Da bewegt sich etwas, da wird bewegt, da kommt etwas in Bewegung - da werden bewegende Erfahrungen gemacht: immer wieder dann, wenn seit 20 Jahren das internationale Theaterfestival für junges Publikum, spleen graz, die Jüngsten, die Jugend und auch Erwachsene in unterschiedlichste Theaterwelten lockt.
Wenn im ausführlichen, gut gestalteten Programmheft von Neugier, Offenheit und Befragen der Welt zu lesen ist, so wird dies schon allein durch die Breite des Veranstaltungsangebots bestätigt: Workshops mit einzelnen der eingeladenen Gruppen, Dance Battles, Partys, Poetry Slams, Spleen*Trieb ( die Programmschiene für junge NachwuchskünstlerInnen) oder Spleen*Funk, das Festivalradio, das heuer erstmals von SchülerInnen in Form von eigenen Beiträgen über das Festival sowie Interviews angeboten wird.
Und dann sind es die 17 Produktionen, die in ihrer formalen, wie inhaltlichen Vielfalt tatsächlich Türöffner sind für spannende Spielarten des Performativen wie Perspektiven-Erweiterer auf das Geschehen und Denken im Heute. Dass sich das junge Zielpublikum um so manchen Erwachsenen erweitert, der derart neue und damit bereichernde Einblicke in sehr heutige (Theater-)Welten erleben kann, gilt wahrscheinlich nicht nur für die Verfasserin dieser Zeilen
Ein markantes Beispiel dafür ist bereits die Festival-Eröffnungsproduktion „CODE ♥“ von Kopergietery (Belgien), die von Verlust und Liebe anno 2225 erzählt. Dass sich grundsätzliche Probleme wie etwa der Tod einer Mutter für die Betroffene ähnlich anfühlen wie heute; ja, auch der Bewältigungsversuch durch Tanzen uns nicht unbekannt ist, ist die eine Seite. Dass sich der männliche Protagonist als Cyborg herausstellt die andere Seite und damit doch noch eine eher unbekannte. Das Atmosphärische des Plots und vor allem seine Präsentationsform mit Hilfe von KI-geschaffener, virtueller Welten und Geschehen lässt Zukünftiges ahnen. Dass aber das Erwachsenwerden selbst dann noch vor allem von altbekannten Ratschlägen wie ‚das Wichtigste ist, dass man gelebt hat‘, man müsse leben und loslassen, begleitet wird, verflacht die Message ein wenig.
In die Welt des Digitalen, hier in die der Influencer, greift gleichermaßen „WHO CARES WHAT YOU WEAR“, eine Produktion der Austrian Fashion Assoziation und Dschungel Wien. Es gelingt ihnen in gleicher Weise spritzig wie kritisch Die beiden wandlungsfähigen und gleichzeitig immer authentisch wirkenden Darsteller Nele Christoph und Crispin Hausmann führen griffig in die Welt engagierter Vlogger ein und decken doch gleichermaßen das Verführerische, Verfälschte, Unwahre unserer Konsumwelt auf. Ohne den kleinsten Zeigefinger drücken sie doch auf die Schwachstellen unseres Denkens und Handelns. Und schließlich benennen diese beiden coolen Jugendlichen mutig ihre zahlreichen eigenen Schwachstellen und Ängste. Überzeugend, berührend und faszinierend.
Aus einer völlig anderen künstlerischen Ecke kommt Xampatito Pato bzw. Jesús Velasco Otero mit seiner zeitgenössischen Zirkus- und Puppenspiel-Produktion „COMPAŇA“. Der Spanier ist ein hochqualifizierter Bewegungskünstler charmantester Art. Und diese, seine Bewegungskunst, beginnt bei seiner Mimik, geht über seine Gestik, die an Akrobatisches grenzt und breitet sich aus auf eine Welt der Puppen unterschiedlicher Art. Im Mittelpunkt steht eine einfache, einsame Stoffpuppe in Menschgröße, der er zu helfen versucht, indem er sie in eine Traumwelt schickt. In eine, in der sie zu seiner charmanten Tanzpartnerin wird, und in eine, in der ihre Fantasie Puppen und Objekte tanzen und fliegen lässt: Oteros Kreativität und Können bei all seine außergewöhnlichen Jonglagen und einem In-Bewegung-Setzen von Objekten unter Einsatz all seiner Gliedmaßen, das ist schlicht exzeptionell; und: lässt entsprechend daran glauben, dass es immer einen hilfreichen Weg gibt.
