In Nikolaus Adlers “Pale Blue” kreieren fünf Tänzer:innen 100 bewegte Artefakte, die von den Zuschauer:innen individuell gelesen und gedeutet werden sollen. Dazu lädt der Text ein, den man – so die Aufforderung beim Einlass – sorgfältig lesen soll, bevor man sich seinen Platz sucht. Die Inspiration für das Stück kam von den Golden Records, die 1977 ins Weltall geschickt wurden, um intelligenten, außerirdischen Wesen von der Erde zu erzählen.
Als eine Art Flaschenpost hat man auf zwei Voyager-Sonden Schallplatten geschickt, auf denen 115 codierte Bilder, Grußworte in 55 Sprachen und 90 Minuten Musik aus aller Welt – von Mozart, Bach und Beethoven bis Chuck Berry – gespeichert sind. Beide haben inzwischen das interstellare Medium erreicht.
Ein Team unter Leitung des Astronomen Carl Sagan wählte die Inhalte aus. Die goldüberzogenen Kupferplatten laufen mit 16⅔ Umdrehungen pro Minute und sind auf eine Lebensdauer von über einer Milliarde Jahre ausgelegt. Eine Hülle erklärt mit Symbolen, wie man sie abspielt.
Abgesehen davon, dass die Beweislage für außerirdische Intelligenz recht mager ist, was hat man sich eigentlich erwartet, sollten die Platten je gefunden werden? Die Wahrscheinlichkeit dafür sei von vornherein verschwindend gering, antwortet KI Claude.
“Die Erwartungen waren eher symbolisch und realistisch zugleich. Sagan selbst sagte sinngemäß, die Platte werde wohl eher nie von Außerirdischen abgespielt … Sagan betonte, dass die Botschaft vor allem etwas über uns selbst aussagt – unseren Optimismus, unsere Neugier und den Wunsch, nicht allein zu sein. Sie war ein Spiegel für die Menschheit, kein realistischer Kontaktversuch … Es ging also weniger um eine erwartete Antwort als um eine Geste der Hoffnung und des Selbstausdrucks.”
Und so fragte der Choreograf Nikolaus Adler: “Was würden wir über unsere Welt erzählen, wenn wir dafür nur 100 Artefakte auswählen dürften?” Und realisiert mit dieser Frage ein interessantes und für Künstler:innen und Zuseher:innen gleichermaßen faszinierendes Experiment.
Ein wunderbar differenziertes Tänzerteam stellt sich dieser Aufgabe: Lea Karnutsch, Eva-Maria Schaller, Giorgia Scisciola, Vito Vidovič Bintchende und Xianghui Zeng. Präzise setzen sie ihre Gesten, Schritte, Drehungen und Sprünge in den Raum in Kostümen, die in sich Vielfalt suggerieren. Der “Blick auf die Welt in 100 imaginierten Artefakten” (so der Untertitel von “Pale Blue”) ist ein ebenso abstraktes wie sinnliches Erlebnis, das das Mysterium der menschlichen Kreativität in den Mittelpunkt stellt.
Die Empfänger sind wir, das Publikum, das vielleicht ähnlich rätselnd wie Außerirdische bei den Voyager-Schallplatten die individuellen Verkörperungen erlebt. Manchmal fühlen wir uns wie in einem Museum, dann wieder in einem Film. Vielleicht ist diese Szene aus einem Theaterstück, einem Gemälde, einem Buch? Nach und nach öffnet sich der weiße Bühnenraum und gibt den Blick frei ins schwarze Nichts (Kostüme und Szenografie: Sophie Eidenberger). Am Ende wird sich darin eine Wolke goldener Sterne manifestieren und Frank Sinatra bringt uns mit “Fly me to the Moon” zurück auf den Boden der Tatsachen.
Nikolaus Adler: “Pale Blue”, Premiere am 27. Juni 2026 im WUK. Letzte Vorstellung am 30. Juni