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jefta1 evawurdingerAlles fließt. Die Dimensionen entgleiten, die Koordinaten verschwimmen, Raum und Zeit lösen sich auf. Die Welt ist aus den Angeln gehoben. Chaos im Gehirn, die Wahrnehmung täuscht, die Sinne sind Aufruhr. Und die Körper? Die Körper, Zentrum in der nebligen Düsternis, die Körper sind da und nicht da, entgleiten unhaltbar in eine Parallelwelt. Wer nicht schwindelfrei ist geht unter, „wenn sich alles leert.“ Jefta van Dinther spottet mit einem dunklen Stück jeder Wahrnehmung und versetzt sein Publikum in Trance.

Schwankende Gestalten, Irrealte Welten. „As It Empties Out“ nennt der Choreograf und Tänzer, Jefta van Dinther, sein neues Bühnenstück. Mit acht Tänzern tritt er auf, um das Publikum in eine Art Trance zu versetzen und es nach allen Regeln der Wahrnehmungspsychologie zu täuschen. „Ich spiele mit den Dimensionen von Raum und Zeit. Meine Welt wird auf der Bühne weich und formbar, aber auch verlockend. Dennoch steht der Körper, unsere neun Körper, als Hauptelement auf dem Bauplatz. In ständiger Bewegungen sprudeln Energie und Emotionen. Doch es entsteht kein Vakuum.  Die Energie erneuert sich im Ausströmen.“ Die wundersamen Welten, die Jefta van Dinther zu konstruieren vor hat, bauen sich vor dem Publikum als noch nie gesehener Film auf, als Besuch von Aliens, deren Körper vibrieren und deren Umrisse zerfallenen. Ein unheimlicher Traum, verlockend, faszinierend, beängstigend.

Doch wenn der   knapp 35jährige die blauen Augen aufschlägt und erzählt, dass er die Bühne gern als Arbeitsplatz sieht und die Tänzer mit Werkzeug und Objekten arbeiten, dann ist klar, das Jefta van Dinther nicht in den Wolken schwebt sondern mit beiden Beinen fest auf dem Tanzboden steht. Wenn er von Arbeit spricht, meint er nicht die tägliche Plackerei für Performer und Tänzerinnen, sondern das Schaffen und Werken als  zentralen Inhalt eines Stückes. Schon 2013 konnte man neun Compagnie-Mitglieder des Cullberg Balletts aus Schweden auf der Bühne des Tanzquartiers hämmern und sägen, zerren, schleifen und schleppen sehen. „Plateau Effect“ heißt dieses wunderbare Stück von Jefta van Dinther, das nicht nur vom Schaffen, Schuften und Tun erzählt, sondern auch vom Lassen, Scheitern und Ruhen. Nach diesem ersten großen Gruppenstück arbeitet van Dinther auch diesmal mit neun Performern. Dass er selbst in einer Doppelrolle als Darsteller und Choreograf dabei ist, beunruhigt ihn nicht. „Wir sind ein Team und da gibt es auch genügend Blicke von außen, die korrigieren.“ Aber nicht nur der physische Körper in Bewegung interessiert den in Schweden aufgewachsenen Niederländer – „ Da gibt es eine Differenz zwischen dem Pass und dem Herzen“ – ihm geht es auch um eine neue Form des Bühnengeschehens. „Das viele Material, das ich auf die Bühne bringe entspricht einer Skulptur, die von den Tänzern bewegt wird und zwar in einem Raum aus Licht und Sound. Das ist alles gleich wichtig, es muss eine Einheit sein, denn alle Elemente beeinflussen einander, Licht, Ton, Objekte, Körper.“ Ein Gesamtkunstwerk? „Wenn man so will! Ich mache bewegte Skulpturen, also bildende, bewegte Kunst. “ Das Team ist ein Teil davon? „Ja. Für ‚As It Empties Out’ haben wir sehr lange Vorbereitungszeit benötigt, die Tänzer müssen aus sich herausgehen,  sich ganz ausleeren, das gelingt nicht nur mit Körpertraining. Aber wenn es gelingt, dann funktioniert es auch beim Publikum.“ Gruppenarbeit sind van Dinthers  Stücke jedoch dennoch keine. Die Feststellung wird mit fester Autorität gemacht: „Wir sind ein Team, aber ich habe das letzte Wort. Ich bin der Chef.“ jefta2 evawurdinger

Im Pass Niederländer, Schwede im Herzen. Theater zu spielen, sich vor dem Publikum zu exponieren und auszuleeren, ist er seit frühester Kindheit gewohnt: „Meine Eltern waren (evangelische) Missionare und haben den Menschen in Afrika und Asien die Bibel als Straßentheater erzählt.“ Der kleine Jefta spielte mit, „bis ich zehn oder zwölf war.“  Getanzt hat er auch schon immer, „aber nicht Ballett, eher Hip Hop und Breakdance. Dann hörte ich ganz damit auf.“ Als ihn später ein Freund zum Jazztanztraining mitnahm, ermunterte ihn die Lehrerin, zu bleiben: „Du bist ein geborener Tänzer.“ Fünf Mal in der Woche ging er zum Training, studierte danach vier Jahre in Amsterdam Modern und Contemporary Dance: „Das war eine harte Zeit, fast gleich nach dem Abschluss 2003  habe ich zu arbeiten begonnen.“ Zuerst als Performer mit renommierten Choreografinnen, bald erwachte jedoch die Lust am Gestalten, seines eigenen Körpers und den anderer. Tanzen und Choreografieren, sind für ihn zwei gleichwertige Formen des Ausdrucks, deshalb kann van Dinther gar nicht sagen, was er bevorzugt. Er ist Erfinder und Ausführender, Regisseur und Tänzer zugleich. Noch keine 30 war er, als er für „It’s in the air“, einem Stück über den Körper in der Luft, gemeinsam mit Mette Ingvartsen gezeigt, von den Gazetten zum „Rising Star“ gekürt wurde. Fünf Jahre später ist er nur noch „Star“. Ein pulsierender zwar, aber kein unsteter. Immer wieder arbeitete er mit der Lichtdesignerin Minna Tiikkainen, die ihn auch bei „As It Empties Out“ begleitet. So wie der Toningenieur David Kiers ein langjähriger Begleiter ist. Auch viele der Tänzer sind längst Freunde, vom schnellen Casting im Vorübergehen hält van Dinther nichts: „Ich arbeite gern mit Leuten zusammen, die ich schon kenne und die mich kennen. Das erleichtert das gemeinsame Denken.“ Gemeinsam bauen sie die konkrete Räume, die einer Vision gleichen, in denen die Körper durch den Schall in Schwingung versetzt werden und die Finsternis sichtbar ist. Objekte, Körper, Licht, Ton – Bewegung, Verwirrung, Dunkelheit, Ozean: Die Leere füllt sich. Keine Energie geht verloren.

Jefta van Dinther: „As It Empties Out“, Uraufführung, 17., 18.10. Tanzquartier, Halle G.  www.tqw.at/

In gekürzter Fassung ist dieses Interview am 10.10. im Schaufenster der Tageszeitung "Die Presse" erschienen.