejew), des Ballet de Paris (Roland Petit), des Grand Ballet du Marquis de Cuevas (Choreografien von Léonide Massine und George Balanchine) und des Balletts des 20. Jahrhunderts (Maurice Béjart).
Kein Wunder, dass angesichts dieser Fülle von qualitativ hochstehenden Tanzereignissen Kaluzas Aufbegehren weitgehend unbeachtet blieb. War Wien der falsche Ort, 1960 die falsche Zeit für Kaluzas Manifest?
Die Frankfurter Tanzwoche 1961
Die Möglichkeit, ihre Auffassung von Tanz einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, bot sich für Kaluza 1961 bei der von ihr selbst mitinitiierten Frankfurter Tanzwoche. Kurt Peters schildert im „Tanzarchiv“ (Juli 1961) detailliert dieses Unternehmen einer „Selbstschau“ und „Eigenkonfrontation“. Vortragende waren Mary Wigman, Hermann Heiß als Komponist des NN Tanzes und Peters selbst; Ausführende Kurt Jooss mit der Folkwangschule, Jean Cébron, Ruth Boin, Kurt Paudler, Manja Chmièl, Roger George und abschließend Kaluza. Peters zitiert Kaluza: „Der neue Tanz und seine Aufgabe liegt im Vorstoß ins Ereignis – dieses muß bereits im Nullpunkt aufgesucht, erkannt und aufgezeigt werden. Der neue Tanz – sein wesentlichstes Moment ist die Nicht-Bewegung – ist unbequeme Konfrontation.“ Peters stellt sich die Frage: „Bewegung?“ Und bleibt die Antwort schuldig: „Keine Ahnung, ich weiß es nicht mehr.“ Um Pointen nie verlegen, resümiert er: „NN – nicht Nein-Nein-61, sondern Null Null. ,Vorstoß ins Ereignis‘, Null-Punkt 61“. Sein späterer Eindruck: „Rache der Veranstalter an den vorausgegangenen ,Historikern‘ des modernen Tanzes“. Und gleichsam als Bestätigung seiner Ansicht zitiert er aus einer Rezension über eine Präsentation des NN Tanzes in Leverkusen: „Aus dem Gruselkabinett der Morsbroicher Kunsttage“.
War also auch Frankfurt nicht das geeignete Pflaster für Kaluzas NN Tanz? Hat sie sich für Mitteleuropa zu früh hervorgewagt? Wie eingangs erwähnt, wurde nur ein Jahr später in New York durch die Judson-Church-Bewegung ein, wie wir heute wissen, neues, überaus nachhaltiges Kapitel des Tanzes aufgeschlagen, es firmiert unter dem Begriff Postmoderne.

