Wenn der französische Choreograf Etienne Béchard Geschichten in Bewegung umsetzt, formt er sie aus Tanz, Theater und Akrobatik. Mit viel Aufmerksamkeit werden diese in das gegebene Bühnenbild eingefügt, durch markante Kostüme akzentuiert: Ein Gesamtkunstwerk im besten Sinne kann entstehen – und ist bei der Uraufführung dieser Interpretation des oft bearbeiteten Shakespeare-Werkes „Romeo und Julia“ zu erleben.
Ballettdirektor Dirk Elwert hat es also wieder getan: Er hat einen international erfolgreichen Choreografen engagiert und mit dessen Choreografie das tanzaffine Grazer Publikum im Opernhaus mit einer Tanzproduktion der sehr anderen Art konfrontiert: Es dankte es ihm mit langem, begeistertem Applaus. 
Das zeitlose Geschehen um unglücklich Liebende, die Shakespeare in der konkurrierenden Welt zweier Familien ansiedelte, versetzt Béchard in eine apokalyptische. In eine, die aus heutiger Sicht beängstigend vorstellbar ist; ob verursacht durch Krieg, durch Umweltschäden, Klimaänderung: fast alles ist vernichtet, jegliche Ordnung aufgelöst. Es herrscht Überlebenskampf um letzte Ressourcen. Auf düsterer, nahezu leerer Bühne sucht Romeo (Gionata Sargentini) nach Verwendbarem, um sich an deren Erinnerungspotential – an Strukturen und einer funktionierenden Gesellschaft – aufzurichten. Eine ‚Fetzenpuppe‘ ist ihm, dem feinfühlig-verträumt Hoffenden (vorerst) ‚Partnerin‘.
Sein Fetzen-Kostüm ist, wie auch alle anderen, zum Großteil opulenten Kostüme der KünstlerInnen, aus gefundenem, gebrauchtem Material aus den Werkstätten der Bühnen Graz gezaubert: von Tomas Bradley, der damit einerseits faszinierend Fantasievolles wie konsequent Durchdachtes schafft: jeder der beiden verfeindeten Gruppen in derselben Farbe, am Ende alle in hautfarbenen, einfachen Bodys ‚nackt‘. Und der andrerseits auf diese Weise die dargestellte fiktive Zerstörung und Not auch mit der ‚realen‘ Theaterwelt, somit mit unserer Gegenwart und ihren Zerstörungen und spürbaren Mängeln verbindet.
Vergleichbares gilt für die wild pittoreske Bühne von Isabel Toccafondi: Diese ist lediglich bestückt mit einem zusammengewürfelten, mit einer Bleibe. Einem Turm assoziierbaren Etwas, im zweiten Teil mit einem Autowrack, rund um das gekämpft und in dem von den Liebenden letzter Schutz gesucht wird. All dies wird gleichermaßen zurückhaltend wie auch dekorativ und vor allem bedrückend mit Nebel, Farben, Lichteffekten und Videos von Tom Vincke gut überlegt betont und überaus beeindruckend umspielt. 
Sergej Progofjews rhythmisch variationsreiche und melodisch mächtige Musik, bei der Béchard ein paar Kürzungen und auch Umstellungen vornahm, leitet unter dem Dirigat von Marius Burkert geradezu zwingend durch das tragische Geschehen. In der ersten Hälfte des „Tanzabend in zwei Teilen“ ist ihr die Bewegungssprache, ein in ihrem steten Fluss unerbittlich wogendes Gegenüber. Akzentuiert durch Akrobatisches baut sich eine Atmosphäre des Schreckens auf. Die in markanten, von der Compagnie beeindruckend dargebotenen szenischen Formationen stehen treibend und dominant als Masse hinter und über dem, was an tänzerischem Potential an detailliert Feinem, Tiefgreifendem Ausdruck finden könnte: Der aufkeimenden Liebe wird in der auch nach der Katastrophe von Macht und Gewalt beherrschten, also unveränderten Welt kaum Platz gelassen.
Dort, wo Emotionalität in guter wie in schlechter Weise sein Ventil findet, geht der Tanz – insbesondere im zweiten Teil – nachhaltig unter die Haut. Julia, an diesem Abend getanzt von Kirsty Clarke, ist sowohl im Vermitteln ihrer Zuneigung (Balkonszene und insbesondere in der des Abschiedsschmerzes) wie in ihrer widerständischen Grundhaltung berührend, tänzerisch am Punkt. Besonders überzeugend ihr Versuch der Selbstbehauptung dem Vater gegenüber oder der der Abwehr gegenüber dem ‚Whisperer‘ (Barbora Kubátová), der wiederum seine Rolle des fiesen Verführers bestechend mimt. Eine glaubwürdig selbstbewusste Mutter weiß Mireia González-Fernández auf die Bühne zu bringen. Die an Stelle von Shakespeares Pater von Béchard eingeführte Schamanin - der Choreograf begründet diesen Rollentausch nachvollziehbar mit der Unzulänglichkeit von Religion in derart unmenschlichen Zeiten – wird von Savanna Haberland in ihrer helfenden wie verführenden Rolle theatral und tänzerisch sehr gut ausgefüllt. 
Die Kraft und Schönheit der in dieser Bilderflut des rücksichtlosen Gegeneinanders, aber auch der Gegensätze von Gewalt und Liebe zu erlebenden Choreografie ist von herausragender Qualität. Das ruhige Schlussbild, in dem sich beide Gruppen ihrer kennzeichnenden Kleidung entledigen und zu den beiden Toten legen zählt zu den besonders gut gelungenen, feinfühligen Passagen.
Ballett Graz: "Romeo und Julia", Uraufführung am 17. Okotber 2026 in der Oper Graz. Weitere Vorstellungen