Francesco Cavalli war ein Schüler von Claudio Monteverdi und zählt zu jenen Komponisten, deren erfolgreiche Werke heute wieder aufgeführt werden, so wie „La Calisto“ von 1651. Derzeit inszeniert Stefan Herheim, Intendant des Musiktheater an der Wien, gemeinsam mit Christina Pluhar und ihrem Ensemble L’Arpeggiata das Dramma per musica zum Libretto von Giovanni Faustini. Premiere ist am 16. September. So wie in der frühen Oper üblich, legt Herheim auch Wert auf getanzte Szenen, choreografiert von Beate Vollack. Wir haben mit der ehemaligen Ballettdirektorin der Oper Graz und jetzigen des Ballet du l’Opera National du Capitole in Toulouse gesprochen.
tanz.at: Sie haben schon öfters mit Stefan Herheim zusammen gearbeitet, zuletzt in seiner Inszenierung der „Fledermaus“. Was macht Ihre Kooperation so produktiv?
Beate Vollack: Ich schätze seine Gesamtsicht auf Theater. Tanz hat einen großen Stellenwert für ihn innerhalb der Oper. Wichtig ist ihm aber, dass Tanz eine dramaturgische Funktion hat, also warum wird in dieser Szene getanzt? Sein Ansatz stimmt mit meinem überein – alles gehört am Theater zusammen und verschränkt sich miteinander, da wird nicht separiert in Sänger*innen, Tänzer*innen oder Schauspieler*innen. Üblicherweise beginnen wir mit einem Gespräch, in dem er mir sein Konzept erzählt und die Art von Stimmungen, die er in den Tanzszenen möchte. Ich bereite dann etwas vor und so finden wir dann zusammen. Ich sehe mich als Choreographin in dem Sinn gefordert, weil ich versuche, etwas zu kreieren, das zu seinem Gesamtkonzept passt. Und dabei gibt es auch immer Überraschungen für mich, wenn er etwa Szenen mit Tanz will, in denen ich nicht damit gerechnet hätte.
In einem Facebook Posting zu den Proben sagen Sie, dass Herheim eine Art Mambo wie in der West Side Story wollte?
Er meint damit die Idee des Dance Battles, und bei uns ist das eine Szene mit dem Satyr Satirino und der Nymphe Linfea. Ich habe sofort verstanden, was er damit meinte, nämlich einen bestimmten erotischen, südamerikanischen Charakter. Und hier zeigt sich die vorhin erwähnte Nicht-Separierung besonders, denn Satirino singt ja, und in dieser Arbeit ist er jetzt fast zu einem unserer Tänzer*innen geworden.
Welche Art Tanzsprache haben Sie gewählt für „La Calisto“? Und gehen Sie von der Musik aus oder von der Bewegung?
Es ist eine Mischung aus Stilen. Heute etwa haben wir ein richtiges Menuett geprobt. Doch es gibt auch klassisches Ballett auf Spitze, getanzt von Damen und Herren, und eben die Mambo-Gruppe. Und tatsächlich bauen wir auch eine Art von Riverdance ein. Ich gehe immer von der Musik aus, die spricht zu mir und sagt mir, ob sie ein pas de deux braucht oder ein Solo etc. Es entsteht alles durch das Hören, und dafür brauche ich Zeit.
Wie sind Herheim und Sie denn zusammengekommen?
Peter Heilker, der stellvertretende Intendant des Musiktheater an der Wien, hat uns miteinander bekannt gemacht. Ich kenne ihn schon lange aus meiner Zeit an der Bayerischen Staatsoper in München, wo wir damals Kollegen waren und viel miteinander gearbeitet haben, unter anderem am „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček in Jürgen Roses Inszenierung. Da habe ich die „blaue Libelle“ getanzt. Danach war Peter Direktor in St. Gallen, wo ich für den Tanz veranwortlich war. Dann, als ich schon in Graz tätig war, wollte Stefan Herheim das „Füchslein“ in Wien machen und ebenfalls Tanz integrieren. So kam ich dazu, und wir haben einander sofort verstanden. Außerdem liebe ich Wien, wo ich ja auch früher schon viele Tanzchoreographien für Opern gemacht hatte.
Ist der Abschied aus Graz schwer gefallen?
Natürlich, aber das ist eben so bei Intendantenwechseln. Ich war sehr gern in Graz, überhaupt in Österreich! Doch zum Glück ergab sich Toulouse und das ist sehr gut für mich, denn wir machen da sowohl klassisches Ballett als auch zeitgenössischen Tanz. Nach der Pariser Oper hat Toulouse das zweitgrößte Ballettensemble in Frankreich mit 35 Tänzer*innen. Ich choreographiere dort auch nicht selbst, sondern konzentriere mich auf meine Funktion als Direktorin und Programmgestalterin, und das macht mir großen Spaß, denn ich kann heute bedeutende Choreograph*innen einladen. Doch umso mehr freue ich mich auch über Einladungen an mich als Kreative so wie jetzt in Wien, das ist wie Urlaub für mich. Ein angenehmer Arbeitstag und danach zum Heurigen mit Freunden, herrlich!
