Pin It

Firebird01MiessDas klassische Ballett-Training scheint schon so manche Performerinnen traumatisiert zu haben. Nach Florentina Holzingers Abrechnung mit den bösen Barre-Exercises in großem Stil hat nun ein sogenanntes „brut-All Star“-Ensemble um Marta Navaridas den „Feuervogel“ von Michel Fokine/Igor Strawinsky zur schon inflationären Selbstermächtigung umgedeutet: „Once upon a Time in the Flames: Our Firebird Ballet“. 2024 beim Steirischen Herbst uraufgeführt, ist es nun im brut zu sehen.

Dabei ist es nicht einmal ein rigides klassisches Ballettwerk, dessen Verarbeitung zur „individuell wie kollektiven, kathartischen Selbstermächtigung“ führen soll (Programmtext). Die Uraufführung von „L’Oiseau de feu“ fand 1910 durch die Ballet Russes an der Pariser Oper statt mit Tamara Karsawina als Feuervogel. Choreograph und Librettist Fokine tanzte den Iwan Zarewitsch. Doch Strawinskys markante Musik des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts und der märchenhafte Stoff gestatten vielleicht mehr Selfempowerment als ein romantisches oder klassisches Ballett.Firebird26Miess

Es beginnt sogar recht witzig, denn das Bühnenbild von Georg Klüver-Pfandtner schafft eine Atmosphäre wie in der Grottenbahn und erinnert an Kulissen vergangener Jahrhunderte. Veza Fernández, Stina Fors, Lau Lukkarila, Maja Osojnik, Denise Palmieri und Marta Navaridas beleben diese Szenerie in merkwürdige Kostüme gehüllt (Annemarie Arzberger), deren essentielles Merkmal Strumpfhosen sind, nona Ballettstrümpfe natürlich. Jede Performerin trägt zahlreiche an ihrem Körper, darüber, darunter, hineingestopft, sonst wie verwickelt. So bewegen sie sich wie Michelinmännchen-ähnliche Figuren in schrägen Formationen, die vielleicht irgendwie dem Narrativ des „Feuervogels“ folgen, ganz klar ist das nicht.

Firebird02MiessKlassisches Vokabular kommt marginal vor, eher zitathaft, und insgesamt hat dieses Treiben zum elektronisch manipulierten Strawinsky-Sound (Manuel Riegler, Maja Osojnik) eine ganz passable Dynamik. Dann ruft jemand „Umbaupause“, das Saallicht geht an und man erwartet den zweiten Akt. Der Umbau entpuppt sich aber als ramponistischer Dekonstruktivismus, denn die Pappkulissen werden umgeschmissen und dienen fortan als Blitzableiter der aggressiven Selbstermächtigungsschübe.

Nun beginnt so etwas wie ein therapeutischer Sitzkreis, bei dem alle aus ihren persönlichen Biographien erzählen. Jede steuert eine Anekdote aus frustranen Tanzunterrichtserlebnissen bei. Leider ist das alles recht banal, doch vielleicht reicht es aus, um die Solidarität eines Publikums zu erzielen, das sowieso wenig mit Ballett am Hut hat und auch kaum etwas darüber weiß. Aber immerhin, es kann gelacht werden, to be ironic ist heute ja auch obligat in Performances.

In der Zwischenzeit haben sich alle längst der bösen, einengenden Strumpfhosen entledigt, und entpuppen sich als kleine Florentinas, die sich ein wenig entblößen. Aber nicht so radikal wie das Role Model, denn die primären Geschlechtsmerkmale bleiben brav verhüllt. Übrigens ist sogar ein Stier als Leuchtfigur dabei, vielleicht soll das ein echtes Zitat aus Holzingers „Tanz“ sein. Ob es aber wirklich dramaturgisch interreferentiell gemeint ist, bleibt offen. Firebird05Wildberger

Und dann geht es los mit der vorgeblichen Selbstermächtigung, wenn die Ladies mit obszönen Gesten in Richtung Publikum tanzen, wieder umdrehen, dann neue sexuelle Affronts begehen. Jedenfalls ihrer Empfindung nach, denn all das hat man schon so oft gesehen und zuckt nicht mit der Wimper. Diese Art der Pseudo-Selbstermächtigung geht außerdem ins Leere, denn hier im brut gibt es keinen Feind, keinen Widerpart, dem man etwas beweisen müsste. Niemand hier hindert Darstellende an ihren Behauptungen. Vermutlich auf keiner Performance-Bühne überhaupt. „We are with you, girls, anyway“, möchte man rufen. Und das mit der Katharsis scheint auch nicht ganz verstanden worden zu sein, denn das Publikum der antiken Polis war da mitgemeint. Im brut wirkte aber gar nichts kathartisch. Denn im Unterschied zu antiken Tragödien, die auf gesellschaftliche Probleme rekurrierten, betraf das hier Verhandelte einzig die auf der Bühne performenden Frauen.

Firebird06WildbergerAm Ende bleibt der Eindruck, lauter Mini-Florentinas bei ihrer Probenarbeit zugesehen zu haben. Denn anders als bei der Meisterin des feministisch-queeren Selfempowerments fehlte es außerdem noch an einer reflexiven intellektuellen Ebene. Etwas mehr Hirnschmalz wäre manchmal politischer als nackte Brüste, um nicht lediglich eine "ach, so trendige" Show abzuliefern.

Marta Navaridas: "Once upon a Time in the Flames: Our Firebird Ballet", Premiere am 23. February im Brut Nordwest, weitere Vorstellungen: 26., 27., 28. Jänner 2026