CollectivfXY2Seit nunmehr über 25 Jahren bringt La Strada, dieses Festival für Straßenkunst, Figurentheater, Neuen Zirkus und Community Art, Jahr um Jahr neue künstlerische Formen, überraschende Perspektiven und – in der heurigen Ausgabe ganz besonders – ungewöhnliche Angebote zum Mitmachen in die Stadt und einzelne Gemeinden der Umgebung.

Die Möglichkeit zur Teil-Habe war in aktiver Weise in Workshops gegeben: So bewegten sich in Langsamkeit und Stille Menschengruppen durch den urbanen Raum und bildeten derart performative Gegenpole, kleine Landschaften zum hektischen Stadtgeschehen. Andere Kleingruppen erfuhren durch das achtsame Balancieren eines kleinen Steines auf dem Kopf beim Gehen durch die Straßen neue Formen der aufmerksamen Wahrnehmung altbekannter Stadträume. 

Dass die zahlreichen, unterschiedlichen Formen des Straßentheaters Teile des Publikums zu integrieren verstehen, war schon am Festival-Beginn, bei „Les petites épopées…“ zu erleben: Die Gruppe Le doux supplice erzählt mittels ‚einfacher‘ Alltagsbewegungen, in die nahezu selbstverständlich kontinuierlich akrobatisches Können einfließt, vom scheinbar vorgegebenen Schicksal eines Paares. Nach und nach formiert sich unter immer größerer Einbeziehung des Publikums der Widerstand gegen das gemeinhin als unveränderbar Angesehene: Es entwickelt sich ein Gefühl, eine Atmosphäre der Hoffnung, entstanden durch unbeirrbar gemeinsames, kreatives Agieren. DecorSonore

Ein Thema, das sich – zeitkritisch und aufrüttelnd gleichermaßen - durch zahlreiche Produktionen dieses Festivals zieht. Etwa auch im Klangprojekt „Chiche?!“ von Décor Sonore: Es spielt nach der Energiekrise, in einer Zeit ohne elektrischen Strom. Aber warum deswegen auf Kunst, auf Musik verzichten, fragen sich diese Klangkünstler auf ihrem Weg durch die Stadt und entlocken den unterschiedlichsten Objekten, ob Metall-Rohre, Fahrradspeichen, Absperrungsgitter, Einkaufswägen, Blechabdeckungen, Fahrradständer gar wundersame Klänge, ja, gemeinsam mit dem Publikum sowie einer mitgebrachten Kaffeemühle und einem Quirl auch kleine Melodien: Nur nicht aufgeben, das vermitteln sie sehr charmant. 

duCoinVoller Energie und mit musikalisch breitgefächertem Können zieht die Compagnie du Coin ihr Publikum mitreißend, wenn auch ein bisschen plakativ in das Thema der Kraft des Miteinanders und des Hoffens. „95% Mortel“ vermittelt hautnah interaktives Musizieren im öffentlichen Raum, pausenloses Agieren und Motivieren zum Weitermachen – hier und jetzt im Bewegungsfluss; angesichts einer Generation, die alles wollte und doch scheiterte, und im Bewusstsein, dass es zu 95% zu spät ist.  

Am anderen Ende der Möglichkeit von Teilhabe und Hoffnung verortet sich das Projekt „Let the Mountain come to you“ mit Nana Francisca Schottländer. Es ist Teil des mehrjährigen Community-Art-Projekts Signal vom Dachstein. Bei dieser Multimedialen Installation wird der Zuseher vorerst eingeladen, einen der auf Podesten liegenden Steine zu wählen und bei sich zu halten; als sinnliches Zeichen der Annäherung an den Berg. An den Teil von ihm, an den Gletscher, der nach tausenden von Jahren „…is coming undone“. Und dem sich im Video die unbekleidete Künstlerin ganz vorsichtig, langsam, einfühlsam und respektvoll zu nähern, einzufügen versucht. Mit der Hoffnung, von dieser „transition from hard to soft“ zu lernen. Sowie mit der, dass es also weitergehen wird, anders. Dieses optische Gegenüber von unbeweglichem Fels, Gletscher in teilweisem Fluss und den tastenden Bewegungen eines Körpers ist tiefgründig und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck.Deutinger

Die Begegnung von Mensch und Natur, das Präsent-Sein und Verschwinden stehen thematisch auch im Fokus des Projekts „A MOMENT’S NOTICE“ von Alex Deutinger & Alexander Gottfarb. Als Hoffnung mag für die Künstler stehen, dass die Nähe von Mensch und Natur in Ihrer Performance im Botanischen Garten, bei der sie in Ghillie-Tarnanzügen auftreten und sich, wenn überhaupt, nur ganz langsam bewegen, sich derart vermittle, einprägsam bewusst werde. Die teilweise von ihnen eingesetzten Spiegel sollten das wohl auch verstärken. Ob sich dies und auch andere im Programmheft formulierten Inhalte tatsächlich vermittelten, scheint eher fraglich. 

