In Reaktion auf das filmische Meisterwerk Charlie Chaplins geben drei, am Beginn einer Choreographen-Karriere stehende KünstlerInnen seinen zentralen thematischen Input weiter: An die TänzerInnen des Ballett Graz, um mit diesen gemeinsam ein differenziertes Mosaik des Pulsschlags unserer Zeit zu kreieren. Zu erleben sind drei hoch individuelle Perspektiven: Die von Katarzyna Kozielska, Anne Jung und Giovanni Insaudo. Tänzerisch umgesetzt in Bewegungsbildern von mitreißender Überzeugungskraft und von einer Compagnie, deren Qualität stetig im Steigen ist.
Das Ephemere des Tanzes bildet nicht nur formal einen roten Faden zwischen den drei Choreografien, sondern ist auch einer, der metaphorisch die Flüchtigkeit des Augenblicks bewusst macht. Eine Vergänglichkeit, die in der jeweiligen ‘modernen‘ Gegenwart durch charakteristische Rhythmen geprägt ist. Das Mechanische, das zunehmende Tempo standen schon bei Chaplin im Fokus. Die treibende Kraft sowie die ‚Maschinen‘ selbst haben sich geändert, ihre Wirksamkeit hat sich in unserer Gegenwart aber noch verstärkt und das Tempo zugenommen.
„404-Not Found“
Katarzyna Kozielska hält uns Heutigen in ihrer Interpretation „404-Not Found“ einen besonders einprägsamen Spiegel vor. Es sind unsichtbar Gelenkte, die agieren. Nahezu ausnahmslos in Hast sind sie Ausführende von dem, was ihnen nicht innewohnend zu sein scheint. Berührend eigenartig – und kaum noch in dieser Art gesehen - sind ihre Bewegungen.
Entsprechend fesselnd das, was sich da an solistischen Szenen, solchen zu zweit, zu dritt, in Gruppen an fremdartig Kreativem entwickelt. Eine gleichermaßen intrinsische wie extrinsische Getriebenheit wird nahezu körperlich spürbar, kontrastierend immer wieder unterspielt von einem Suchen, einem Suchen nach dem Eigenen, einem erfolglosen – siehe Titel. Ihre von Klarheit, ja disziplinierter Härte geprägten, gesamtkörperlichen Bewegungen sind nichtsdestotrotz geprägt von zielstrebig-eigenwilliger Eleganz. Eingebettet in ein großes, ungewöhnliches Fließen, aus dem wie Ausbruchsversuche explosive Hebungen gleichermaßen nach Freiheit suchen wie diskret effektive nach dem eigenen Ich.
Die körperbetonenden, in Grau gehaltenen Kostüme (Silke Fischer) scheinen in ihrer diskreten Eleganz an die Würde des Menschen erinnern zu wollen. Vergleichbar mit dem zurückhaltend punktgenau gesetztem Licht (Martin Schwarz). Das Sounddesigne Benjamin Magnins trägt umhüllend ergänzend wie kontrapunktartig harmonisch das Tanzgeschehen.
„Drift“ 
Mit grell-weißem Licht einbegleitet Martin Schwarz das nunmehr ganz andere Tanz-Geschehen in „Drift“, in Anne Jungs von Gegensätzen geprägter Perspektive auf das Thema der Rastlosigkeit. Markant der immer wieder eindrucksstark verwendete Kontrast von oftmals auf der Stelle gehenden, laufenden Schatten im Hintergrund sowie jenen, die laufend, rennend die Bühne Umkreisenden und dem gleitenden, wie im Wasser treibenden Geschehen auf der Mittelbühne. Eines, das wiederum formal ein kontrastiertes ist: Zumeist sind es wenig strukturierte, scheinbar (!) wenig geregelte Bewegungsabläufe einerseits, präsentiert allerdings in einem atem(be)raubenden Tempo andererseits.
Und schließlich, eingebettet in diese eigenwillige Art der Schwarz-Weißzeichnungen: herausragende Pas de deux, Pas de Trois, Pas de Cinq, die etwa überraschend abrupt abgebrochen, durch Weglaufen eines Involvierten beendet werden. Besonders zu erwähnen, zusätzlich zu all den anderen beachtlich homogenen Gruppen- wie solistischen Leistungen: Der lange, eindringliche Pas de deux von Yuka Eda und Thibaut Lucas Nury, der die Tänzerin (vielleicht doch) an ihre weit gesteckten Geschmeidigkeitsgrenzen bringt und den Tänzer beim berechtigt begeisterten Applaus nach Atem ringen lässt.
Die Choreografin weiß um ihre hohen Anforderungen an ihre TänzerInnen – wohl entsprechend den und zur Versinnbildlichung der Anforderungen, die die gegenwärtige Zeit an die (meisten) Menschen stellt. Insgesamt ist die Interpretationsmöglichkeit dieser Darbietung eine sehr offene, manchen vielleicht auch nicht erreichende; immer aber frei nach: viele sind es, die etwas hilflos durch unseren interpretationsoffenen Alltag irren.
„Gravity of Iron“
Umso klarer, greifbarer sind die an Chaplins Vorgabe etwas stärker angelehnten Bewegungs-Bilder in Giovanni Insaudos „Gravity of Iron“. Man könnte es, in dieser und damit seiner besten Umsetzung, als Tanz-Theater zeitgenössischer Art bezeichnen. Der angedeutete Plot, der von der Vergangenheit vor allem in die Gegenwart führt und auch ein wenig in die Zukunft hineinleuchtet, etwas hoffen lässt, nimmt von Anfang an mit und berührt; fasziniert ob der Bildmächtigkeit der markanten Szenen des Corps de Ballett – nochmals sei deren hohe Leistung erwähnt. All dies eingefügt in ein diskret machtvolles Bühnenbild, begleitend untermauert von einem ausweglos packend hämmernden, schräg an die Schmerzgrenze reichenden und schließlich anschwellenden Sounddesigne (Hodei Iriarte Kaperotxipi).
Mit unverblümtem Gegenwartsbezug wird der der ständigen Beobachtung ausgesetzte Mensch skizziert, seine Ausbeutung, seine Erschöpfung im Konkurrenzkampf, aber auch seine Hilflosigkeit all den Gegebenheiten gegenüber; und dennoch verbleibt ihm ein ungebrochener Lebenswillen. Szenen, die man nicht so schnell vergisst; beispielhaft neben den kreativ arrangierten choreografischen Arrangements in unterschiedlichen Konstellationen: das Solo von ( wiederum) Yuka Eda, das vor allem in seiner getragenen, ziselierten Langsamkeit ein Hammer der Geschmeidigkeit gegen die ansonsten dominante, eiserne Härte darstellt.
Nicht enden wollende Standing Ovation im weitgehend ausgelasteten Opernhaus.
„Modern Times“, Dreiteiliger Tanzabend. Premiere am 20.Mai 2026 im Opernhaus Graz. Gesehene Vorstellung: 22.Mai 2026. Weitere Termine: 27. Mai, 12. und 18. Juni
