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Dunkles2Zwei der angesagtesten Choreografen unserer Tage waren beim Gastspiel des Nederlands Dans Theater – NDT 2 – im Festspielhaus St. Pölten zu sehen. Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer choreografischen Handschrift und Aussage haben die Marco Goecke und Marcos Morau doch etwas gemeinsam: Ihre Arbeiten erfordern eine außergewöhnliche Präzision in der Ausführung, um ihre Wirkung entfalten zu können.
Franz Schubert, Alfred Schnittke und dazwischen Songs der Alternative-Rock-Band Placebo – Marco Goecke versteht es glänzend, über die Musikgenres hinweg sein Thema zu entwickeln. „Wir sagen uns Dunkles" (uraufgeführt 2017) – der Titel ist einem Gedicht von Paul Celan entnommen – ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn das Stück ist in Bühnennebel getaucht und nur spärlich beleuchtet. Hier entfaltet das Obskure eine Sogwirkung. Es ruckelt und zuckelt in den Tänzerkörpern; schnelle, kleine Bewegungen übersetzen sich in Interaktionen, ohne je zu verharren. Die Gruppe erscheint aus dem Nichts des Bühnenhintergrunds und verschwindet ebendort wieder. Wenn sich zwei Tänzer*innen in einer Berührung, einer Umarmung begegnen, dann ist das in dieser Rastlosigkeit großes Drama, das Verletzlichkeit verkörpert. Inmitten des hektischen Treibens sind es diese Momente, die tief berühren – ebenso wie der Solist zu Beginn und am Ende des Stücks, der die Geschichte mit seinen Gesten zu kommentieren scheint.Dunkles1

Folka2Ebenso eindringlich geht es im zweiten Stück des Abends weiter. Für Marcos Morau liegt in der Folklore der Schlüssel zu den Widersprüchen unseres sozialen Gefüges: die Sehnsucht nach Gemeinschaft, deren Zwang zur Konformität den oder die Einzelne ausschließt oder dem er bzw. sie zu entfliehen sucht. Schwarz vermummte Gestalten kniend vorn übergebeugt evozieren islamische Gebetsrituale, doch wenn sie die Röcke, die ihren Kopf bedeckten, nach hintern werfen, kommt ein traditionelles, europäisches Folklore-Outfit zum Vorschein. Immer wieder bricht jemand aus dem Kollektiv aus, wird von der Gruppe überrannt oder von der Gemeinschaft emporgehoben und erhöht. Sowohl in den Kostümen (Silvia Delagneau) als auch in der Musik, gesungen vom London Bulgarian Choir, ist dieses Werk unmittelbar in traditionellen Riten und Bräuchen – und nach dem Anfangsbild Kulturen übergreifend – verortet.Folka3

Nirgendwo in der Tanzwelt ist der Konflikt zwischen Gemeinschaft und Individuum in Anlehnung an Volkstum und Glaubensrituale stärker zutage getreten als bei den Ballets Russes im frühen 20. Jahrhundert – in Strawinskys Zusammenarbeit mit Vaslav Nijinsky bei „Sacre du printemps" oder in Bronislava Nijinskas Inszenierung einer russischen Hochzeit in „Les Noces". An beide Werke gibt es auch im intensiven Drive von Marcos Moraus „Folkå" aus dem Jahr 2021 Anklänge bis hin zu Zitaten.

Folka1Getanzt wurden diese beiden Werke an diesem Abend von einer hinreißenden und profilierten Juniorcompagnie, dem NDT 2. Das Ensemble wurde 1978 als Brücke zwischen der abgeschlossenen Ausbildung junger Tänzerinnen und der professionellen Tanzwelt gegründet. Wie sich heute der Unterschied zwischen diesen Nachwuchstalenten und den Tänzerinnen der Hauptcompagnie wahrnehmen lässt, kann das St. Pöltner Publikum überprüfen, wenn das NDT 1 in einem Jahr ins Festspielhaus kommt. Am 2. und 3. April 2027 sind dann Arbeiten des Compagnie-Gründers Jiří Kylián, der Kanadierin Crystal Pite und des israelisch-britischen Choreografen Hofesh Shechter zu sehen. Eines lässt sich schon heute sagen: Man darf sich darauf freuen.

Nederlands Dans Theater – NDT 2; "Wir sagen uns Dunkles", "Folkå" am 9. Mai im Festspielhaus St. Pölten

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