LePatinLibreOhne tiefgründige Intentionen darf Straßentheater aber sehr wohl auch sein und erfreuen: Das gilt einerseits für das kanadische Ensemble Le Patin Libre und ihre bezaubernde, ideenreiche Performance auf Rollschuhen „Wheels & Cello“, in der sie zu den ohrenschmeichelnden Klängen des Cellos tänzerisch Schmeichelndes für die Augen boten: Dass sie aber auch Humor auf die Bühne bringen und ebenso (g)rollende Streitigkeiten schwungvoll umsetzen, war berechtigterweise Grund für begeisterten Applaus. Fahrrad-Akrobatik zum Staunen und nicht selten zum Atem-Anhalten weiß die neunköpfige Gruppe La Bande à Tyrex in ihrem „Musical Cycling Ballet“ zu bieten. Es ist tatsächlich Lebensfreude pur, die diese Künstler in solistischen Passagen, zu zweit und in Gruppe in zahllosen Variationen auf ihre Räder zaubern oder aus Posaune und Bass erklingen lassen. 

Der Qualität der drei überaus unterschiedlichen Bühnenproduktionen in Kürze gerecht zu werden, ist kaum möglich. Gingen doch etwa nicht nur Zirkus-Fans bei der originellen Chronik „Da Capo“ des Cirus Ronaldo und damit seiner 180-jährigen Familien-Geschichte in 7.Generation Herz und Augen auf. Zirzensisch traditionelle Kunst bot sich da in den den jeweiligen Zeiträumen entsprechenden Formen; gekonnt immer wieder in zeitgenössischer Art präsentiert. An historischen Requisiten wurde (ein bisschen zu) wenig gespart, an temporeichem Szenenwechsle und Spaß ebenso. Ein Wirbelwind an guter Unterhaltung.Scuse

Und es ging nahezu jeder und jede sehr nachdenklich und berührt weg – nach der Solo-Performance „SCUSE“ von und mit Frédérique Cournoyer Lessard. Nach dem Studium von Zirkus-Kunst und Filmproduktion sowie internationalen Erfolgen in beiden Bereichen, war es ihr ein Anliegen, die Möglichkeit von dramaturgischer Kreation aus und in diesen beiden Genres gleichzeitig auf die Bühne und eine Leinwand zu bringen: Um derart mit Wort, Film-Bild und Körper komplexe Inhalte annähernd komplex zu erzählen. Es ist ihr gelungen. Sechs autobiografische Erfahrungen und Szenen werden in diesem Zusammenspiel der Künste greifbar; allen voran durch ihre künstlerische Visualisierung von Erlebtem in akrobatischer Kommunikation mit dem Luftring. Wie sehr auch kleinste gesellschaftliche Muster ein Kind bezüglich seines Rollendenkens ganz allgemein sowie in sexuellen Bereichen prägen, welch einengende, ja fatale Folgen sie haben können, dies vermittelt sich hier in gleicherweise künstlerisch außergewöhnlichen wie feinsinnig-eindringlichen Weise.

CollectivfXYEröffnet wurde das Festival vom Collectif XY & Rachid Ouramdane. Und sie waren damit auch diejenigen, die mit ihrer Produktion „Möbius“ den ersten Schritt im Reigen derer taten, die sich auf die produktive Kraft von gemeinsamem Tun bezogen; ein solches, das aus vielem bisher an zeitgenössischer Zirkuskunst zu Erlebendem markant und berauschend herausragt: in seiner künstlerischen Akrobatik im harmonischen Fluss tänzerisch gleitender Bewegungen, des Werdens und Vergehens, des Aufbauens und Zusammenbrechens. Die hier gezeigten kaum vorstellbaren und somit ungeahnten Möglichkeiten im Potenzial der Menschen (siehe dazu die detaillierte Kritik in diesem Medium) können als Aufruf gelten, die Hoffnung auf bislang ungeahnte Möglichkeiten von Problemlösungen nicht zu verlieren.   

La Strada Graz 2026, 31.Juli-8.August 2026

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