Die Präsentation der eingeladenen Bühnenprojekte bei der 35. Internationalen Bühnenwerkstatt in Graz erstreckten sich über einen längeren Zeitraum: der Hauptteil vom 2. bis 21. Juli, die Vorstellungen von Xianghui Zeng und KOMOCO Dance wurden aus Krankheitsgründen auf 1. Oktober verschoben. Das Anliegen, eine Vielfalt von derzeit aktuellen Bühnentanz-Arten und -Formen zu zeigen, erreichte deswegen aber kaum weniger sein Publikum; unter diesem viele, die das Workshopangebot nutzten.
Das Sein im Augenblick, die Vergänglichkeit – dafür steht Bewegung, steht Bühnentanz – so wie die Wolken am Himmel. Elizaveta Poliakova, in klassischem Ballett ausgebildete Tänzerin und Choreografin, hat diese Erfahrung in „The Cloud“ in zeitgenössischen Tanz transkribiert. In effektvoller, metaphorischer Verbindung zu einem riesigen zarten, schwach gefüllten und vom ‚Wind‘ und den Tänzern bewegten Ballongebilde; und im Zusammenspiel mit Live-Musik (Erin Lang) und Lichteffekten (Lisa Raschhofer) sowie Visual Arts (Dominic Kießling). 
Aulonё Nuhiu und Sead Vuniqi machen das Ephemer-Tänzerische zu einem optischen Vergnügen: Ihr vielfältiger Umgang mit der ‚Wolke‘, das Eintauchen in sie wie aber auch das Ankämpfen gegen das nicht Greifbare und nicht zuletzt ihre Wandlungsfähigkeit im persönlichen Mit- aber auch Gegeneinander – all dies schafft eine dichte Atmosphäre der steten Veränderung. Ein vergnügliches visuellen Versinken in den Fluss der Zeit und der Gegebenheiten.
Mit vielerlei Kanten und Sperrigkeit versehen ist – wenig überraschend – hingegen die Performance von Tomáš Danielis: „Custom View“. Seine nachdrückliche Aufforderung, die individuell ein-gefahrenen und -geübten Perspektiven auf die Welt und auf sich selbst zu ändern, durch einen offenen Blick auf die Perspektiven des Anderen Neues zu erfahren, sind nichts Unbekanntes, können aber grundsätzlich immer wieder wertvoller Anstoß sein. Seine performative Umsetzung dieses Konzepts ist in seiner verbalen Selbstbeschreibung und Reflexion allerdings etwas zu langatmig, um anhaltend anregend zu sein. Die Bewegungspassagen faszinieren hingegen in ihrer eigenwilligen Ausdrucksstärke, in ihrer sehr spezifischen Kreativität, helfen aber letztlich zu wenig, um einen starken roten Faden entsprechend der angeführten Intention zu legen. 
Von der harmonischen Schönheit, vom steten Fluss ausgewogener Kräfte der Natur erzählt der Körper Xianghui Zengsin den ersten Szenen seiner Choreografie „Dark Lake – Deep Forest“. Er berichtet vom Werden innerhalb dieser funktionierenden Geschlossenheit und vom langsamen sich davon Entfernen des Menschen: Auch ohne großes Blätterwerk und den Verweis auf Verwurzelung mittels festsitzendem Schuh auf einer (kaum deutbaren) Drehscheibe sprächen die Bewegungs-Bilder freilich auch gut für sich allein. Sie vermitteln sich auch klar in der Sehnsucht des Menschen nach anderem und in seinem Kampf, seiner Überforderung und Enttäuschung ebendort. Die Gegensätze in den jeweiligen Empfindungen sind deutlich, die Situationen einfach und individuell zu deuten, aber ihre Hintergründe, ihre Ursachen leider ein wenig fehlend. Manch tänzerische Umsetzung überzeugt in ihrer Kreativität, auch wenn mehr an experimentell Unerwartetem Mehrwert hätte. Dies gilt besonders inhaltlich, nämlich für die bald vorauszusehende Rückkehr, den Rückzug zur und in die Natur, was auf Kosten eines straffen Spannungsbogens geht.
Einen solchen haben hingegen die beiden Tänzer von KOMOCO Dance, Paolo Piancastelli und Adriano Popolo Rubbio, in ihrem Duett „The Fridas“ fest in der Hand: Ihre performativen Sequenzen sprühen vor Überraschungseffekten, sind, basierend auf fundierter Bewegungstechnik, von unterhaltsamer Leichtigkeit. Und gleichzeitig vermitteln sie eine Bandbreite kritischen Aufzeigens der Unwegsamkeit menschlichen Miteinanders. Die erfolgreiche italienische Tänzerin und Choreografin Sofia Nappi lässt also auch in diesem ihrer Werke die feinen ebenso wie die kraft- und humorvollen Dimensionen zeitgenössischen Tanzes erleben. Das Warten auf diese Produktion hat sich gelohnt!
35.Bühnenwerkstatt, 2. bis 21. Juli und 1. Oktober 2026