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Noces3Zeitgenössische Sinnlichkeit für ikonische Schlüsselwerke der Tanzmoderne: Thematisch übergreifend verknüpft das Ballett Augsburg mit „Les Noces“ in der Choreografie von Didy Veldman und mit „Le Sacre du printemps“ in der choreografischen Version des Augsburger Ballettchefs Ricardo Fernando (bereits dessen sechste Auseinandersetzung mit der „Sacre“-Musik) zwei tanzhistorisch bedeutsame Ballette Igor Strawinskys miteinander. Beide Werke waren ursprünglich vor mehr als 100 Jahren für Sergej Diaghilews legendäre Ballets Russes entstanden.

Vaslav Nijinskys „Sacre“-Wurf mündete 1913 bekanntlich in einen unerhörten Skandal. Seitdem wird wohl keine andere genuine Ballettkomposition des frühen 20. Jahrhunderts tänzerisch häufiger neu gedeutet als diese. Seltener in zeitgenössischen Spielplänen taucht der 1923 erstmals von Bronislava Nijinska in eine formal starke Bildmotivik verpackte Sprint durch die zeremoniellen Stationen einer traditionellen, bäuerlich-russischen Hochzeit auf. Doch auch hier bleibt jede neue Auseinandersetzung mit Strawinskys komplexer Partitur wie dem ursprünglichen Libretto eine Herausforderung – im Hinblick auf eine eigene schlüssige Lesart.sacre3

Das Potenzial beider Werke, sinnlich einen Orkan entfachen zu können, dürfte jedoch auch heute kaum geringer sein. Abseits des Märchenhaft-Mythischen der slawisch grundierten Vorlagen liegt der Fokus in Augsburg darauf, wie Gesellschaften sich organisieren, um ihren eigenen Fortbestand zu sichern. Die Bedeutung sozialer Events – hier „Heirat“ bzw. „Opferfindung“ – hat sich über die Zeit hinweg weniger gemindert, sondern eher noch geweitet. Dichte und Struktur in Musik und Tanz beschwören bei „Les Noces“ wie bei „Le Sacre du printemps“ weiterhin einen inneren Puls auf der Bühne herauf, der sich unmittelbar auf das Publikum übertragen mag. Und das, selbst wenn der Sound vom Band kommen muss, weil Gesangssolisten, Chor und riesige Orchesterbesetzung die Möglichkeiten der Augsburger Ausweichspielstätte im Martini-Park schlicht sprengen würden.

Noces6Mit unerbittlichen Schüben steuern beide Stücke in Augsburg rhythmisch wild auf ihr jeweiliges Ende zu. Drei Komponenten bilden eine inhaltlich verbindende Brücke: Gemeinschaftsgefühl, Zusammengehörigkeitsrituale und die generelle Kraft, die mal von Einzelnen, mal von Paaren ausgeht. Der Abend handelt insgesamt von Hoffnung, Notwendigkeit, Glück und Tod. Eine weitere verbindende Klammer ist, dass Gastchoreografin Didy Veldman in „Les Noces“ (Musik: RIAS Kammerchor, Ensemble Musikfabrik, Daniel Reuss, 2006 – mit eigens hinzukomponiertem Vor- und Zwischenspiel von Dave Price) und Ballettchef Ricardo Fernando für den zweiten „Sacre“-Teil (Musik: Philadelphia Orchestra, Ricardo Muti, 1978 – mit neuem einleitenden Vorspiel von David Nigro) durchweg alle 18 Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie einsetzen. Allein das ist schon ein rares Vergnügen.sacre4

Die Gegenüberstellung der zeitgenössischen Uraufführungen summiert sich zur dynamischen Powerschleuder – formal wunderschön, reich an emotional mitreißenden Momenten und radikal grausam zugleich. Genug für einen 100-minütigen Abend inklusive Pause, um vollends zu überzeugen. Insbesondere bei „Les Noces“, aber auch in „Sacre“ werden zudem immer wieder Bausteine der ursprünglichen Kreationen von Bronislava Nijinska und Vaslav Nijinsky mithilfe stilistischer Elemente aufgegriffen: Schrittmuster, folkloristisch anmutende Bewegungen oder Reihen, Linien, Kreise in den Formationen, die wie Vergangenheitsfunken in den Neufassungen aufblitzen, ohne deren eigenen, bisweilen jähen und von alten Narrativen befreiten Fluss auszubremsen. Das gelingt nicht oft mit solch gewichtiger Leichtigkeit, klappt hier aber bestens. Warum? Vermutlich weil der Premierenabend Veldman/Fernando ganz musikalisch aus Strawinskys unerbittlicher Klangmotorik und dies jeweils mit dem Ensemble entwickelt wurde.

