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Shechter1Das Programm musste kurzfristig geändert werden: Statt „Atlas Song" mit Anna von Hauswolff kam die GöteborgsOperans Danskompani mit eigens für sie kreierten Stücken von Marcos Morau und Hofesh Shechter ins Festspielhaus St. Pölten – und überwältigte mit Theater- und Tanzmagie. Eine Alternative, mit der die schwedische Compagnie ihren Ruf als eines der führenden zeitgenössischen Tanzensembles erneut bestätigte. Was als Notlösung angekündigt war, entpuppte sich als künstlerischer Glücksfall: ein Abend, der zwei der spannendsten choreografischen Handschriften der Gegenwart in direkten Dialog setzte und das Publikum mit der Wucht und Vielschichtigkeit zeitgenössischen Tanzes konfrontierte.
 
Im September 2023 eröffnete die GöteborgsOperans Danskompani mit „Contemporary Dance" von Hofesh Shechter die Saison im Festspielhaus St. Pölten (tanz.at berichtete). Nun kam das Erfolgsteam wieder zurück und überzeugte mit „Wild Poetry". Erneut packte der israelisch-britische Choreograf und Musiker seine Tanzvision in ein dichtes Bewegungstableau, das seine Inspiration aus den Raves bezieht. Was Shechter in ihnen sichtbar macht, ist die kollektive Erfahrung einer Gemeinschaft, deren Mitglieder sich dominant, zärtlich, brutal oder verletzlich gebärden. Körper drängen aneinander, lösen sich, finden sich in pulsierenden Formationen wieder – ein ständiges Oszillieren zwischen Verschmelzung und Vereinzelung, das die widersprüchliche Energie nächtlicher Tanzflächen einfängt.Shechter2

Die Flüchtigkeit emotionaler Fluktuation taucht in kurzen Schlaglichtern auf, teilweise als kaum wahrnehmbare Störaktionen. Ein Blick, eine Berührung, ein kurzes Innehalten – Shechter komponiert seine Gruppenchoreografien mit einer fast filmischen Präzision für das Detail. Musikalisch ist er in „Wild Poetry" verhaltener und leiser als sonst, als wäre er in der unbändigen Hymne an die Jugend irgendwie ausgebremst. Die für ihn typischen wuchtigen Trommelflächen weichen einer fragileren Klanglandschaft, die den Tänzer*innen mehr Raum für Atmen, Zögern, Innehalten lässt. Das Stück kam im November 2023 in Göteborg zur Uraufführung, zwei Monate nach der Terrorattacke bei einem israelischen Musikfestival, die die Welt verändern sollte. Diese zeitliche Nähe ist unüberhörbar mitanwesend, ohne je illustrativ zu werden. Doch „Wild Poetry" ist letztlich das Bild einer jungen Generation, die ihre Verletzlichkeit nicht versteckt und gerade darin ihre Kraft findet. Am Ende tanzt das Ensemble selbstvergessen zu Bob Dylans „Forever Young" – ein Moment, in dem sich das ganze Stück gleichsam in einnem kollektiven Ausatmen auflöst.

Marcos Morau: Barockes Illusionstheater

Morau1„What Power art thou?" von Henry Purcell lieferte für Marcos Morau die Inspiration für „Cold Song", ein Illusionstheater der besonderen Art. Der katalanische Choreograf, bekannt für seine bildgewaltige Theatralität und die markante, fast manieristische Körpersprache, überträgt seine unverwechselbare Ästhetik mit chirurgischer Präzision auf das schwedische Ensemble. Aus einem Tisch ((Bühnenbild: Max Glaenzel Ribas) tauchen Figuren auf und verschwinden darin wieder; aus den integrierten Schubladen holen sie Schuhwerk und Noten hervor und verstreuen sie auf der Bühne. Der Tisch wird zur Bühne in der Bühne, zum Möbel und zur Maschine zugleich, zum Sarg und zur Geburtsstätte einer Komposition. Morau2

Ihre Interaktionen sind skurril, traumartig, verstörend – sie verkörpern allesamt den Komponisten, der aus dieser traumhaften Bilderwelt seine Arie erschafft. Köpfe ruckeln in unmenschlichen Winkeln, Gliedmaßen verrenken sich zu Posen, die zwischen Marionette und Mensch changieren, Gesichter erstarren zu Masken. Morau verwandelt seine bewegungsintensiven Choreografien in visuelle Landschaften, in laszive, teils humoristische Gemälde der Barockzeit. Man meint, Stiche von Hogarth oder die theatralen Tableaus eines Caravaggio aufflackern zu sehen, in schwarz-weiß und gefiltert durch eine zutiefst zeitgenössische Sensibilität für das Unheimliche. Der elektronische Sound stammt von Ben Meerwein und Alex Röser Vatiché; erst zum Schluss klingt Purcells „Cold Song" durch und zieht den Zuschauer wie ein später Lichtstrahl aus dieser hermetischen Traumarchitektur zurück in die musikalische Quelle. 

Zwei Welten, ein Ensemble

Shechter3Dass diese beiden ästhetisch so unterschiedlichen Handschriften an einem Abend nebeneinander bestehen können, ist nicht zuletzt das Verdienst der Tänzer*innenWo Shechter den Körper als Teil eines vibrierenden Kollektivs denkt, isoliert Morau ihn in präzise gesetzten Bildern; wo der eine die Hingabe an den Tanzrausch sucht, kultiviert der andere die Distanz des Tableaus. In beiden Stücken brillierten die Tänzer*innen mit Ausdrucksstärke und Präzision und lösten zu Recht Begeisterungsstürme im Publikum aus. Die Wandlungsfähigkeit, mit der das Ensemble innerhalb eines Abends von der körperlichen Rohheit Shechters in die manieristische Stilisierung Moraus wechselt, ist bemerkenswert – und zeigt, warum die GöteborgsOperans Danskompani international zu den meistgefragten Compagnien zählt.

Bleibt zu hoffen, dass das Gastspiel des Ensembles mit Anna von Hauswolff, der Gothic Pop-Ikone, demnächst nachgeholt wird. Nach diesem Abend dürfte das Publikum in St. Pölten jedenfalls noch ungeduldiger auf eine Rückkehr warten.

GöteborgsOperans Danskompany: "Cold Song" von Marcos Morau, "Wild Poetry" von Hofesh Shechter am 22. Mai 2026 im Festspielhaus St. Pölten.