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Robbins1Mit der Premiere von “American Signatures” an der Volksoper und der Wiederaufnahme von “Manon” an der Staatsoper erfüllt das Wiener Staatsballett einerseits seinen Auftrag, erstklassige Hochkultur zu liefern, und kommt andererseits dem nicht so offensichtlichen, aber doch wichtigen Bildungsauftrag einer öffentlichen Kulturinstitution nach. Klingt fad? Im Gegenteil, es ist eine spannende Zeitreise.

Auf kultureller (Tanz-)Ebene begann sich während und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Kluft aufzutun. So suchte etwa Jerome Robbins eine amerikanische Spielart des Balletts zu etablieren und fragte: “Why can’t we dance about American subjects? Why can't we talk about the way we dance today, and how we are?” Sein 1945 in New York uraufgeführtes “Interplay” ist dafür ein treffendes Beispiel: jung, leicht, verspielt und unbeschwert. Eine Gruppe Boys trifft eine Gruppe Girls, und sie beginnen unschuldige, heitere Tändeleien. Ein Paar verstrickt sich in romantische Annäherungen, aber im Grunde ist “Interplay” eine Szenenfolge, in der Gemeinschaft gelebt wird. In seine Tanzsprache mischt Robbins alltägliche und akrobatische Bewegungen in das klassische Schrittrepertoire und lockert so die formale Strenge der Danse d’école auf, wie sie George Balanchine – in Sankt Petersburg geboren, georgischer Abstammung – in New York City vertrat. Bereits hier sind Anklänge an seine spätere Choreografie zu Bernsteins “West Side Story” zu erkennen. Wie im Tanz setzen sich auch in der Komposition zu “Interplay” von Morton Gould immer wieder jazzige Akzente durch.Robbins2

Jedenfalls war “Interplay” eine perfekte Ansage im Rahmen des Re-Education-Programms der amerikanischen Besatzungsmächte im Jahr 1953 (siehe dazu die Wiener Tanzgeschichte von Gunhild Oberzaucher-Schüller). Es zeigt eine optimistisch in die Zukunft blickende amerikanische Generation, unbelastet von den Schrecken eines globalen Krieges, der in Wien noch lange nachwirken sollte. Kulturelle Entwicklungen vollzogen sich in dieser Atmosphäre nur schleppend. Viele der Tänzer*innen, die in der Zwischenkriegszeit moderne Akzente gesetzt hatten, waren nicht mehr da, um eine Nachfolgegeneration zu inspirieren.

Amikale Beziehungen

Bei allem Charme, “Interplay” ist ein Werk seiner Zeit und hat heute Patina angesetzt. Doch als Eröffnungsstück des vierteiligen Abends “American Signatures” ist es bestens platziert, um die weitere Entwicklung der Ballettsprache à l’américaine nachvollziehen zu können. Sie wird anhand von Stücken präsentiert, die in den letzten fünf Jahren entstanden sind. Auch sie erzählen keine Geschichte, sondern konzentrieren sich auf die Beziehungen zwischen den Tänzer*innen.

Tanowitz1Pam Tanowitz choreografierte 2022 “Dispatch Duet” für das Royal Ballet in London. Hier treffen eine Tänzerin und ein Tänzer aufeinander, die sich in einem amikalen Kräftemessen zu übertrumpfen suchen. Die titelgebende Musik dazu stammt von Ted Hearne ("Dispatches") und klingt größtenteils mechanisch, fast wie eine Eisenbahn vor der Elektrifizierung. Präzise Raumplatzierung und geometrische Muster beherrschen dieses Stück, in dem Sinthia Liz und Duccio Tariello ihre Virtuosität ausspielen können.Lubovitch1

Bereits in den 1960er-Jahren begann Lar Lubovitch seine choreografische Karriere mit der Gründung einer eigenen Compagnie. Seither bewegt er sich auf vielen Parketts: Er choreografiert für Ballettcompagnien, für Broadway-Produktionen, für Eiskunstläufer*innen und nach wie vor für sein eigenes Ensemble. Das Männerduett “Each in His Own Time” ist ein Gespräch zwischen zwei Freunden und einem Klavier. Stücke von Johannes Brahms setzen hier die Stimmung für eine harmonische Begegnung, die von Rinaldo Venuti, Davide Dato und der Pianistin Shino Takizawa sensibel umgesetzt wird.

