Jacqueline Kornmüllers „Ganymed“-Inszenierungen im Kunsthistorischen und zuletzt auch im Naturhistorischen Museum zählen seit Jahren zu den Höhepunkten des Wiener Kulturkalenders. Ihr Reiz liegt in der Verbindung von Historischem und Zeitgenössischem, von bildender und darstellender Kunst – scheinbare Gegensätze, die einander wechselseitig verstärken. Heuer hat Ganymed im weitläufigen Otto-Wagner-Areal auf der Baumgartner Höhe einen neuen Schauplatz gefunden, und Kornmüllers Stationen nehmen auf vielfältige Weise Bezug auf die Geschichte des ehemaligen Krankenhauses.
Viele der Beiträge reflektieren die psychiatrische Praxis, die zur Gründerzeit Anfang des und lange bis ins 20. Jahrhundert im "Steinhof" betrieben wurde. Aus heutiger Sicht war sie geprägt von Unverständnis gegenüber seelischem Leiden, von ärztlicher Überheblichkeit und einer dem System innewohnenden Grausamkeit – bis hin zu den Exzessen der Nazis, die dort "Am Spiegelgrund" Kinder ermordeten.
Zwölf Stationen setzen sich mit diesen scheinbar überholten Menschenbildern auseinander – und lassen fragen, ob sie nicht gerade jetzt wieder fröhliche Urständ feiern. Zugleich eröffnet der Parcours eine Gegenperspektive: Wo die Medizin von damals den Menschen auf seine Diagnose reduzierte, geben ihm die Künste seine Stimme, seinen Körper und seine Geschichte zurück.
Da ist etwa Christine Lavant, die nach einem Suizidversuch in eine „Irrenanstalt“ eingewiesen wurde und sich dort vor einer Kommission rechtfertigen musste. Ihren sensiblen Text über dieses „Verhör“ interpretiert Katrin Grumeth so eindringlich, dass er unter die Haut geht. Lavants Schreiben selbst zeugt davon, wie sehr künstlerischer Ausdruck zur Selbstbehauptung werden kann – gegenüber einem Apparat, der das Erleben der Betroffenen nicht hören wollte.
Nicht minder beklemmend ist „Die Entdeckung des Gedankens“ von Jakob Hein. Hier geht es um die chirurgische Behandlung psychischer Erkrankungen, etwa die Lobotomie: Nervenbahnen im Gehirn wurden durchtrennt, um Patientinnen und Patienten ruhigzustellen – freilich mit gravierenden „Nebenwirkungen“. Im Chirurgen-Outfit macht Peter Wolf diese Methode sehr plastisch erfahrbar, an der Gitarre dezent begleitet von Peter Rom. Sichtbar wird ein Menschenbild, das Heilung als Eingriff von außen verstand und dabei den Menschen selbst aus dem Blick verlor.
Mit Amélie Nothombs „Märchen vom Kranich“, der in Gestalt einer Frau aus seinen Federn die kostbarsten Stoffe webt, bezaubern Clemens Ledl, David Müller und die Tänzerin Manahoe Shimokawa – ein Bild für das Schöpferische, das sich aus der eigenen Substanz speist und zugleich an ihr zehrt.
Die Zwillinge Mercedes und Miriam Vargas haben in der Geschichte „Vom bösen Geist“ ein wunderbares Gleichnis für ihre „Verdopplung“ gefunden: Sie verkörpern die Inbesitznahme einer Person durch eine unheimliche Kraft, die in Havanna mithilfe von Voodoo-Ritualen ausgetrieben werden soll – und doch bleibt. Die Szene erinnert daran, wie unterschiedlich Kulturen seelisches Leiden deuten und dass Rituale, Musik und Tanz seit jeher zu den Heilpraktiken der Menschheit gehören.
Vom Verlust des Körpergefühls handelt Oliver Sacks’ Geschichte „Die körperlose Frau“, gestaltet von einer Gruppe von Schauspielerinnen und Tänzerinnen. Gerade der Tanz, der wie keine andere Kunstform mit Körperwahrnehmung arbeitet, macht diese Erfahrung unmittelbar nachvollziehbar. In Milena Michiko Flesars Text „Mit Haut und Haaren“ geht es um die Auflösung der Identität einer Pianistin (Alma Hasun), die im Burnout gegen die Disziplin ihres Musikerinnendaseins ankämpft – und sich doch gerade in ihm vollständig erkennt. Johanna Kam begleitet die Szene wunderbar am Klavier. Hier rückt auch die Gesundheit der Künstlerinnen und Künstler selbst ins Bild: Die Kunst, die stärken kann, kann auch krank machen, wenn Leistungsdruck die schöpferische Freude verdrängt.
Eine liebenswert-heitere Station erlebt man in „Tonyto“: Yoshie Maruoka spielt eine mitfühlende Betreuerin ihres naiv-liebenswerten Patienten Tonyto (Tony Rey Garcia) – eine kleine Studie über eine positive Beziehung zwischen Betreuerin und Betreutem.
Das Ensemble Federspiel nimmt das Krankenhausdasein auf die Schippe: “Seehunde” nennen sie ihren launigen Beitrag. In Pyjama und Schlafrock treten die Musiker als Patienten auf und eröffnen eine Konversation der Blasinstrumente, bis Roland Eitzinger an der Tuba sein Lebenslicht ausbläst und auf dem Bett kollabiert – wohl auch eine Anspielung auf die Lungeheilanstalt, die ebenfalls auf dem Areal errichtet wurde. Humor als Ventil und Gegengift – auch das gehört zu den heilsamen Kräften der Kunst.
Sechs Sängerinnen und ein Geiger, alle in blauem Outfit uniformiert, interpretieren Johanna Doderers „Für die Kinder von Gestern“. Sie führen das Publikum in den angrenzenden Raum, in dem Franz Schuh per Video über „Die Welt von morgen“ philosophiert.
Und so wandert man durch das Otto-Wagner-Areal mit seinen Jugendstil-Pavillons inmitten einer Parklandschaft, die schon bei ihrer Errichtung als heilsame Umgebung gedacht war, und gelangt schließlich zur spektakulären Kirche. Dort spielen András Dés, Srdan Ivanovic und Omid Derwish „Sonntags“, eine musikalisch-tänzerische Szene der Befreiung.
Jacqueline Kornmüller setzt mit ihrer Bespielung des Otto-Wagner-Areals ein lebendiges Statement zur Geschichte des Ortes. Bald wird man davon nichts mehr spüren: Die Renovierung der Pavillons schreitet zügig voran, aus der vorübergehenden Nutzung wird ein dauerhafter Ort für Kunst und Kultur, und in einigen Jahren soll hier die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien ihren Sitz haben. So verwandelt sich ein Ort der Krankheit in einen Ort, an dem Kunst und Kultur Gesundheit und Wohlbefinden fördern – ein Wandel, den auch die Forschung, unter anderem der Weltgesundheitsorganisation, stützt. "Ganymed Areal" macht diesen Wandel sinnlich erfahrbar – als Erinnerung an das, was hier vielleicht geschehen ist, und als Ausblick darauf, was Kunst für die Gesundheit der Menschen leisten kann. Schön, dass die Serie auch 2027 noch einige Male zu sehen sein wird.
“Ganymed Areal”. Eine Inszenierung von Jacqueline Kornmüller amd Otto Wagner Areal. Premiere am 25. April 2026, Gesehene Vorstellung am 3. Oktober. Weitere Vorstellungen am 17., und 24. Oktober sowie im Mai und Juni 2027.