Cunningham3ImpulsTanz ist alljährlich die sommerliche Tour de Force der Wiener Tanzszene und öffnet auch heuer wieder den Blick auf Vergangenes – die ImpulsTanz Classics – Gegenwärtiges. Aus dem überbordenden Programmangebot habe ich mich diesmal bewusst auf bereits bewährte Formate konzentriert: jene Arbeiten, die längst Tanzgeschichte geschrieben haben und aller Voraussicht nach auch weiterhin schreiben werden.

Die Wegbereiter

Merce Cunningham (1919–2009) und Trisha Brown (1926–2017) bereiteten den Boden für die Tanzevolution der letzten 60 Jahre. Zwei ihrer ikonischsten Werke wurden nun wieder präsentiert: Cunninghams "Travelogue" und Browns "Set and Reset". Die Klammer zwischen beiden Werken bildete der bildende Künstler Robert Rauschenberg, der für beide Stücke Bühnenbild und Kostüme kreiert hat. Zu seinem 100. Geburtstag wurde 2025 die Zusammenarbeit zwischen der Trisha Brown Dance Company und dem Merce Cunningham Trust mit dem Titel "Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage" initiiert.

Die schier unerschöpfliche künstlerische Neugier, die diese New Yorker Künstlergeneration antrieb, ist zurzeit in der Ausstellung "Robert Rauschenberg: Image and Gesture" in der Kunsthalle Krems zu sehen. Im Sog dieses kreativen Geistes setzte Cunningham in "Travelogue" (1977) seine bewegten Figuren zu Rauschenbergs verspielten Objekten und bunten Kostümen in Szene, während John Cage einen Sound beisteuerte, der sich aus Telefondurchsagen generierte. Diese ikonoklastische Kunst ist heute ein eigenes Genre, das aufgrund seiner Absurdität einen speziellen Witz erzeugt. Einen eleganten Gegenpol dazu bildet Trisha Browns "Set and Reset" zur Musik von Laurie Anderson (1983). Hier spielt das Bühnenbild "Electric Carrier" eine eigenständige Rolle: Anfangs nimmt das rechteckige Gebilde, auf das Filmcollagen mit Tonfetzen projiziert werden, die Bühne ein; sobald die Tänzer:innen auftreten, wird das Set hochgezogen und schwebt fortan über ihren Köpfen. (Während die Originalversion eine feste choreografische Struktur hat, wurde das Bewegungsmaterial 2011 unter dem Titel "Set and Reset / Reset" für andere Interpret:innen zur Improvisation freigegeben.)

TrishaBrown1Der Erfolg von "Set and Reset" war auch der legendären Originalbesetzung zu verdanken, unter anderem mit Stephen Petronio, Irène Hultman, Randy Warshaw und der Choreografin selbst. Auch Cunningham selbst tanzte 1977 in der Uraufführung von "Travelogue" an der Seite von Karole Armitage, Meg Harper und Chris Komar. Die heutigen Interpret:innen verleihen diesen Stücken eine andere Ästhetik und bieten dennoch einen Einblick in die Relevanz dieser Arbeiten.

Die oben angeführten Tänzer:innen der "Gründerzeit" sind bis heute als Wegbereiter:innen einer revolutionären künstlerischen Erneuerung unvergessen. Das gilt auch für die Kanadierin Louise Lecavalier, die in den 1990er Jahren als Haupttänzerin der kanadischen Gruppe La La La Human Steps Kultstatus erlangte.LouiseLecavalier1

Nicht der Tänzer wählt den Tanz, sondern der Tanz den Tänzer, sagt man – und diese Metapher trifft auf diese Ausnahmetänzerin ohne Vorbehalt zu. In ihren "danses vagabondes" lässt sie sich einfach tanzen, schütteln, vibrieren, durch den Raum bewegen. Tanz ist hier Überlebensstrategie und Lebensinhalt, Antrieb, Suche, Archivrecherche und Entdeckungsreise. Er ist eine Kraft, der sich auch das Publikum nicht entziehen kann – eine Stunde lang sind wir völlig in Lecavaliers Bann.

Keersmaeker19In Europa ist Anne Teresa De Keersmaeker eine der führenden Persönlichkeiten und Stammgast beim Wiener Festival. Heuer war erneut ihre gemeinsame Arbeit mit Radouan Mriziga, "Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione", zu sehen. Kam beim Gastspiel 2024 die Musik noch vom Band (tanz.at berichtete), musizierten diesmal "Gli Incogniti" unter der Leitung von Amandine Beyer live dazu und brachten mit ihren Klängen die leidenschaftlich-coole Tanzsprache De Keersmaekers zum Leuchten. Allerdings überschattete diese musikalisch-tänzerische Symbiose den ersten Teil, in dem Mriziga Vivaldi unter anderem mit populären Breakdance-Moves unhörbar dekonstruiert. Der musikalische Part könnte gut für sich allein stehen – damit hat sich Anne Teresa De Keersmaeker ihren prominenten Platz in der Tanzgeschichte längst gesichert.