Spirituelle Anteilnahme

Lang1Einen berührenden Abschluss bot die Arbeit von Jessica Lang aus dem Jahr 2023. Obwohl sie auf einen Werkkatalog von über 100 Stücken zurückblicken kann, ist die Choreografin aus New York hierzulande nahezu unbekannt. In Wien trat sie erstmals 2026 beim Opernball in Erscheinung, als sie für das Wiener Staatsballett den “Carousel Waltz” kreierte.Lang3

“Let me mingle tears with thee” (Lass mich mit dir weinen) ist zu Pergolesis “Stabat Mater” gesetzt und verwandelt die spirituelle Tiefe der Musik in eine sublime Choreografie. In den ersten sechs Sätzen thematisiert Lang die Beziehung zwischen Mutter und Sohn in reduzierten Farben. Eine lange Stoffbahn symbolisiert den Schleier Marias. Im zweiten Teil kommen Farben ins Spiel; die Umsetzung von Marias Schmerz wird zu einem transformativen Prozess. Die Kostüme von Jillian Lewis, das Bühnenbild von Carolyn Wong und Jessica Lang (mit einem umgelegten Kreuz als dominierendem Element) sowie die Lichtregie von Carolyn Wong verstärken die Ausdruckskraft des Wiener Staatsballetts. Begann der Abend mit einer Gruppe junger Tänzer*innen in “Interplay”, so sind es am Ende erfahrene Tänzer*innen, die Empathie als zentrale Fähigkeit verkörpern – jene Fähigkeit, durch die wir Emotionen anderer wahrnehmen, verstehen und teilweise miterleben. Publikumslieblinge wie Ioanna Avraam, Olga Esina, Ketevan Papava, Masayu Kimoto und Géraud Wielick tauchen gelassen, anmutig und elegant in Langs fließende Bewegungssprache ein.

Lang2Ein großer Applaus gilt auch dem Orchester der Volksoper unter der Leitung von Robert Reimer, das an diesem Abend die anspruchsvollen Werke von Gould und vor allem von Hearne ebenso engagiert interpretierte wie den Spätbarock-Meister, dessen “Stabat Mater” von der Sopranistin Anita Götz und der Altistin Jasmin White empfindsam gesungen wurde.

Wiederaufnahme von “Manon” an der Staatsoper

Zu einer Zeit, in der sich amerikanische Choreografen mehrheitlich von großen Handlungsballetten verabschiedeten, kramten ihre europäischen Kollegen im reichen Schatz der Literaturgeschichte und der großen Emotionen. Kenneth MacMillan grub dabei den (autobiografisch gefärbten) Roman “L’Histoire du chevalier des Grieux et de Manon Lescaut” (Die Geschichte des Chevaliers Des Grieux und der Manon Lescaut) von Abbé Prévost aus dem 18. Jahrhundert aus. “Manon Lescaut” wurde mehrfach in Opern übersetzt, diente als Film-Drehbuch und fand auch in der Ballettliteratur wiederholt Eingang.Manon5

In seiner Version hielt sich MacMillan eng an die Vorlage und übersetzte sie in eine neoklassische Tanzsprache in jenem Stil, der das britische Ballett bis heute prägt. In wunderbaren Pas de deux verkörpern Des Grieux und Manon ihre Amour fou; in Pas de trois und Ensembleszenen wird die Manipulation der Frau(en) eindringlich vor Augen geführt. In Manons Bruder Lescaut begegnen wir einem Mann, der heute Epstein heißen könnte und Frauen sexuell und zu seinem finanziellen Vorteil instrumentalisiert. Monsieur G.M. könnte einer jener Männer sein, die mit ihm gemeinsam Frauen missbrauchen.

Das 1974 für das Royal Ballet in London choreografierte Werk ist seit 1993 mit Unterbrechungen im Repertoire der Wiener Staatsoper.

Manon1Im narrativen Ballett werden Emotionen an den handelnden Personen festgemacht, und daher steht und fällt die Wirkung des Balletts mit den Interpret*innen. Es ist ein Glücksfall, dass diese Generation der Tänzer*innen von ihrer Ballettchefin Alessandra Ferri gecoacht wird, die als Principal Dancer beim Royal Ballet mit Kenneth MacMillan zusammengearbeitet hat. Und diese sorgfältige Rollengestaltung ist bei der Besetzung der Wiederaufnahme evident: Madison Young durchdringt ihre Rolle als 16-jährige Manon und zieht die Zuseher*innen in ihr Spiel zwischen Unschuld und Durchtriebenheit hinein. Es sind kleine, zufällige Blicke, mit denen Manon und Des Grieux zu Beginn Kontakt aufnehmen. Wenn sie zueinander finden, entfachen sie ein erotisches Feuerwerk; ihre Verbindung steigert sich zu einer verspielten Euphorie, die im zweiten Akt von Eifersüchteleien durchsetzt ist und sich schließlich in Krankheit, Tod und Verzweiflung entlädt. Die vier Pas de deux bilden die zentrale Achse, an der die Handlung erzählt wird.Manon2

