DoubleExposure2Die beiden Künstlerinnen Clarissa Rȇgo und Bruna Diniz Afonso, kommen aus Brasilien, leben schon länger in Graz und sind klassisch wie zeitgenössisch ausgebildete Tänzerinnen und Choreografinnen. Ein weitgestecktes Thema, das des Mensch- und Frau-Seins, verbindet sie ebenso und führt zu diesem Doppelabend: Zu zwei Präsentationen aus unterschiedlicher Perspektive und vor allem zu zwei sehr individuellen performativen Umsetzungen.

Auf strahlend weißem Boden und vor ebensolchem Hintergrund einer leeren Bühne steht eine in Schwarz gekleidete Gestalt. Ganz langsam beugt sie sich Wirbel um Wirbel zum Boden. Ihr Schatten wird zu einer vorerst geöffneten Blüte, die sich langsam schließt und in die die Gestalt schließlich versinkt, in der sie zu einem undefinierbaren, geschlossenen Etwas wird. Was steckt in diesem eingangs schon angedeuteten Blumen-Kleinod?

Die Rezipienten können es im Laufe der folgenden knappen 45 Minuten entdecken. Nicht zufällig lautet der Titel von Clarissa Rȇgos Choreografie „Iris“. Die zwei Wortbedeutungen –umrundender Teil der Pupille und Schwertlilie – mögen darauf hinweisen, dass Schönes gesehen und damit entdeckt werden kann und soll. Wieviel unbekanntes Schöne, aber freilich auch „Hässliche“ in einem menschlichen Körper -Metapher für den Mensch ganz allgemein - stecken, das eröffnet Rȇgo den Zuseher-Augen. Ganz gegen Ende ziemlich krass in Form von kurzen, gesichtsverzerrenden Fratzen. Es folgt eine alleinige Sicht auf ihre aufmerksam kreisenden Augen. Und dann steht sie da, im abschließenden Bild: als Mensch in seiner für bekannt erachteten, ‚normalen‘ Erscheinungsform; als Aufforderung per se: schaut mich genau, genauer an. Erkennt, was ich bin und vor allem auch, was ich noch sein kann.

Ganz wunderbare, feinsinnige und faszinierende Abbilder dieser menschlichen Facetten sind in den nahezu meditativen und ausnahmslos minimalistischen Bewegungsszenen davor zu erleben. Das lebensgebende Atmen als solches steht zu Beginn: Ein zusammengekauerter Rücken in kleinen, fein ziselierten Wellenbewegungen, die sich in beruhigender Gleichmäßigkeit lange wiederholen, zieht in den Bann, macht das kaum beachtete Geschehen bewusst. Und lässt selbst ruhig werden, entspannt aufmerksam – ein heute nur mehr selten gefühlter Zustand. Die zeitlupenartigen, oftmals wiederholten Minimalbewegungen im Folgenden kreieren Körperbilder, zum Teil installationsartig, wie sie noch kaum zu sehen waren. Offen für jede Art der Assoziation vermitteln sie bislang unerkannte Vielfalt von eigentlich Bekanntem, fordern eindringlich zu Offenheit für ‚anderes‘ Hinsehen auf. Das Geschaute mag auch bedrohlich interpretiert werden, wie es nach einiger Zeit ein nahezu schmerzend greller Soundtrack (Thilo Seevers) auf und abschwellend kurzzeitig unterstreichen könnte. Aber der Zauber der punktgenau gebotenen Bewegungskunst, die eine positive Sicht auf so viel an ungenützten Möglichkeiten freilegt, ist als dominante Aussage im Vordergrund. 

Insgesamt ist die zu erlebende Klangwelt wie auch die kunstreiche Beleuchtung (David Marjoran) von gleichermaßen zurückhaltendem wie wesentlich ‚mitspielendem‘ Charakter. Ein homogenes, feingliedriges Kunstwerk für dreierlei Sinne. DoubleExposure3

Dieses gelungene Zusammenspiel der Kunstdisziplinen gilt auch – Beleuchtung und Soundtrack in gleicher Besetzung- für „Who Can I Be“ von und mit Bruna Diniz Afonso. Das markante Bühnenbild, das aus mehreren geflochtenen, übergroßen und langen Haar-Zöpfen besteht, die mit dem geflochtenen Haar der Performerin verbunden sind, steuerte Silke Fischer bei. Afonsos Auseinandersetzung mit dem Mensch-Sein ist ein offenherzig-persönliches, geprägt von extrovertierter Energie und klarer Unmittelbarkeit. Sie macht kein Hehl aus dem möglichen Einsatz sogenannter ‚weiblicher Waffen‘, aber stellt sie in deren Überzeichnung – auch wenn sie – zugegeben – in dieser, Afonsos gekonnt performativen Umsetzung faszinieren – gleichzeitig sehr wohl in Frage. Denn: Wo und was ist der dahinterstehende Mensch? Wer definiert ihn wie? Eine Anzahl diesbezüglicher ebenso naheliegender wie doch selten bewusster Fragen werden eingespielt, aber auch von ihr selbst live formuliert. So manche davon berühren, rütteln durch ihre einfache Klarheit: „Can I be a resident without being useful?“ Könne sie Österreicherin sein, „without giving up my original identity?“ Das Thema von möglicher bzw. unmöglicher Integration ohne Identitätsverlust ist neben dem der grundsätzlichen Farge nach dem Menschsein dominant, hoch aktuell und berührend, ohne dabei zu klagen oder lautstark anzuprangern; kunstvoll eben. Die Verbindung zwischen Sprache und Performance ist eine sehr fließende und damit gelungen wie selten. Bewegung und Wort sind nicht deckungsgleich, sondern ergänzen einander. Sinnliche Lebenskraft und die des kritischen Fragens geben einander visuell und körperbasiert einprägsam und mitreißend die Hand. Manch ironisches Aufblitzen im Bewegungsrepertoire wie auch sprachlich macht die Performance zu etwas Lebensnahem und damit sehr griffig. Entsprechend lang und kräftig der Applaus im ausverkauften Theaterhaus.

Clarissa Rȇgo und Bruna Diniz Afonso: "Double Exposure" am 2.Oktober 2026 im Theaterhaus Graz