DS DiversEs war im Jahre 2016, als Tanzfilmkunst erstmals in Österreich in Form dieses von Valentina Moar initiierten Festivals gezeigt wurde. Obwohl diese Kunst des gleichberechtigten Zusammenspiels zweier Sparten weltweit von Bedeutung und vielbeachtet ist, wird sie in diesem Land bislang weiterhin allein in Graz präsentiert; in einem Umfang, der, beispielhaft kuratiert, markante Einblicke in dieses relativ junge Genre gewährt.

Mit dieser 11. Festival-Ausgabe sind es mehr als 400 Filme, die in all den Jahren zur Aufführung kamen; jeweils ausgewählt aus Einsendungen aus der ganzen Welt. Heuer umfasste das Programm, das aus mehr als 250 Einreichungen zusammengestellt wurde, 38 Werke aus 19 Ländern aller Kontinente. Ein Workshop-Angebot, das es seit 2022 gibt, regt auch zu aktivem Eintauchen in diese Kunstform an. In diesem Jahr wurde es von der international renommierten Screendance Künstlerin Clara von Gool und dem Choreografen Jordi Cortés Molina geleitet. Ihr mehrfach preisgekrönter Film „Voices of Finance“ wurde als Gast-Beitrag gezeigt. Und dieser bietet ein Filmerlebnis von außergewöhnlicher Kunst-Dimension: 10 erfolgreiche Profi-Banker reflektieren ihre Arbeit. Tänzer verkörpern diese Monologe. Unvorstellbar? Nachhaltig eindringlichst ist es, wie von Gool mit ihren Tänzern diese Gedanken völlig ‚selbstverständlich‘ in (be-)greifbare Bewegungen zeitgenössischer Tanzstile umsetzt; eingebettet in moderne Großstadtwelten, die sich ‚nebenbei‘ filmisch perfekt präsentieren. So wie Gesten im Alltag Sprache begleiten, bereichern und kommentieren, bietet hier Tänzerisches Mehrwert von atemberaubender Art. Die Frage, wie sehr die Verbindung von Tanz- und Film-Medium Berechtigung habe, beantwortet sich die Künstlerin mit diesem Werk zu100% selbst mit einem Ja.DS LoopHole

Aber auch die im Wettbewerb gezeigten Filme reihen sich hier überzeugend ein. Und nicht nur die, die letztlich von der dreiköpfigen Experten-Jury sowie der in diesem Jahr erstmals eingesetzten ‚Jugend-Jury‘ (SchülerInnen im Alter zwischen 16 und 19) ausgezeichnet wurden. Das Ergebnis erwies sich diesmal übrigens außergewöhnlich homogen: Ging doch der Preis der Jugendjury, der Best Audience Award und der Preis der Experten, „Best Film“, an einen einzigen Film, an „Loop/Hole“ von Tan Ki Wong, Hong Kong. In die über 30 Minuten sich erstreckende Bilderflut aus einem eher weniger bekannten Hong Kong der Innenhöfe, Stiegenhäuser und Flachdächer verschmelzen die Bewegungen der beiden Protagonisten Wong Tan-ki und Justyne Li. Die Bedrohlichkeiten unserer Zeit, die alltäglichen An- und Überforderungen, die Einengungen sowie die Sehnsucht nach freier Entfaltung (immer wieder wird die Flügelbewegung eines Vogels zitiert) mögen von vielen als primäres Thema empfunden werden. Aber da ist auch noch viel Surreales, viel an kraftgebender, aber auch beängstigender Traumwelt. Ein vielschichtig packendes, individuell – bedingt auch durch den Kulturunterschied – interpretierbares Kunstwerk, das für ein großstädtisches Heute, für ein herausforderndes Jetzt steht.

DS Untilitrain2„Until it Ran Into Me“ von Melitta Dsouza, Indien, erhielt den Best Choreography for Film – Award. In diesem knapp 10minütigen Streifen eröffnen nackte Unterschenkel und Füße einen gleichermaßen nüchtern-strengen wie poetischen Blick auf wesentliche Aktionen des gesellschaftlichen Alltags. Tiefgründig wie auch bezaubernd in seinem Mut zur Reduktion und Wiederholung, zum Aufgreifen von Bedeutsamkeit im Kleinen als Abbild des Großen.DS Divers2

Best Cinematography-Award wurde für „Divers“ von Georgie Wood, USA, vergeben. Teilbeobachtungen voller Eigenwilligkeit prägen diesen Film. In einem intensiven, feindurchdachten Zusammenspiel von Bild, Minimalhandlung und Ton wird lustvoll und gekonnt mit den Erwartungshaltungen des Rezipienten gespielt; mit seinem tradierten Zuschauen und seinem alltäglichen Wissen um das, was vermeintlich nun zu sehen sein und passieren würde. Ein Vergnügen für neugierig offene Augen.

DS YinYangCultural Gap ist das Thema in „When Yin Meets Yang“ von Young-Ju Yoo, Niederlande, ausgezeichnet mit dem Best Student Film Award. Mit den Mitteln des Filmens wird die Vielfalt an Trennendem zwischen zwei Menschen, die sich lieben, skizziert. Inhaltlich nicht besonders überraschend, in der Erzähl- und Darstellungsweise aber kreativ. Das, was die tänzerische Ebene beiträgt, ist von berührender Tiefe: Mit großer Offenheit scheint sich hier das Innere der beiden in ihren ‚unwillkürlichen‘ Bewegungen voller Ehrlichkeit zu artikulieren. Die Kameraführung ist diesen Feinheiten ein kongenialer Partner. DS YinYang2

Ja, es ist, wie Moar im liebevoll und informativ gestalteten Programm-Büchlein formuliert, eine ‚prachtvolle Vielfalt‘, die an drei Tagen zu erleben war – Fortsetzung möge folgen. 

Dance on Screen, Filmfestival; 30. Oktober bis 1. November 2026 im Kunsthaus Graz