Die UraufführungenBillTJones1

Nach 20 Jahren kehrte Bill T. Jones zu ImpulsTanz zurück – jener Choreograf, der mit seinem Partner Arnie Zane die New Yorker Tanzszene der 1980er Jahre aufmischte. An seine frühere künstlerische Bedeutung konnte er mit der Choreografie für den Tänzer Raja Feather Kelly allerdings nicht anschließen. Das verworrene Stück mäanderte zwischen privaten, Identitäts- und Arbeitsprotokollen, die der Tänzer bruchstückhaft im Lauf des Stücks wiedergibt. Sie sind das Ergebnis von Dialogen, die Jones und Kelly über Jahre hinweg geführt haben, und bestimmen das Solo mit dem Titel "The (a) Point Between 2 (or more) Confessions". Diese "Geständnisse" über Familie, Liebe, Männlichkeit, Sokrates und Gott bleiben dissoziierte, beliebige Gedankenschnipsel, für die die Bewegungen des Tänzers keinerlei dramaturgische Stütze bieten. Beeindruckend ist hier lediglich der Surround-Sound von James Worth Bennett, der Emily Wells' musikalische Collage "Dark Disco Remix" an unterschiedlichen Stellen im Raum "auftauchen" lässt.

AmandaDianor2Nachdem Amala Dianor / Kaplan im letzten Jahr das ImpulsTanz-Festival eröffnet hatten (tanz.at berichtete), setzten sie in diesem Jahr mit der Uraufführung von "Underflow" den Schlusspunkt. Es war ein Fest unterschiedlicher Formen des Urban Dance, ganz im ursprünglichen Geist des Hip-Hop: Die Jugendkultur versteht sich nicht nur als Musik- und Tanzgenre, sondern als Weltanschauung mit eigener Ethik von Respekt, Skill und Gemeinschaft. Unabdingbar ist dabei Authentizität ("keeping it real") – die Vorstellung, dass Kunst aus gelebter Erfahrung entstehen und nicht verfälscht werden soll. Die brillanten Tänzer:innen der Compagnie Amala Dianor / Kaplan verleihen den vielfältigen Stimmen aus marginalisierten Communities durch Stile wie Electro, Waacking, Krump, Dancehall oder Pantsula ihren eigenen Ausdruck. Diese Dance Gang, samt dem fantastischen DJ Awir Leon, der schon beim Saaleinlass die Stimmung aufheizt, ist einfach hin- und mitreißend: Das Publikum zuckt auf seinen Sitzen mit und springt enthusiastisch auf, sobald ein Blackout die Show beendet – und lässt sich durch den frenetischen Applaus auch gerne zu einer Zugabe überreden.

Choreografische RevivalChristosPapadopoulos4

Die Choreografie ist zurück – und das im eigentlichen Wortsinn: als Inszenierung von Chören, als Corps de Ballet. Beim griechischen Choreografen Christos Papadopoulos übernimmt das Ensemble die Rolle der Solist:innen. In "My Fierce Ignorant Step", mit dem das diesjährige ImpulsTanz-Festival eröffnet wurde, geht es um die Energie, die Freude und die Kraft eines Tanzschwarms.

ChristosPapadopoulos3Pionier dieser an Social Dances angelehnten Moves war wohl Hofesh Shechter, der den lässig-entspannten Groove in der Gruppe zu seinem Markenzeichen macht. Papadopoulos konzentriert sich ganz auf diesen Aspekt: Die zehn Tänzer:innen betreten die Bühne und beginnen ganz sanft, den Kopf und die Schultern zu bewegen, zu klopfen und zu steppen, mit ernster, grimmig-entschlossener Miene, als wären sie von den einfachen, repetitiven elektronischen Klängen (Musik: Kornilios Selamsis) gesteuert. Nach und nach verdichten sie sich zu einer Gruppe, bewegen sich als multipler Tanzkörper im Raum, werden von ihrem eigenen Atem bewegt, während der Sound zu epischer Fülle anschwillt. Ihre Gesichter entspannen sich, ihre Moves bekommen Sex-Appeal: Diese Feier der Gemeinsamkeit ist irgendwie unschuldig und evoziert die Raves, mit denen der 44-jährige Choreograf seine Jugend verbracht hat. Mit "My Fierce Ignorant Step" will er jenes Gefühl der Lebenslust und des Tatendrangs, den Sinn für Gemeinsames wiederfinden – ein Gefühl, das in unserer dystopischen Zeit kontinuierlich ausradiert wird. "Ich muss mich daran erinnern, dass bereits die Hoffnung ein Akt des Widerstands ist", schreibt Papadopoulos, und genau das geben er und die fabelhaften Tänzer:innen dem Publikum mit auf den Weg: Zehn Tänzer:innen bewegen sich wie einer, marschierend dem entgegen, was vor ihnen liegt; ihr Atem wird zur Stimme, die jeden Schritt lenkt, mal weit ausholend, mal zurückgenommen, aber stets fest und entschlossen. Wenn Atem zu Rhythmus wird und Rhythmus zu Bewegung, sammelt sich der Schwung zu einer stetig anschwellenden Strömung, die den Rausch des gemeinsamen Bewegens und die Widerstandskraft der Gemeinschaft feiert.LeilaKa5

