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AmorPsyche1Choreograf Jeroen Verbruggen nennt sein Stück „Amor & Psyche?“ – das Fragezeichen ist Programm. Denn auf der Bühne des Musiktheaters Linz entsteht kein eindeutiges Märchen, sondern ein rätselhaftes Labyrinth. Nicht die allegorische Erzählung aus Apuleius‘ „Der goldene Esel“ wird hier getanzt, sondern ihre Fragmente, ihre Zwischenstationen und seelischen Abgründe. 

Zu Beginn steht das Mädchen Psyche mit einer Taschenlampe im Dunkel. Aus dem Dunkel nimmt eine Art Skulptur Gestalt an, eine geheimnisvolle Grotte aus metallischen Ästen und Zweigen. Aus diesem dichten Buschwerk schälen sich einzelne Figuren heraus, die sich nur durch grünfarbige Accessoires (Kostsüme: Emmanuel Maria) vom HIntergrund abheben. AmorPsyche2

Jeroen Verbruggens Arbeit für das Nationaltheater Mannheim hatte am 31. Jänner in einer überarbeiteten Version Linz Premiere. Die Choreografie arbeitet mit Andeutungen, nie mit direkter Erzählung. Verbruggen, früher Tänzer bei Les Ballets de Monte-Carlo, folgt hier der tiefenpsychologischen Tradition seines langjährigen Chefs Jean-Christophe Maillot. Die Handlung tritt zurück zugunsten innerer Zustände: Psyches Angst und Erregung zeigen sich in vielfach verschlungenen, erotisch aufgeladenen Gruppenformationen – in jedem Tänzer steckt Amor. Einer von ihnen schickt einen giftgrünen Pfeil auf sie. Er geht daneben. Psyche rettet sich auf eine Insel in einem silbern schimmernden See und klammert sich an ihre Aktentasche, als könnte Wissen Schutz bieten. Eine trügerische Hoffnung. 

AmorPsyche3Denn diese Figuren, die sich in dieser Traumlandschaft bewegen sind auch an- und übergriffig und attakieren Psyche mit Wasserpistolen. Verbruggen bleibt jedoch stets im Vieldeutigen. Selbst die Szenentitel im Programmheft – „Weiblichkeit“, „Die Waffe des Ursprungs“ oder „Kanon der Reue“ – sind Wegweiser, liefern keine Erklärungen. Im schummerigen Lichtdesign sind Details mitunter schwer auszumachen. Das verleiht dem Stück eine durchgängig geheimnisvolle Note.AmorPsyche4

Die Dramaturgie setzt stark auf Kontraste: Die Musikcollage, eindringlich vom Bruckner Orchester Linz unter Ingmar Beck gespielt, vereint Stücke von Ralph Vaughan Williams, Thomas Adès, Gabriel Fauré, Lukas Foss, Jimmy López und Johann Paul von Westhoff mit griechischem Schlager und gelegentlich den Stimmen der Tänzer. Mal orchestral, mal intim, macht sie das Wechselspiel der Gefühle hörbar. Zum Finale dieser Coming of Age Story erklingt zu einem eindringlichen Pas de deux Charles Ives‘ „The Unanswered Question“. 

Tanz Linz: “Amor & Psyche?”, Ch: Jeroen Verbruggen, gesehene Vorstellung am 8. Februar 2026 im Musiktheater Linz. Weitere Aufführungen bis Juni 2026.