Wie gestalten Sie den Spielplan in Toulouse?
Nach den zwölf Jahren meines Vorgängers Kader Belarbi, der zumeist selbst in dezidierter Handschrift kreiert hatte, ist es ohnehin an der Zeit, dem Publikum wieder ein breiteres Programm zu bieten. Seit langem gab es da etwa kein Stück von George Balanchine mehr. Ich versuche, eine gute Balance zwischen Klassik und Zeitgenössischem zu zeigen.
Wurden Sie gut akzeptiert?
Mittlerweile schon, denn ich bin die erste deutsche Ballettdirektorin in Frankreich. Und noch dazu eine, die als Ostdeutsche im russischen System aufgewachsen ist. Das war eine enorme Neuerung, und noch dazu konnte ich kein Französisch. Das wollte ich aber unbedingt lernen und jetzt kann ich es auch. 
Das heißt, Sie haben strikt das Waganowa-System gelernt.
Tatsächlich bei einer der letzten Schülerinnen Vaganowas, Nina Viktorowna Belikowa. Danach war ich an der Komischen Oper engagiert und habe bei Tom Schilling getanzt. Nach dem Mauerfall fuhr ich auf gut Glück nach Jackson in Missisippi zu dem berühmten Ballettwettbewerb und habe ihn auch gewonnen. In der Jury saß Ballettdirektorin Konstanze Vernon, die „Giselle“ von Mats Ek in München an der Bayerischen Staatsoper machen wollte. Sie stellte mich ihm vor und so tanzte ich seine Giselle.
Was war das für eine Erfahrung?
Es war ein Meilenstein und eine Offenbarung. Er hat zum Beispiel darauf bestanden, nicht zu interpretieren, sondern der Musik und Bewegung zu vertrauen und nicht über das Gesicht zu versuchen, etwas auszudrücken. Denn das Gesicht würde dem Körper folgen, so Ek. Auch tänzerisch war es eine Bereicherung. Konstanze Vernon nannte mich eine „moderne Ballerina“, also quasi ein Pendant zur klassischen. Es war eine aufregende Zeit, weil damals in München neben der Version von Mats Ek such die klassische von Peter Wright gespielt wurde. Konstanze wollte unbedingt, dass die Solisten beider Versionen auch in beiden Stücken tanzen. So war ich in der klassischen Version die Myrtha. Und auch ich sage immer meinen Tänzer*innen: Ein klassisch ausgebildeter Tänzer kann alles tanzen. Ein noch so guter, moderner Tänzer kann aber nie klassisch tanzen.
Es wäre natürlich schön, wenn auch klassische Tänzer andere Techniken trainieren würden.
Ja, das ist leider auch eine Zeitfrage. Es ist wirklich schade, denn dadurch ist es nicht möglich, bestimmte Choreographen einzuladen, wie etwa Ohad Naharin, denn der setzt immer Gaga-Training voraus. Oder Carolyn Carson, von der wir ein Stück gebracht haben, hätte auch gern meine Tänzer zusätzlich trainiert. Doch am Ende der Saison lade ich schon einmal jemand ein, um einen Workshop zu geben.
Sie haben ursprünglich ja Opern-Tanzeinlagen gestaltet. Wie war der Weg zur Ballettdirektorin?
Das ergab sich in München, wo ich als Hauschoreographin angestellt wurde für Opern. Es war eine sehr lehrreiche Zeit, und irgendwann war mir klar, dass ich ein Ensemble leiten wollte, und das geschah dann 2014 endlich, als ich in St. Gallen eine Company für zeitgenössischen Tanz übernahm. Dann kam ich nach Graz mit einem Ballettensemble, und jetzt in Toulouse mache ich beides, das ist großartig. Ich kann sozusagen Alte Meister aufführen wie eben Balanchine oder auch Trisha Brown, John Cranko oder John Neumeier, aber auch Choreographen einladen wie Carolyn Carlson oder Edvard Clug. Benjam Pech macht zu Weihnachten für uns ein Familienstück, „Die drei Musketiere“. Meine erste selbständige Saison wurde auch ausgezeichnet von der französischen Fachpresse als beste künstlerische Saison in Frankreich, das freut mich sehr.
Was war Ihrer Meinung nach Ihr besonderes Verdienst?
Ich hole Choreographen, die noch nicht in Frankreich gearbeitet habe. Natürlich gibt es auch Desiderate wie William Forsythe, mit dem ich schon in Kontakt bin. Und natürlich versuchen wir auch, regelmäßig etwas für, das Publikum von morgen zu machen. Obwohl ich sagen muss, dass wir in Toulouse fast zu viel Publikum haben bei zu wenig Vorstellungen, es ist ein sehr treues Publikum.
Ein Resultat Ihres Erfolges ist die Verlängerung Ihres Vertrages um weitere drei Jahre.
Ich bin sehr glücklich in Toulouse, und überhaupt ist die Lebensqualität in Südfrankreich hervorragend. Es ist einfach traumhaft hier.
"La Calisto“: Premiere am 16. September 2026 im MusikTheater an der Wien