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McGregor1"Visionary Dances“ nennt Ballettchefin Alessandra Ferri den neuen Abend des Wiener Staatsballetts. Die vielseitigen Tänzer*innen des Wiener Staatsballetts bringen diese Visionen allesamt zum Strahlen, agieren bestens als Ensemble, in dem Hierarchien verschwimmen, um eine kollektive Erfahrung zu generieren. Mit „Yugen“ beweist Wayne McGregor erneut, dass er im zeitgenössischen choreografischen Schaffen eine Klasse für sich ist. Nicht weniger visionär wirkt Twyla Tharps „The Upper Room“, ein Stück, das vor 40 Jahren entstand und gut gealtert ist. Justin Pecks „Heatscape“ entpuppt sich als Fortschreibung des American Ballet – allerdings bei hohem Tempo.

Die drei Werke des Abends zeichnen sich auch durch ihre enge Zusammenarbeit mit bildenden Künstler*innen und die präzise Wahl der Musik aus. Insofern ist jedes der Stücke ein Gesamtkunstwerk. Tharp1

Zwischen Spitzenschuh und Sneaker

Twyla Tharps künstlerischer Anfang in der Judson Church Group in den 1960er Jahren prägte ihre Entwicklung zu einer der profiliertesten Choreografinnen im US-amerikanischen Mainstream. In der Wiege des Postmodern Dance kippte man tänzerische Konventionen und gab sich einem hemmungslosen Experimentierdrang hin. Der Spitzenschuh war verpönt, der Turnschuh hielt Einzug auf die Tanzbühne. Hatte Tharp damals dem Trend folgend in ihren Arbeiten auf Musik verzichtet, ist sie heute besonders für ihre originelle Tanzsprache zu Musik aller Stilrichtungen bekannt. Ab den 1970er-Jahren stand die Populärkultur, speziell afroamerikanische Musik, in ihrem künstlerischen Interesse – aber nicht nur. Sie weitete ihr Spektrum auf klassische Musik von der Barockzeit bis zu zeitgenössischen Kompositionen aus. Musikalisch wie tänzerisch entstanden Collagen unterschiedlicher Richtungen, die zu einer Tanzsprache führten, die sich stilistischer Zuordnung entzieht. Zugleich war sie so attraktiv, dass ihre Stücke bald in das Repertoire klassischer Compagnien wie dem American Ballet Theatre und dem New York City Ballet fanden. Vom Wiener Staatsballett wurden bisher lediglich ihre „Variationen über ein Thema von Haydn“ (siehe Premierenkritik auf tanz.at) getanzt.

Tharp2Nun hat es eines ihrer mitreißendsten Werke hierher geschafft: „In the Upper Room“ ist ein blendendes Beispiel dafür, wie der Drive von Philip Glass’ Minimal Music sie zu immer neuen Bewegungskompositionen inspiriert, wie sie mühelos die Strenge des klassischen Spitzentanzes mit der Freiheit des Modern Dance verbindet und mit jazzigen Elementen vermischt. Da verharrt ein Paar in einem kurzen Pas de deux auf Spitze, bevor eine Gruppe von Tänzer*innen hemmungslos über die Bühne flitzt. Immer mehr wird man in diese Bewegungsflut gezogen. Die düsteren Lichtinstallationen von Jennifer Tipton, oft auch vernebelt, stehen dabei in spannungsgeladenem Kontrast zur Lebendigkeit des Tanzes der Tänzer*innen in gestreiftem oder leuchtend rotem Outfit (Kostüme: Norma Kamali).Tharp3

Die Anzahl der Auftritte und Abgänge in dieser Komposition in neun Teilen ist atemberaubend. Umso erstaunlicher, dass die Einstudierung dieses Werks, das Tharp mit ihrer eigenen Compagnie 1986 zur Uraufführung brachte, lediglich von einer Repetitorin erfolgte: Shelley Washington verdient eine besondere Erwähnung, ebenso wie die Tänzer*innen des Staatsballetts, die sich hier vorbehaltlos ins Zeug legen. Ein wunderbar animierender Abschluss für einen Abend, der doch relativ konventionell begonnen hatte.

Mr. B. auf Speed

Peck3Justin Peck war Tänzer und ist nun Resident Choreographer beim New York City Ballet. Darüber hinaus ist er Choreograf für Broadway-Produktionen und Filmemacher. Der vielfach ausgezeichnete Künstler erhielt 2022 für seine gelungene Choreografie in „West Side Story“ (Regie: Steven Spielberg) den World Choreography Award.

