The future is now im Düsseldorfer tanzhaus nrw: Das letzte Stück einer Trilogie zur Vermessung des Verhältnisses von menschlichem Körper und digitaler Technik der Choreografin Brig Huezo „The Ghost In The Glitch“ ist ein gewaltiges Spektakel, in dem der virtuelle Raum und menschliche Bewegung verschmelzen.
Es wirkt nicht sehr einladend, was auf den drei Bildflächen im Hintergrund zu sehen ist. Eine karge Landschaft in blasser Farbe gehalten, an ein futuristisch-dystopisches Videospiel erinnernd. Mittendrin zwei lange schmale Figuren mit baren Brüsten und langen Haaren. Dann noch zwei oder zwischendurch drei rotgelb leuchtend Kreise, Sonnen, Kugeln, die sich im unteren Drittel durch das Bild bewegen.
Auch die fünf Personen davor scheinen aus einer anderen Welt zu kommen: rote Stirn, die Körper mit hautenger, landschaftsähnlicher Textur überzogen. Sind sie archaische Wesen oder der Virtualität entkommen, gehören sie dem Hintergrund an oder bilden sie zu diesem einen Gegenpart aus Fleisch und Blut? So unklar sich die Situation gibt, so langsam, leise und etwas ungelenk wirkend, beginnen die Bewegungen vor und auf der hinteren Bildfläche. Den Kopf kurz zur Seite geneigt, die Finger gezuckt, ein minimaler steifer Ruck durch den Rumpf, ein wackelndes Bein. Diese Körper sind also doch verbunden mit der digitalen Welt, können (noch) nicht oder nicht mehr menschlich.
Langsam gewöhnt man sich an das Setting. Langsam wird man herangeführt an eine computerisierte Menschlichkeit oder an eine anthropomorphe Digitalität. So langsam fließen Bildwelt und menschliche Körperlichkeit, dass die Synchronität der Figuren auf der Leinwand mit zwei der davor Tanzenden augenscheinlich wird. Wir sind mittendrin in der posthumanen Virtualität, in der analoge Bewegung mit der Digitalität verschmilzt. Sich gegenseitig bedingt und man nicht mehr weiß, wer oder was wen oder was dirigiert oder bewegt. 
Brig Huezo gibt den Zuschauenden in ihrem Stück „The Ghost In The Glitch“ ausreichend Zeit, sich einzutunen in diese hybride Situation und sich an die Computerspielästhetik zu gewöhnen. Vor sich neu generierenden Welten, die an Filme wie Matrix oder Herr der Ringe erinnern, steigern sich die einzelnen, unterschiedlichen aber immer runden und weichen Bewegungsmuster der Tänzerinnen, um sich zwischendurch in einer Einheit zu finden oder gar ein einzelnes Gebilde mit zehn Armen und fünf Köpfen zu formen. Präzise wie ausdrucksstark tanzen die fünf Performerinnen Darya Myasnikova, Yeojin Kim, Juliana Garaycochea, Laura Martin Rey und Lena Visser. Sie bewegen sich exakt und zeigen in Solopassagen individuelle Stärken. Hie und da schleicht sich ein Glitch in den Hintergrund: farbig verzerrt er diesen, wie wir das von den Bildstörungen von Computer- oder Fernsehbildschirmen kennen. Das gibt vor allem in Bezug auf den Projekttitel zu denken – ist der Glitch, also die Anomalie, die in Computerwelten auftaucht, das Menschliche an der Digitalität? Oder sind die Menschen hier die Geister, die mittels Live-Motion-Capture in der virtuellen Welt Glitch erzeugen oder diesen stören? Ist der Glitch Ausdruck einer Verbindung zwischen Mensch, Maschine und Digitalität?
Schließlich bringen die Tänzerinnen zu streng getakteter Musik (Cold Song von Henry Purcell) ein Pferd mit schön gewellter Mähne und Seitenscheitel auf die Bühne, umtanzen dieses in militärischer Manier, mit ritterähnlichen Jacken bekleidet und in blutrotes Licht getaucht. Der Archetypus von Weltordnung ist eingezogen. Bald wird diese sich aber auflösen, wenn die fünf sich in ihren wieder ursprünglichen, hautengen Kostümen des Pferdes ermächtigen und dabei wild zu technoiden Klängen tanzen – begleitend von dem Zusammenspiel von Feuer und Wasser im Hintergrund. Bis sie sich verbissen und blutend um eine von der Decke fallende Lichtschlange winden, sich zu einer Laokoon-Gruppe bilden und schließlich den weißen Boden blutverschmiert verlassen.
Episch und herausfordernd sind diese 90 Minuten, in denen die Tänzerinnen mit ihrer Bewegungsvielfalt wie mit ihrer Ausdauer beeindrucken. Brig Huezo beherrscht das hybride Spiel und zeigt, wie sehr wir bereits verschmolzen sind mit der Digitalität. Dabei stellt sie die Frage, wie man deren Übermacht entkommen kann, ohne in eine martialische Welt zu driften. Spürbar wird aber schlussendlich, wie sehr wir Menschen analoge Unmittelbarkeit und Berührung brauchen.
Brig Huezo: „The Ghost In The am 25. September im Tanzhaus NRW