Soemtimes3Die Körperinstallation „SOMEtimes all it takes is a little more TIME” im Münchner Schwere Reiter hebelt das Zeitgefühl aus. Dieser Choreograf und Tänzer strahlt innere Ruhe aus – in welcher Situation auch immer man Stephan Herwig begegnet. Jede Art von Hektik scheint ihm fremd, privat ebenso wie bei der Arbeit. Eine solche stille, zurückhaltende Beharrlichkeit lässt seine Stücke stets ohne großes emotionales Drama, äußerliche Effekthascherei, lautes Gedöns oder unnötiges Lärmen auskommen.

Auch seine Grenzen sprengende jüngste Produktion „SOMEtimes all it takes is a little more TIME“ verdankt ihre Sogkraft der subtilen Entfaltung einer starken, gedanklich zum Abtauchen einladenden Atmosphäre.Soemtimes2

Inhaltich steht diesmal das Phänomen Zeit im Fokus – passend zum 20-jährigen Produktionsjubiläum, zu dem Herwig sich und seinem Publikum ein fantastisches Live-Erlebnis mit vierstündiger Spieldauer bei permanent offenen Türen im Schwere Reiter schenkt. Gemeinsam mit seinen elf Mitstreitern – Guido Badalamenti, Aurora Bonetti, Jennie Boultbee, Erica D’Amico, Isabel Galliciotti, Erick Godoy, Anima Henn, Hikaru Osakabe, Karen Piewig, Susanne Schneider und Alessandro Sollima – schafft es Herwig, einen quasi geschützten Ort fernab jeglichen Alltags zum Leben zu erwecken. Dieser besticht mit zahlreichen Passagen ganz in Stille wie Besinnlichkeit und fördert das Selbst-zur-Ruhe-Kommen innerhalb einer höchst konzentrierten Gemeinschaft. Alles ist perfekt dazu eignet, abseits des bierdunstgeschwängerten Münchner Oktoberfesttrubels einfach mal ohne Blick auf die Uhr in tänzerisch generierten, unterschiedlichsten Stimmungen zu verweilen.

Soemtimes4Wechselnde Klanglandschaften und das niemals vorhersehbare plötzliche Auftreten oder leise Verschwinden einzelner Tänzerinnen und Tänzer bremst jeden Anflug von Langeweile schnell aus. Zudem darf sich das Publikum frei im Raum bewegen und erhält damit die Möglichkeit, die Perspektive auf sich immer wieder neuformierende Bewegungsskulpturen jederzeit selbstständig zu verändern. Parallel dazu wird einem im Studio nebenan sehr anschaulich in zwei unterschiedlichen Videomitschnitten von Herwigs „My Body My Monument“ vor Augen geführt, wie anders man doch eine Choreografie rezipiert, wenn sie in einer Unterführung oder auf einer Waldlichtung getanzt wird.

Seit Herwig vor 20 Jahren seine erste eigene Produktion „the sanctuary project“ im damals noch alten Schwere Reiter vorgestellt hat, ist es ihm gelungen, sich in der freien Münchner Szene mit stabiler Kontinuität, fließenden choreografischen Phrasen und vielen bildschönen gedehnten Momenten zu behaupten. Nun blickt er in einer „bewegten Körperinstallation“, die gar nichts Statisches oder loopartig Repetitives an sich hat, mit der ihm eigenen gelassenen Konzentration auf insgesamt 16 zurückliegende abendfüllende Werke zurück. Ausgewählte Plakate davon hängen an den Türen. Zitiert wird aber keinesfalls altes Bewegungsmaterial, höchstens Flair oder Gemütslagen, auf die sich Herwig als Choreograf so gut versteht.Soemtimes1

Was inhaltlich transportiert werden soll, lässt Herwig wie schon so oft auf minimalistische Art und Weise tänzerisch eher abstrakt durch situative Verschiebungen der Performer im Raum, ihre Blicke und Haltung sowie aufeinander reagierend ausdrücken. Gerade deshalb steckt „SOMEtimes all it takes is a little more TIME“ voller Zauber und stellt heraus, warum sich dieses choreografisch über Jahre hinweg in thematisch unterschiedlichen Produktionen regelrecht zum stilistischen Markenzeichen weiterentwickelte Konzept in Herwigs Falls auf lange Sicht bewährt. Dort, wo man eine Zuspitzung an physischer Intensität und Geschwindigkeit oder musikalisch motiviert vielleicht sogar das grobe Aufbäumen erwarten könnte, zieht es Herwig vor, die Motorik seiner Tänzerinnen und Tänzer zu entschleunigen, Gesten von Zärtlichkeit einzubauen und auf die Wirkung langsamer, erst beim genauen, Hinsehen merklicher Bewegungen zu setzen. Mehr denn je surft er damit gegen den hastigen und medial fahrig-ruhelosen Puls der Zeit an. 

Stephan Herwig: „SOMEtimes all it takes is a little more TIME” am 18. September 2026 in Schwere Reiter München.