2019 brachte Manuel Legris in seinem letzten Jahr als Chef der Wiener Staatsballetts Balanchines “Jewels” zur Premiere (tanz.at berichtete) und löste damit Begeisterungsstürme aus. Nun hat Alessandra Ferrari in ihrer ersten Spielzeit den Dreiteiler wieder aufgenommen. Die Aufführung wurde mit einem wohl anerkennenden, aber kurzen Applaus quittiert. Was führt wohl zu dieser bemerkenswerte Verschiebung im Ökosystem des Wiener Staatsballetts und seinem Publikum?
Um es gleich vorwegzunehmen: auch an disem Abend im Jänner 2026 wird hervorragend getanzt und – wie bereits 2019 unter der Leitung von Paul Connelly – musiziert. Nanette Glushak und Diana White vom Balanchine Trust haben die Arbeiten sorgfältig einstudiert.
Es ist vielmehr eine grundlegende Stimmung, die der Begeisterung im Wege steht. Auch wenn Balanchines Ballette keine Handlung im herkömmlichen Sinn haben, folgen sie einem Narrativ und dieses spannend zu vermitteln, ist die Herausforderung seiner Arbeiten.
Bei dieser Wiederaufnahme wirkten die “Emeralds” zur Musik von Gabriel Fauré wie eine unterkühlte Winterszene. An der Seite von Kentaro Mitsumori und Victor Caixeta, waren Ioanna Avraam und Olga Esina in für sie neuen Rollen zu sehen. Bei aller technischen Vollendung gelang es ihnen nicht, die lyrischen Partien mit pulsiernedem Leben zu füllen. Am überzeugendsten traten in diesem ersten Teil die jungen Tänzerinnen Gaia Fredianelli und Phoebe Liggins an der Seite von Giorgio Fourés auf.
Höhepunkt des Abends sind freilich auch diesmal die “Rubies”. Margarita Fernandes und António Casalinho geben das verspielte Paar, die groß gewachsene Corps-Tänzerin Milda Luckute überzeugt mit ihrem souveränden Auftritt in der Solorolle. Zusammen mit dem Ensemble übersetzen sie die jazzigen Klänge von Strawinskis Capriccio für Klavier und Orchester (mit Anna Malikova am Klavier) aus dem Orchestergraben temperamentvoll, frech und frisch in ihre Körper.
Beinahe skurril mutet die Ernstaftigkeit an, mit der Balanchine die höfische Etikette in “Diamonds” zu Tschaikowskis 3. Symphonie auf die Bühne bringt. Der Choreograf, dem man ja durchaus einen Sinn für Humor zuschrieb, mag das vielleicht sogar ironisch gemeint haben, wenn er das Ensemble in Polonaise-Formationen wiederholt über die Bühne schreiten lässt. Als Solistenpaar wirkten Alessandro Frola als überwältigender Partner von Laura Fernandez Gromova, die zwar untadelig tanzte, wenn auch etwas nervös in ihrem Rollendebut an der Wiener Staatsoper auftrat.
Alessandra Ferri bemüht sich sichtlich um eine ausgewogene Besetzungsstrategie. Mit einem reichhaltigen Pool an ausgezeichneten (Ersten) Solist*innen hat sie die Qual der Wahl, gleichzeitig will sie auch aufstrebende Talente aus den unteren Rängen fördern. Und aus diesem Spannungsbereich lässt sich der Eindruck dieses Abends vielleicht erklären: Das Ökosystem ist (noch) nicht im Lot, Stammtänzer*inne und “die Neuen” noch nicht ganz zu einem Ensemble verschmolzen. Eine Dysbalance, die den den Glanz dieser Juwelen trübt.
Wiener Staatsballett: “Jewels” am 30. Jänner in der Staatsoper. Weitere Vorstellungen am 4., 5., 8., 9., 14. und 15. Februar.