Ein ganz anders ausgeklügeltes Spiel mit Puppen zeigt das Theater am Ortweinplatz: „KLEINES SABOTAGE-HANDBUCH“ nennt sich diese augenzwinkernde und doch tiefgründige Aufforderung zum Protest. Angesichts des verstörend gestörten Weltgeschehens wird hier ermutigt, durch kleine Störungen eingefahrener Systeme vielleicht doch Änderungen im Großen zu bewirken. Es sind Alltagsszenen, in denen die Stoffpuppen mit überraschenden kleinen Veränderungen in ihrer Umgebung konfrontiert werden: Indem etwa ein Möbelstück verstellt wird, ein Gegenstand verschwindet Eine formal sehr kreativ arrangierte Versuchsanordnung zwecks mutmachender Motivation zum individuellen Handeln – all der derzeit zu bemerkenden Müdigkeit der Menschen zum Trotz. Ein bisschen schade nur, dass die eine oder andere Länge etwa bei Umbauten die Aufmerksamkeit ein wenig ermüden lässt. 
Einen ernsten, einen hochpolitischen Hintergrund hat auch das Maas theater en dans (Niederlande) versteckt: in seinem „Pflichtprogramm für alle RegierungschefInnen der Welt“, „BULLYBULLY“ für ein junges Publikum ab 3+ (!). Charmant und altersgerecht gelingt ihm das; lediglich begeistertes Lachen oder aufgeregte kleine Hinweise unterbrechen die aufmerksam Ruhe der jungen Zuseher. Tänzerische Bewegungssprache ist es, die in kleinen Szenen alltägliche Konflikte sichtbar macht: ob in Form von Imponiergehabe, Streit um die ureigenen Grenzen, Zerstörung von fremdem Eigentum. Mit zurückhaltender Klarheit aber auch humorvoller Übertreibung reihen sich die kurzen Szenen aneinander, um letztlich einer gemeinsamen Mitte und damit Übereinstimmung und Frieden Platz zu machen. Wie weit das Verständnis bei den einzelnen Zusehern geht, wird unterschiedlich sein; erreicht werden sie aber offensichtlich alle.
Vergleichbares gilt auch für die die nette Aufbereitung des Themas der Gemeinsamkeit im Verschieden-Sein. In „SOLIDARITY“ sucht die Schweizer Company Rebecca Weingartner weitgehend wortlos nach verbindenden Bereichen; nach Bereichen, die sich bei entsprechender Offenheit für etwas Anderes, für das Fremde ergeben. In eher simplen Szenen, die aus Bewegungsmöglichkeiten schöpfen, so wie anhand kreativ eingesetzter, rhythmisch- musikalischer Optionen führen die drei Protagonisten derartig nachahmenswerte Vorgangsweisen vor; mitreißend insbesondere Herve Sambs Kunst in seinen Gitarren-Soli.
Gutes Theater erreicht sein Publikum, Theater öffnet Denkräume - Theater ist also insbesondere für Heranwachsende von nachhaltiger Bedeutung Die hier angeführten Beispiele zeigen es ebenso überzeugend; wie viele der anderen bei diesem Festival präsentierten – etwa die herausragende Produktion „MIND THE GAP“ (tanz.at berichtete).
spleen graz,11.internationales Theaterfestival für junges Publikum, 16. bis 22. April 2026.; verschiedene Aufführungsorte
