Wie
der eine Uraufführung von Martin Gruber und seinem aktionstheater ensemble, das nun seit über 35 Jahren mit ihren Produktionen Furore macht. Wieder Brachialkomik, Ironie, brutal gebrochen. Wieder eine Paternosterfahrt durch Menschliches. In den ersten Minuten wähnte sich der Kritiker fast eins zu eins bei den Foyergesprächen des Premierenpublikums: komisch, ironisch, pseudo-achtsam. So wird mit der schwangeren Isabella, so aber auch mit den anderen Handelnden, umgegangen.
Diese arme junge Frau muss sich Zweifel, Ratschläge, Vorschläge und andere Schläge anhören beziehungsweise muss sie diese am eigenen Leib verspüren, etwa, wenn ein Freund zur Zwangsbedüdelung, recte: „Massage“ schreitet.
Es gibt keine Handlung, der Rahmen baut sich immer selbst auf, die in guter Hoffnung befindliche pinkelt sich immer wieder zart an („nur ein paar Tropfen“), ein Handtuch benützend, mit dem sich dann alle anderen den Schweiß von den Gesichtern wischen.
Die KI spielt natürlich – grausam – mit, lässt eine Darstellerin flache Witze erzählen. Das Tempo, das wir zuletzt bei „Speed“ (tanz.at berichtete) mit der Truppe erlebten, wird durch Keyboard, Percussion und Geige – alles live! – lautstark unterstützt.
Die hochschwangere Isabella hat zwar „null Kohle“, freut sich aber auf ihr Kind. Benjamin hat zwar, dank Rationalisierungsmaßnahmen, neben vielen anderen, seinen Job im Call-Center verloren. Er glaubt aber noch an eine Karriere als Schauspieler. Kirstin zieht sich Melania Trump Videos rein und arbeitet an ihrer Empathiefähigkeit, weil „dadurch die Gattung Mensch überhaupt überlebt hat“. Thomas holt sich seine Über-Lebensweisheiten nur noch aus dem Internet und arbeitet am Crowdfunding für Isabellas Baby, das es „sicher nicht leicht haben wird“. Einzig dem träumenden Andreas scheint es gut zu gehen, um sich adäquat auszudrücken, kommuniziert er nur noch in Grunz- und Tierlauten… Das zwingt uns zum alles befreienden „Unsinn“. Zur Anarcho-Performance. Und zur Erkenntnis, dass in diesem Unsinn allemal mehr Erkenntnis liegt, als in der vermeintlichen Logik eines alles niederreißenden digitalen Leviathans.
Das schutzlose Kind. Der ältere Mensch. Der Ausgegrenzte. Der Kranke, der Unberechenbare, das verletzte Individuum. Die Träumerin, der Spinner. Der Kontrollfreak, der Unkorrekte, das verwirrte Genie, vor allem der fehlbare Mensch.
„Vor der Drohkulisse der Effizienzsteigerungsmaschine Künstliche Intelligenz, mitsamt deren Tech Bro-Profiteuren, reiben sich die Mitglieder des aktionstheater ensemble gemeinsam an der scheinbaren Übermacht einer schönen neuen Technikwelt. An einem namenlosen Utopia libertärer Antidemokrat:innen, das nicht gegriffen werden kann. Das Alles mit den Mitteln der ebenso wenig greifbaren Kunst: Das ständig strauchelnde, in Widersprüchen gefangene Individuum. Der schwitzende, suchende, liebende und träumende Mensch auf der Bühne, als Antithese zur digitalen Welt“, sagt Theatermacher Martin Gruber über die aktuelle Uraufführung.
Die Bewegungen sitzen, so wie die Sätze, punktgenau perfekt. Die zwischengeschalteten Gruppen-Moves wirken, im Gegensatz zu „Speed“, ein bisschen beliebig, was aber bei der Gesamtrasanz des Stückes fast kein Wunder ist.
75 Minuten, die Dich entrücken, obwohl sie Dich, Publikum, ohnehin nur spiegeln. Wieder ein Meisterstück.
Aktionstheater Ensemble: „Human“, Uraufführung am 31. Mai 2026 im Theater am Werk, Kabelwerk Wien, weitere Vorstellungen am 11., 12. und 13. Juni im Theater Kosmos Bregenz