Ohne ihm die kreative Fülle oder das handwerkliche Können absprechen zu wollen – die Bezeichnung „visionär“ ist bei Peck wohl übertrieben, ist seine Arbeit doch eine Fortschreibung der Ikonen des New York City Ballet, George Balanchine und Jerome Robbins. Er führt deren klassische Tanzsprache ins 21. Jahrhundert, vor allem indem er das Tempo erhöht. Und dafür eignet sich das energiegeladene Konzert für Klavier und Kammerorchester Nr. 1 von Bohuslav Martinů als kongenialer musikalischer Partner. Die Pianistin Yoko Kikuchi gibt meisterhaft und mit Nachdruck den Ton an.Peck1

Vor einem mandalaartigen, farbenfrohen Prospekt von Shepard Fairey entfaltet sich ein schritt- und gestenreiches Gewusel der in Weiß gekleideten Tänzer*innen (Kostüme: Reid Bartelme & Harriet Jung) in vorwiegend klassisch-akademischer Manier. Eine Herausforderung für sie, denn die Geschwindigkeit ist beachtlich – selbst der lyrische zweite Satz gönnt den Tänzer*innen kein Innehalten (großartig: Milda Luckuté an der Seite von Zsolt Török). Der Titel „Heatscape“ passt jedenfalls zu diesem Stück, das 2015 vom Miami Ballet uraufgeführt wurde. Auch wenn man den Tänzer*innen keine hitzebedingt Ermattung anmerkt, sind wir im Publikum von der Bilderflut erschöpft.

Das Juwel in der Mitte

McGregor2Da tut das anschließende Stück "Yugen" richtig gut, das 2018 für das Royal  Ballet und das Het Nationale Ballet Amsterdam enstand.

Wayne McGregors Tanzvisionen entstehen aus einer Verbindung mit menschlich-existenziellen Fragestellungen. Sehr oft orientieren sich seine Kreationen an wissenschaftlichen Erkenntnissen und hinterfragen deren Wirkung auf den Menschen. „Yugen“ fällt insofern aus diesem Rahmen, als McGregor hier einen spirituellen Weg erkundet. Zwischen den riesigen Ausstellungskästen von Edmund de Waal zeichnet der Choreograf mit den in Rot gekleideten Tänzer*innen (Kostüme: Shirin Guild) eine Landschaft menschlicher Begegnungen. Im Gegensatz zu anderen McGregor-Stücken (in Wien war einige Jahre sein „Eden | Eden“ im Repertoire) mit ihren Hyperextensions und verschobenen Körper-Asymmetrien sind die Bewegungen hier organisch fließend und lyrisch und nutzen alle Raumebenen der Laban’schen Bewegungsanalyse. (Wayne McGregor absolvierte übrigens seine Tanzausbildung am Laban Centre London und ist nun Professor für Choreografie am daraus hervorgegangenen Trinity Laban Conservatoire of Music and Dance).McGregor3

Zart und berührend wirken diese Tanzfragmente gegenüber Leonard Bernsteins gewaltigen „Chichester Psalms“, die der Schönberg-Chor und das Orchester der Wiener Staatsoper (Leitung: Gavin Sutherland) aus dem Orchestergraben aufsteigen lassen. Glockenhell und glasklar hebt sich daraus die Knabenstimme von Dominik Baumgartner hervor, einem Mitglied der Opernschule der Wiener Staatsoper.

Das Zusammenwirken von Musik, Bühnenbild und Tanz nimmt in diesem Stück eine ästhetische Dimension an, die den Titel „Yugen“ auf vielfältige Weise interpretiert und die Sinne der Zuschauerin immer wieder auf unterschiedliche Aspekte dieser künstlerischen Synthese lenkt (siehe dazu auch die Wiener Tanzgeschichte „Edmund de Waal: Du côté de chez McGregor“).

Wiener Staatsballett: "Visionary Dances" – "Heatscape" von Justin Peck, "Yugen" von Wayne McGregor, "In the Upper Room" von Twyla Tharp. Premiere am 28. März 2026 an der Wiener Staatsoper. Weitere Aufführungen am 1., 4., 6., 7., 10., 14., 17. April