Ein literarisches Werk dieser Größenordnung auf die Bühne zu bringen ist eine Herausforderung. Es als ‚Gesamtwerk‘ in Tanz umzusetzen eine weitere, eine sehr mutige. Die in Chile geborene Estefania Miranda, eine im Genre des Tanzes überaus erfahrene und breit aufgestellte Künstlerin (Solotänzerin, Choreografin, Tanz-Kuratorin, Direktorin, Schauspielerin auf großen, internationalen Bühnen), kann es sich zumuten.
Die Uraufführung fand 2021 auf der Stadttheater-Bühne in Bern statt und hat nun, nach dem dortigen großen Erfolg, die österreichische Erstaufführung im Opernhaus Graz. Diese ist keine als Handlungsballett komprimierte Zusammenfassung von Dantes allegorischer Reise. Vielmehr nützt Miranda das im zeitgenössischen Tanz gegebene, abstrakt tänzerische Potential körperlicher Verbildlichung. Sie macht derart greifbar, was an Atmosphärischem, an Emotionalem kaum etwa in Worte zu fassen ist. Weiters öffnet sie damit dem Rezipienten individuelle Interpretationsräume und den ihr wichtigen Weg zur Selbstreflexion; letztlich den zum Erkennen von Eigenverantwortung. 
Einen Weg, auf den sie auch „ihren“ Dante schickt. In ausgewählten, ihr wesentlichen und frei arrangierten Szenen. Komponiert und choreografiert in einem Gesamtkunstwerk aus Tanz, Schauspiel, Musik, Text und Installation.
Der Fokus des ursprünglich in der mittelalterlichen Kultur tief verankerten, aber dennoch allgemeingültig das zeitlos Menschliche betonende Werk, liegt nun in eine Introspektion.
Konsequenterweise wird daher das Opernhaus in einen menschlichen Körper transformiert: Bis vor die Tore reicht einer der riesengroßen goldenen Füße. Hoch oben, rechts über der Feststiege ragt eine goldenen Hand in den Raum, eine zweite erhebt sich im Café Stolz.
Die Bühne wird sich später als Kopf des Menschen definieren. All dies nicht nur unübersehbar, sondern auch beeindruckend gestaltet vom freien Bühnenbildner Till Kuhnert.
Der Weg ins Paradies beginnt in der Hölle als choreografischer Parcours durch die Foyers des Hauses. An fünf Stationen – gut festgehalten auf einem ‚Lageplan‘ - kann das frei im Raum sich bewegende Publikum die 7 Todsünden erleben: „lebende Skulpturen“ veranschaulichen diese. Die größtenteils aufwändigen und spektakulären Kostüme (auch für diese zeichnet Miranda verantwortlich) schränken nicht zufällig die Bewegungsfreiheit der Tänzer ein: Sind diese doch Gefangene in ihrer Sündenwelt, versperren sich also selbst den Weg. Eingeengt werden sie allerdings auch vom sie umringenden Publikum. Ein ‚Nahverhältnis‘, das dieses zu besonderer Betroffenheit veranlassen sollte. Für viele beeindruckend, in dieser Nähe professionellen Tanz zu erleben und damit sich auch in neuer Weise des großen Könnens der Tänzer*innen bewusst zu werden. Allein, das Gedränge im ausverkauften Opernhaus ist groß, die Sicht nicht immer gegeben und die Zeit des Verweilens – 5 Minuten pro Station – knapp bemessen. Im Allgemeinen zu knapp, um in das Gezeigte, in seine Aussage tiefer eintauchen zu können. So kreativ und einprägsam dieses Konzept auch ist – es geht nicht vollständig auf. 
