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WSStory3Dass die „West Side Story“ als Musical so ikonisch ist, liegt neben der großartigen Partitur von Leonard Bernstein und den ausgezeichneten Texten von Stephen Sondheim natürlich auch an der beispielhaften Choreographie von Jerome Robbins. In der Volksoper ist nun Lotte de Beers Inszenierung von 2024 wieder zu sehen, in der die Direktorin zum Glück nicht in die Falle grassierender Aktualisierungswut ging. Denn alles in diesem Werk ist nach wie vor gültig.

Ein weiteres Plus der Inszenierung liegt in De Beers Wissen, dass die Tanzszenen hier genuine Darstellungsmittel sind. Vor allem die Filmversion des 1957 in New York von Robbins uraufgeführten Musicals hat sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Robbins führte 1961 gemeinsam mit Robert Wise Regie und verantwortete klarerweise die berühmte Choreographie. Das Entscheidende ist, dass Tanz hier intermedial eingesetzt wird und wie ein „Relay“ funktioniert, um den amerikanischen Tanzhistoriker Mark Franko zu zitieren. Das bedeutet, dass verschiedene künstlerische Mittel nahtlos ineinander übergehen, quasi wie in einer Staffel voneinander übernehmen. Dies geschieht aber nicht beliebig, sondern in einem performativen Fluß. WSStory6

In der „West Side Story“ sind das etwa die Szenen, in denen die beiden Gangs, Jets und Sharks im musikalischen Prolog als rivalisierende Banden tänzerisch vorgestellt werden, oder die choreographierten Kampfszenen zwischen den beiden. Es wird gesprochen, dann gesungen und dann getanzt. Jedes Medium agiert auf seine spezifische Weise, und durch den gekonnten Medienwechsel gelingt es im Idealfall, tiefere Nuancen der Aktion darzustellen. So wie in der Ballszene, wenn die Frauen nicht den vom Tanzmeister im Kreistanz arbiträr zugeteilten Tanzpartner akzeptieren, sofern er nicht ihrer eigenen Ethnie angehört, sondern stumm zu einem „Puertoricaner“ oder „Amerikaner“ eilen.

WSStory5De Beer, die Regie-Einfällen gegenüber grundsätzlich nicht abgeneigt ist, geht sehr behutsam vor. Sie versteht das Werk gut und ist bemüht, den zeitlosen Gesamtcharakter zu behaupten. Denn die thematisierten Konflikte rund um Romeo und Julia-Topos, Bandenkriege und soziale Migrations-Probleme sind ja im Grunde archetypisch menschliche Nöte, die jeder zu jeder Zeit versteht. De Beer will auch genau das vermitteln und fokussiert dafür durch behutsame Lichtregie (Alex Brok) und dezentes Bühnenbild (Christof Hetzer) auf die ausgezeichnete Personenführung. 

Choreograph Bryan Arias, gebürtiger Puertoricaner, gibt mit offensichtlichem Respekt gegenüber der Vorlage von Robbins den Tanzszenen jenen Raum, den sie brauchen. Das ist gar nicht so einfach, gerade in den Straßenszenen. Er reichert die klassischen Robbins-Moves, die den Sharks Latin-Flair und den Jets jazzy Rhythms zuteilen, um modernes Vokabular aus Streetdance und Hiphop an. Das Ensemble agiert tänzerisch nicht immer ganz präzise, aber durchaus rhythmisch am Punkt. Und vor allem selbstbewußt und cool, und das muß so sein in der „West Side Story“. 

Spielfreude ist allen Akteur*innen zu attestieren, und sängerisch überzeugt vor allem Anton Zetterholm als Tony. Die anderen Stimmen harmonieren nicht immer miteinander, was schade ist. Gerade in diesem Musical wünscht man sich ausgezeichnete, klassisch geschulte Stimmen, die modern interpretieren können. Gesungen wird übrigens in Englisch und gesprochen in der deutschen Übersetzung von Marcel Prawy, der die „West Side Story“ seinerzeit überhaupt erst an die Volksoper gebracht hatte. 

WSStory8Das Volksopernorchester spielte unter der Leitung von Tobias Wögerer Bernsteins Werk begeistert, aber mitunter einfach zu laut. Mehr Nuancierung wäre hilfreich, auch für die Gesangsstimmen, die manchmal übertönt wurden. Bei den Rezitativen wäre es vorteilhaft, wenn die Akteur*innen weniger laut sprechen würden. Sie sind ohnehin verstärkt und lauter bedeutet nicht, besser verständlich zu sein, im Gegenteil.WSStory2

Aber insgesamt ein runder und spannender Abend großer Emotionen. Und falls jemand noch mehr von Jerome Robbins sehen möchte – das Wiener Staatsballett in der Volksoper hat noch in dieser Saison den Abend „American Signatures“ im Programm mit einer frühen Choreographie des Meisters, „Interplay“ von 1945. Empfehlenswert!

Volksoper Wien: „West Side Story“, gesehene Vorstellung am 16. Mai 2026. Weitere Termine: 20, 23., 29. Mai, 4., 5., 10., 13., 15., 20. Juni und in der Spielzeit 2026/27

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