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3 MargartenDAS Margareten eröffnete im vergangenen April mit einem zutiefst persönlichen Tanztheaterstück. Die Tänzerin, Tanzdozentin und Choreografin Nadja Puttner sowie Jasmin Avissar – ehemals Mitbegründerin der Jerusalem Ballet Company and School und international tätig – haben es gewagt, ein vielseitig nutzbares Theater nahe dem Wiener Gürtel einzurichten. Dieses bietet Platz für alle Genres und steht auch für Tanzpädagogik, Workshops, Kurse sowie als Probe- und Aufführungsfläche für Performende offen. „Lebendiges Theater“ ist der Untertitel des derzeit 120 Plätze fassenden Etablissements.

Das Projekt der beiden Prinzipalinnen erhält und erhielt keine öffentlichen Förderungen. Die Finanzierung erfolgt einerseits durch Einnahmen aus Kursen, Raumvermietungen und Ticketverkäufen, andererseits durch alternative, community-orientierte Finanzierungsformen wie Crowdfunding, Förderkreise und Kooperationen.

Historische Anklänge

Kulturelle Bezüge zur Vergangenheit gibt es viele: Das Theater war einst Teil des „Eisenbahnerheims“, eines gewerkschaftlichen Wohn-, Kongress- und Kulturhauses. In der Nachbarschaft lag das „Café Industrie“, ein Treffpunkt von Alkoholiker:innen und Künstler:innen. Und vis-à-vis in einem der riesigen Gemeindebauten lebte – bescheiden bis zu seinem Tod – Ernst Hinterberger, der Schöpfer von „Mundl“ und „Kaisermühlen Blues“ (den der damals junge Autor dieser Zeilen noch im Café Industrie interviewen durfte). Ja, sogar Leo Trotzkis Privatbibliothek fand im Eisenbahnerheim im frühen 20. Jahrhundert einen Zwischenaufenthalt.4 Margarten

„TREIBGUT“ – Ein Stück über Erinnerung und Identität

Nadja Puttner choreografierte, textete und tanzte zum Einstand TREIBGUT, das sich mit den schwierigen Themen Erinnerung, Herkunft, Identität und transgenerationellem Trauma auseinandersetzt. Doch sie tat dies mit einer Leichtigkeit, einer präzisen, punktgenauen Text-Tanz-Synchronizität und mit spannenden, berührenden Momenten. So war die Schwere des Trauma-Themas zwar präsent, doch die Faszination ihres Tanzes und ihres Spiels zog das Publikum vollständig in den Bann.

1 MargartenDie gebürtige Kärntnerin versteht ihre Arbeit als von Interdisziplinarität und stilistischer Offenheit geprägt – eine Haltung, die sich gegen jedes Schubladendenken verwehrt. Von 2001 bis 2014 leitete sie das Tanz- und Ballettstudio in Wien, wo sie eine professionelle Ausbildungsstätte für zeitgenössischen Tanz etablierte. 2015 gründete sie das Unicorn Art Dance Studio mit dem Schwerpunkt auf der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 leitet sie zudem die freie Tanztheatergruppe UNICORN ART, die mit Gastspielen in Österreich und Deutschland auftritt. Sie hatte die Projektleitung von PRO DANCE VIENNA inne, einem Trainingsprogramm für professionelle Tänzer:innen in Wien, und engagiert sich als Obfrau der Initiative Tanz und Bewegungskunst Österreich für eine Aufwertung des Tanzes in Österreich. Zudem ist sie Branchensprecherin für Kunst und Kultur sowie Vorstandsmitglied bei der gewerkschaftlichen Initiative vidaflex. Ihr Einsatz gilt hier vor allem der sozialen Absicherung von selbstständigen und hybrid beschäftigten Künstler:innen. Und nun leitet sie auch noch DAS Margareten.

Die Inszenierung

Mit kargen Requisiten – Sessel, Fauteuil, Kasten, Fotos – betanzte Puttner die Fläche, oft in geometrischen Figuren, oft in pirouettenartigen Wirbeln, oft in umgreifender Bodenarbeit. Ihre Ausbildung und Praxis als Balletttänzerin war einmal mehr der Beweis dafür, dass zeitgenössischer Tanz seine tiefsten Wurzeln nicht verleugnen kann.

Im Stück finden sich viele Menschen der Generation 50+ in kleineren oder größeren Rollen wieder: Herta, geboren 1926 in slowenisch-Südkärnten. Ihre Eltern waren aktiv in der Arbeiterbewegung und später im Widerstand gegen das NS-Regime. Der Vater saß immer wieder in Haft – zuletzt im KZ Mauthausen, aus dem er durch einen glücklichen Zufall entkommen konnte. Herta transportierte bereits als Teenager Flugblätter des kärntner-slowenischen Widerstands in ihrer Schultasche. Eine Jugend, geprägt von Krieg, Entbehrung und früher Verantwortung. Als Herta im hohen Alter an Alzheimer erkrankt, brechen die lange verdrängten Erinnerungen mit großer Wucht aus ihr hervor. Doch während die Vergangenheit an Intensität gewinnt, entgleitet sie zunehmend der Gegenwart.2 Margarten

Die Nachricht von Hertas Tod trifft ihre Enkelin Moira unerwartet hart. Die Erinnerungen an ihre Kindheit in Kärnten kehren zurück: Erinnerungen an die wild entschlossene Lebensfreude ihrer Großeltern, aber auch an das Unausgesprochene, an die über Generationen hinweg wirksamen traumatischen Erfahrungen ihrer Familie, die wie eine unsichtbare Last über allem zu liegen scheinen.

Plötzlich stellen sich Moira Fragen, die sie sich nie zuvor gestellt hat: Fragen zu ihrer Herkunft, ihrer Identität und ihrer Zukunft. Zu ihren eigenen, scheinbar grundlosen Gefühlen der Entwurzelung, Einsamkeit und innerer Starre. Moira kann nicht länger wegsehen und stellt sich den Erinnerungen, die an die Oberfläche drängen. Dabei begegnet sie nicht nur verdrängten Emotionen, sondern auch unverarbeiteten Traumata, Gefühlen und Wahrheiten ihrer Vorfahren.

Nadja Puttner zu ihrem Theater-Verständnis: „Ich glaube an ein Theater, in dem das Menschliche menschlich sein darf, in dem Emotionen transportiert werden und in dem gelacht und geweint werden darf – gerne auch gleichzeitig. Ein Theater, das losgelöst von allen Vorgaben, Trends und gesellschaftlichen Zwängen direkt mit dem Publikum kommuniziert und persönliche oder gesellschaftliche Veränderungen anregen oder sogar auslösen kann.“

Das Stück „TREIBGUT“ wird in dieser Saison noch einmal, am 27. Juni, gezeigt. Eine Wiederaufnahme darüber hinaus wäre dringend zu wünschen.

„Treibgut“ von Nadja Puttner/Unicorn Art im DAS Margareten – Raum für lebendiges Theater Premiere: 18. April | Gesehene Vorstellung: 16. Mai | Nächster Termin: 27. Juni 

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