Auch die Französin Leïla Ka rückt den Gleichschritt im Ensemble in den Blickpunkt, arbeitet aber zugleich präzise und mit feinen Gesten individuelle Abwandlungen heraus. "Maldonne" (schlechter Deal) ist eine Verkörperung unterschiedlicher weiblicher Identitäten, von braven, unglücklichen Hausfrauen in Blümchenkleidern bis zu selbstbewussten, rebellischen Frauen – differenzierte Rollenbilder, wie man sie zum Beispiel auch in Leïla Slimanis Romanen findet. Äußerst präzise choreografiert Leïla Ka diese Wandlungen der fünf Tänzer:innen mit 40 Kleidern, die sie in Secondhand-Geschäften fand und die den dramaturgischen Rahmen bilden. Ebenso eindringlich ist die Wahl der Musik: Der dröhnende Sound zu Beginn weicht dem kollektiven Atmen, Leonard Cohens "Dance Me to the End of Love" wird zum Tanzfest, und zur Barockmusik wird ein Streit pantomimisch-witzig inszeniert. Die 34-jährige Leïla Ka, deren künstlerische Wurzeln im Urban Dance liegen und die unter anderem für Beyoncé choreografiert hat, entwickelt eine eigenständige, hinreißende, sehr tänzerische und kraftvolle Sprache – mit französischem Esprit und Charme.

Zwischen Tradition und Moderne

EunMeAhn2Die koreanische Choreografin Eun-Me Ahn kam mit zwei Werken nach Wien. In "Post-Orientalist Express" taucht sie ein in die Tänze asiatischer Kulturen und fügt sie in einer Art Nummernrevue mit grandiosen Kostümen, schamanistischen Masken und unterschiedlichen Bewegungsmodi zusammen – von schwerelosem Gleiten über den Boden bis zu akrobatischen Stunts. Meine Ignoranz ist offensichtlich: Ich kann die Tänze nicht zuordnen, verfolge das Geschehen staunend, bin aber bald übersättigt von diesem Augenschmaus zur eintönigen Musik von Young-Gyo Jang. Am lebendigsten bleibt das Eingangsvideo mit kurzen Filmfragmenten in Erinnerung, unter anderem aus Stummfilmen oder aus "The King and I". Weitaus überzeugender war wohl Eun-Me Ahns "North Korea Dance".Alvarez

Auch der Spanier José Manuel Álvarez versucht in "Captura y Fuga" einen Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne – ausgehend von den Fotografien René Roberts (1936–2022) von Flamencogrößen wie António Gades, Israel Galván oder Eva Yerbabuena. Auf zwei Leinwänden werden diese Fotos zerlegt, Ausschnitte vergrößert und verzerrt. Der Tänzer interpretiert die Fotos neu und nimmt dabei sowohl den Standpunkt des Fotografen als auch den der Tänzerin oder des Tänzers ein. "Es gibt keine Normen ... das äußere Erscheinungsbild ist egal, zumindest in dieser Zeit", hört man Roberts Stimme aus dem Off; in seinen Fotografien habe er versucht, die Emotion, den "duende", einzufangen. Álvarez verfolgt hingegen einen intellektuellen Zugang, der Kernelemente wie den Dialog zwischen Musik und Tanz sowie den emotionalen Ausdruck ignoriert. So bleiben seine Zapateados letztlich leere technische Äußerungen.

Resümee

LeilaKa3ImpulsTanz 2026 zeigte sich vor allem als Fest der großen, längst bewährten Formate: von den choreografischen Klassikern eines Cunningham, einer Brown oder einer De Keersmaeker über die ungebändigte Energie Louise Lecavaliers bis zu den Uraufführung von Amala Dianor / Kaplan sowie den Arbeiten von Christos Papadopoulos und Leïla Ka, die dem Ensemble und der kollektiven Energie neuen Ausdruck verliehen. Nicht alle Beiträge konnten dabei überzeugen – Bill T. Jones blieb hinter seiner früheren Bedeutung zurück, und José Manuel Álvarez' intellektueller Zugang ließ die emotionale Kraft des Flamenco vermissen –, doch insgesamt bestätigte das Festival einmal mehr seinen Ruf als Ort, an dem Tanzgeschichte fortgeschrieben wird und zugleich Raum für neue Stimmen entsteht.

ImpulsTanz von 9. Juli bis 9. August 2026