Die Transformation vom gutmütigen, rasend verliebten Studenten zum Betrüger und Mörder aus Liebe verkörpert Alessandro Frolla überzeugender als all seine Vorgänger: In seinem Solo im ersten Akt atmet jede Bewegung. Im zweiten Akt steht er mit hochgezogenen Schultern steif inmitten des ausgelassenen Treibens auf dem Fest chez Madame. Franziska Wallner-Hollinek ist dort eine glückliche und animierte Puffmutter, die das Leben inmitten ihrer Mädchen zu genießen scheint. Als Betrunkene bringt sie das humoristische Element dieser Szene überzeugend zur Geltung. Alessandro Cavallo ist in die Rolle des Lescaut noch nicht vollständig hineingewachsen. Rosa Pierro tanzt die Rolle seiner Geliebten wunderbar, doch als seine Partnerin findet sie in ihm (noch) nicht die erforderliche Resonanz.

Manon3Manon hat hier als Geliebte des Monsieur G.M. in das Outfit der Kurtisane gewechselt. Die Rolle des Monsieur G.M., der Manon kauft, wird vom leitenden Ballettmeister des Wiener Staatsballetts, Marcelo Gomes, verkörpert. Er bringt alle Facetten dieser Rolle ins Spiel: Kontrolle, Machtanspruch und das Selbstverständnis eines Mannes, der aus seinem Status und Reichtum das Recht ableitet, alle anderen zu beherrschen. Als Des Grieux sich mit gezinkten Karten von ihm Geld verschafft und mit Manon durchbrennt, lässt er die beiden von der Staatsgewalt festnehmen. Ihr Bruder Lescaut wird hier nicht versehentlich im Handgemenge getötet (so das Programm), sondern von Monsieur G.M. gezielt erschossen.

Manon wird als Prostituierte nach New Orleans deportiert; Des Grieux begleitet sie. Als der Aufseher der Gefangenen Manon entdeckt, will er sie für sich haben. Eno Peci interpretiert die Brutalität mit schonungsloser Härte: Die Vergewaltigung wird hier nicht verbrämt, sondern ebenso ungeschönt dargestellt wie seine anschließende Verachtung für Manon.Manon4

Des Grieux kann sie nur befreien, indem er den Aufseher ersticht. Fassungslos über sein Verbrechen, gelingt ihm und Manon nur knapp die Flucht. Doch Manon ist nur noch ein Schatten ihrer selbst; Bilder aus ihrem Leben begleiten sie in den Tod in den Armen ihres Geliebten. Die Zerbrechlichkeit und Verzweiflung dieser Szene hat man in Wien wohl noch nie so eindringlich erlebt.

Die Wiederaufnahme löste zu Recht tosenden Jubel in der Staatsoper aus – auch für das Orchester unter der Leitung von Ermanno Florio, das musikalisch kongenial begleitete.

Abstrakte Gefühle und große Emotionen

Mit diesen beiden Abenden zeigt das Wiener Staatsballett, wie Tanzgeschichte in den USA und in Europa unterschiedlich geschrieben wurde. Freilich handelt es sich hier um Tendenzen und nicht um klare Trennlinien in der tänzerischen Praxis. Gerade in den letzten Jahrzehnten haben sich die gegenseitigen Einflüsse befruchtend auf die Kunstform ausgewirkt. Auch das europäische Ballett ist cooler geworden und scheut mittlerweile die großen Emotionen der Handlungsballette. Doch verschwunden sind diese von den Ballettbühnen hier und da nicht. Dafür steht etwa auch das romantische Ballett “Giselle”, das übrigens ebenfalls im Mai auf dem Spielplan des Wiener Ensembles stand.

Wiener Staatsballett: “American Signatures”, Premiere am 9. Mai 2026 an der Volksoper Wien, gesehene Vorstellung am 12. Mai. Weitere Termine: 22., 29. und 30. Mai.

Wiener Staatsballett: “Manon”, Wiederaufnahme am 16. Mai 2026 in der Wiener Staatsoper. Weitere Termine: 21. und 27. Mai sowie 2., 9., 20. und 21. Juni.