Nach einem fließenden Übergang verläuft der zweite, etwa einstündige Teil des Abends auf der Bühne. Ein nicht kettenrasselnder, sondern (zeitgemäß) umso verschlagener, fieser sich gebärender Luzifer (Thibaut Lucas Nury beweist sich als punktgenaue Besetzung für diese Rolle) lässt einen gefallenen Engel den suchenden Dante aus dem Publikum (entsprechend etwa wie dieses gekleidet) in seine Welt, nunmehr ins Fegefeuer, holen. Wenn in der Hölle die Konfrontation mit dem „Bösen“ noch eine betrachtend erkennende und abschreckende war, ist nun die Auseinandersetzung mit dem Gelebten und Geschehenen eine sehr unmittelbare, tiefgehende. Nimrod Poles als Sante verkörpert hier die geforderte, nachdenklich wie verzweifelt suchende Haltlosigkeit eines Menschen mit beachtlich darstellerischer Einprägsamkeit. Die Gedanken, die Erinnerungen, die Zweifel, die Vorwürfe, die Einsichten, die Dante nun heimsuchen, gestalten sich vorerst verschwommen. Überzeugend das ebendieses darstellende Agieren des Corps hinter einem dünnen Vorhang als Spiegel seines Inneren. Sobald sein Erkennen strukturierter und klarer wird, hebt sich der Vorhang und er taucht unentrinnbar ein in seine Vergangenheit und nunmehr erfolgende Auseinandersetzung damit. Es sind überzeugende, berührende Szenen, die sich da mit viel tänzerischem Können, das nur manches Mal an seine Grenzen kommt, entfalten, . Die hautfarbenen Minimal-Bodys lassen dies nicht nur zu, sondern symbolisieren auch das unverblümte Preisgeben der eigenen Verletzlichkeit und damit den maskenlosen Versuch der Selbsterkennung.
Das Auftauchen von Beatrice (Savanna Haberland), der von Dante in den Himmel gehobenen, imaginierten großen Liebe und Muse - minutenlang ‚schwebt‘ sie in der Luft - bewirkt einen weiteren, vorerst immer noch zögerlichen Schritt der Selbstfindung. Der stete Wechsel von Nähe und Entfernung, von Verlangen und Zögern bewirkt Bilder innerer Kämpfe: Er ist schmerzvolle Auseinandersetzung als Voraussetzung für die endgültige Versöhnung mit dem eigenen Ich: Langsam, in vorsichtigem Annähern, in geschmeidig zartem Fluss verbinden sich Dante und seine Seele (Yuka Eda). Das durchgängig zurückhaltend klare Lichtdesign von Martin Schwarz markiert den alles entscheidenden Moment in einem strahlenden Spot, aus dem die beiden geeint in einem wirbelnden Rausch von Verschlungenheit erlöst ins Paradies gleiten. All dies vor einem den Bühnenhintergrund ausfüllenden, um ein Zentrum kreisenden Video (Kristian Breitenbach) in Rot. Kreisend um ein zartes Wesen, um den Menschen, um das liebende Sein. 
Einen sehr wesentlichen Part des gelungene Zusammenspiels der Kunstgattungen übernimmt die von Miranda feinfühlig ausgewählte Musik Arvo Pärts und Philip Glass. Sie ist unter dem Dirigat Johannes Brauns und den sehr überzeugenden Grazer Philharmonikern ein changierend treibender wie meditativer, sich kreisförmig wiederholender wie aufbäumender, mitreißender kongenialer Teil dieses Gesamtkunstwerkes. Die eingespielten, kurzen Originalzitate so wie die wohlformulierten, punktgenauen Texte Mirandas helfen manches Mal einerseits, die Komplexität des Erlebten noch besser zu erfassen, und erreichen damit andererseits ein noch tieferes Eindringen des Erfahrenen und Erkannten.
Das Publikum dankt mit langem, begeistertem Applaus.
Ballett Graz: La Divina Comedia, Tanzabend mit Musik von Arvo Pärt und Philip Glass, Ch: Estefania Miranda. Premiere am 17.Jänner 2027 im Opernhaus Graz. Weitere Vorstellungen: 22., 23., 25., 28. Jänner, 6. Februar 2026