Noces5Les Noces

Eltern, Freunde, Gäste spielen in Veldmans „Les Noces“-Überschreibung keinerlei Rolle. Ebenso wenig das Muss, den Bund fürs Leben einzugehen. Inhaltlicher Ansatzpunkt der Niederländerin, die vor vier Jahren bereits ihr „Frame of View“ mit der Kompanie einstudiert hat, ist die Idee des Zueinanderfindens. Dafür schickt sie die Tänzerinnen und Tänzer in weißen Kostümen (Bregje van Balen) los und lässt sie gewitzt mit Hochzeitssymbolen spielen. Wiederholt wechseln Blumensträuße – überreicht oder geworfen – den Besitzer. Frauen und Männer probieren sich wechselweise und reihum in zwei rückseitenlosen Gewändern für Braut und Bräutigam aus. Der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer zu wem passt und ob bloß für kurze Zeit oder auf Dauer, scheint die gesamte Gruppe umzutreiben. Da gehört bei den Paaren, die sich für intensivere Duette aus dem Kollektiv lösen, Frust und Enttäuschung dazu. Noces7

Einem festlichen Partyambiente entsprechend hat Imme Kachel eine hohe hellblaue Wand mit vier stuckverzierten Türöffnungen schräg in den Raum gestellt. Im Hintergrund zeichnet sich auf einem Wolkenhorizont der farbige Schimmer eines Sonnenuntergangs ab. Feierliche Stimmung soll wohl auch der verbogene Lüster über den pulsierenden Protagonistenströmen verbreiten, die ihre schnell changierende Gemütsgemengelage aus Aufregung, Bedenken, Vorfreude und gegenseitiger Neugierde ziemlich explosiv durch das Stück tragen.

Noces8Während die einen ihren Beziehungsstatus noch körperlich ausdiskutieren, tanzen die anderen aufgekratzt und lassen bereits Konfetti fliegen. Glücklich schätzen dürfen sich diejenigen, die zum Schluss Hand in Hand ab in Richtung Abendrot schreiten. Viel individuelle Freiheit, Licht und Heiterkeit schwingt in dieser sehr atmosphärischen Variante von „Les Noces“ mit, obwohl Streit oder Trennung durchaus strukturell-emotionale Bestandteile sind.

Le Sacre du printemps sacre1

Ricardo Fernando öffnet hingegen einer nicht näher bestimmten Dunkelheit im menschlichen Miteinander und dem Zwang, etwas Schreckliches tun zu müssen, die Pforten. Für seine „Sacre“-Adaption reicht ihm eine leere schwarze Bühne. Es beginnt sachte, musikalisch unterlegt vom zur Dauerschleife verfremdeten Anfangsmotiv des Fagotts, noch bevor das Publikum wieder seine Plätze eingenommen hat. Ein erster Tänzer betritt den Raum. Die anderen folgen ihm nach und nach. Man geht umher, sinkt auf die Knie, berührt den Boden, nimmt mit den Händen etwas auf. Jeder probiert sich in Bewegungsmotiven aus, die später wiederkehren.

sacre5Das Tolle an Fernandos Interpretation ist ihre puristische Schlichtheit. Im Zentrum stehen die physisch geforderten Tänzerinnen und Tänzer. Sobald das Licht im Saal erlischt, nehmen alle dieselbe Position am Boden ein. Beine schleifen über den Boden oder ragen in die Luft. Bewegungen in Reihen treten optisch Wellen los. Die Musik wird zum Antrieb, und die über die ganze Bühnenfläche verteilten Interpreten rücken eng zu einem Block zusammen. In einem nächsten Schritt formieren sich neun Paare. Das und wiederholtes Sich-Umklammern stärken den Zusammenhalt noch. Männer wirbeln Frauen um ihre Schultern. Partnerinnen fliegen in die Luft. Aus zunehmend virtuoseren und impulsiveren Kreisformationen schöpft die toxische Gemeinschaft weitere Kraft – solange bis eine der Tänzerinnen bereit ist, sich zu opfern.sacre2

Dass es genau darum geht, macht Fernando in den ruhigeren Passagen deutlich, wenn er die Tänzer herumgehen, sich kreuzen und viele Blicke wechseln lässt. Alternierend hat er zwei Tänzerinnen die Rolle der Außerwählten anvertraut. Am Premierenabend darf Martina Piacentino die fatale Entscheidung treffen. Die Männer bringen Schalen mit Wasser herein. Die Frauen waschen sich Hände, Gesicht und Nacken darin.

sacre7Das archaische Ritual gilt dem Opfer in ihrer Mitte, das sie anschließend bis auf die Unterwäsche entkleiden, ganz gleich wie verzweifelt dieses nun ins Publikum blickt. Der Vorhang der Rückwand öffnet sich leicht. Dahinter glühen auf Stelen runde Scheinwerfer. Eingekesselt von der Gruppe, die nun wie eine Mauer aus Entschlossenheit um sie herum agiert, beginnt sich Martina Piacentino mit offenen langen Haaren in eruptiven Schrittfolgen zu Tode zu tanzen. Schließlich stürzt sie auf den Rücken. Danach erst erklingt der Schlussakkord. Leblos wird sie gen Himmel geworfen. Atemlose Stille, gefolgt von heftigem Jubel.

“Les Noces & Le Sacre du printemps”. Premiere am 18. April 2026 im Staatstheater Augsburg / martini Park. Weitere Vorstellungen am 29. April, 3., 8., 10., 17., 22., 28. Mai; 6. und 20. Juni.

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