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Tanzbild1Die Tanzmoderne um 1900 war revolutionär, wechselseitig mit der Fotokunst dieser Zeit erlebten beide Sparten noch einen zusätzlichen „Spin“. Sehr schön sichtbar wird dies in der Ausstellung „Tanzbild“, die von 3. März bis 7. Juni 2026 in der Albertina Modern am Wiener Karlsplatz zu sehen ist. Fotografie-Kuratorin Astrid Mahler ist die Idee zu verdanken, die rund 130 Objekte der hauseigenen Sammlung darzustellen, Albertinas Neo-Direktor Ralf Gleis stimmte dem Ansinnen freudig zu.

Insgesamt erwartet Freund*innen beider Künste eine reiche Schau, die mit dem „Mut zur Lücke“ gut leben wird können: Alle ausgestellten Objekte stammen aus der Albertina oder sind Teil der ebenfalls an der Albertina als Dauerleihgabe aufbewahrten Sammlungen der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt sowie der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Man hat also auf zwanghaftes Ergänzen durch Leihgaben verzichtet und kann dennoch imposante Bild- und Tanzdokumente (recte: Kunstwerke) zeigen. 

Kuratorin Astrid Mahler hebt in dem Gespräch mit tanz.at die starken wechselseitigen Beeinflussungen hervor, die Fotograf*innen und Tänzer*innen in den 1860er bis 1930er Jahren aufeinander ausübten. Bei beiden Gruppen standen kommerzielle Aspekte – bei aller Kunstsinnigkeit – mit im Vordergrund. „Setkarten für die Tänzer*innen, die die Fotograf*innen dann als Postkarten gut verkaufen konnten“, so Mahler. Kreutzberg

Der wachsende Bedarf an Bildmaterial, etwa als Werbemittel oder für die Abbildung in Illustrierten, führte zu einer Spezialisierung einiger Ateliers. Zunehmend waren Fotografinnen hinter der Kamera tätig. Auf dem Tanzsektor bestimmten Frauen hierzulande als eigenständige und emanzipierte Künstlerinnen bereits längst das Milieu. Wien war eine jener Städte, in der ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine lebendige Szene heranwuchs. 

Die Zusammenarbeit zwischen Fotograf:in und Tänzer:in bildete einen entscheidenden Faktor: Die Inszenierung und die Interpretation eines Motivs entstanden im Idealfall in einem dialogischen Wechselspiel. Welches Abbild einer Persönlichkeit und ihrer flüchtigen Kunst für die Nachwelt fixiert wurde, war von der gestalterisch-kreativen Lösung der Fotograf:innen gleichermaßen abhängig wie von der inszenatorischen Ausdrucksfähigkeit der Tänzer:innen. Nicht zuletzt spielte die technische Weiterentwicklung der Fotografie eine signifikante Rolle für die Veränderung der bildnerischen Möglichkeiten und der visuellen Umsetzung neuer Motive.

Ballettpose im Atelier

337 - OlgaBereits kurz nach Mitte des 19. Jahrhunderts begannen sich einige Ateliers auf Fotografien prominenter Persönlichkeiten aus Tanz und Theater zu spezialisieren. Die Aufnahmen zeigen Tänzer:innen im klassischen Porträt oder in statischen Posen. Sie wurden ab den 1850er-Jahren im genormten Visitformat und um 1870 als großformatige Kabinettkarten angeboten und erfreuten sich großer Beliebtheit. Die intensive Sammelleidenschaft der Zeitgenoss:innen begründete schließlich das Phänomen des Starkults.

Neue technische Errungenschaften bereiteten ab Ende der 1870er-Jahre die Voraussetzung dafür, Tanz in Bewegung festzuhalten. Ausschlaggebend war die Verkürzung der Belichtungszeit, was mithilfe der Weiterentwicklung des Schlitzverschlusses, der Konstruktion moderner Apparate sowie der Verbesserung der Empfindlichkeit des Aufnahmematerials gelang. Die entscheidende Motivation für die Pioniere der Bewegungsfotografie stellte das Sichtbarmachen einzelner Bewegungsabläufe dar, welche der menschlichen Wahrnehmung zu einem erheblichen Teil verschlossen blieben. Die durch methodische Versuche gewonnenen Erkenntnisse waren sowohl für die verschiedensten Zweige der Wissenschaft und der fotografischen Praxis als auch für die bildende Kunst höchst einflussreich.

Fotografie, Tanz und SecessionWiesenthal

Auch Fotografie und Tanz waren Teil der Reformbewegung um 1900 und eng mit der Kunst des Jugendstils verwoben. Die amerikanischen Tänzerinnen Loïe Fuller und Isadora Duncan fungierten als große Inspirationsquelle für die Künstler:innen der Secession. Duncan, die das klassische Ballett ablehnte und den individuellen tänzerischen Ausdruck propagierte, gilt als eigentliche Wegbereiterin des künstlerischen oder auch freien Tanzes zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Davon angeregt entwickelten die Schwestern Wiesenthal eine eigene Tanztechnik. Ihr Ausgangspunkt war die Walzerinterpretation, die bereits ab 1908 in dynamischen Bewegungsfotografien festgehalten wurde.

Expressive Gesten

HolgerDie neue Wahrnehmung des Körpers, wie sie Zeitgenoss:innen bereits vor dem Ersten Weltkrieg im freien Tanz realisiert sahen, führte zum Aufbrechen konventioneller Darstellungsweisen im Porträt. Viele Fotograf:innen und bildende Künstler:innen erprobten auf ihrer Suche nach Umsetzungsmöglichkeiten des subjektiven Ausdrucks ein Repertoire ungewöhnlicher und expressiver Gesten.

„Tänzerinnen galten als ideale Aktmodelle, denn ihre schlanke Linie und perfekte Körperbeherrschung prädestinierte sie für derartige Arrangements“, so Kuratorin Mahler. 

Fotos von Tänzerinnen waren in den zahlreichen Gesellschaftsmagazinen der Zwischenkriegszeit allgegenwärtig. Neben dem Zivilporträt war vor allem das Rollenbild im Bühnen- oder Fantasiekostüm vertreten. 

Neben den Fotografien dienten Plakate als wichtiges Mittel der Reklame. Oftmals erfuhr das fotografische Motiv dabei eine Übertragung ins grafische Medium. Dies ermöglichte eine farbige Umsetzung sowie die Vergrößerung des Sujets bis hin zu riesigen Dimensionen. 

Zäsur durch Nazis

Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland und 1938 in Österreich die Macht übernahmen, bewirkte dies sowohl auf dem Gebiet der Fotografie als auch in der freien Tanzszene eine tiefgreifende Zäsur. Die Vertreibung und Ermordung jüdischer wie politisch andersdenkender Protagonist:innen veränderte die Situation von Grund auf. Unter jenen, die sich ins Exil retten konnten, führten viele ihre Arbeit in der Emigration weiter.

Albertina Modern: "Tanzbild", 3. März bis 7. Juni 2026.

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