Das zweiteilige Programm des diesjährigen Festivals Cirque Noël kennzeichnet mit den präsentierten Produktionen zwei der zahlreich möglichen formalen Eckpunkte der Kunstform Cirque Nouveau: Einerseits war eine Erweiterung des Akrobatischen um unterschiedliche theatrale Komponenten zu erleben. Andererseits bot sich eine Reduktion der Vielfalt darstellerischer Ausdrucksformen auf eine des puren Körperlichen. Faktum ist, dass beide kaum an Brillanz zu überbieten sind.
Zusätzlich faszinierend ist, dass beide – einmal offensichtlich, einmal leicht angedeutet – im weiten Sinne um das Thema des ebenso herausfordernden wie gedeihlichen Miteinanders kreisen.
Im Bühnenstück „Six°“, dessen Titel sich auf die Theorie der „Six Degrees of Seperation“ bezieht, wird - in bester Cirque Nouveau Manier - eine ‚einfache‘ Geschichte um Beziehungen erzählt. Eine, die sich aus zahlreichen Geschichtchen, verbunden durch einen roten Faden, zusammensetzt. Aber insbesondere ist es eine, die von der kanadischen Gruppe FLIP Fabrique in schlicht unvergleichlicher Weise erzählt wird; unaufgesetzt, mit ruhig sich immer wieder neu entwickelnder und schließlich jeweils explodierender Überzeugungskraft.
Die funkelnde Spielfreude dieser Artistinnen und Artisten, der gleichermaßen unterhaltsame Witz wie der fein gesponnenen, (fast) alles durchziehende Humor verbinden sich mit einer individuellen Form höchsten akrobatischen Könnens.
Ihre darstellerischen Fähigkeiten, wohlüberlegt eingebettet in einer dem selbstbewussten Verharren, der Langsamkeit wie der Rasanz Raum gebenden Choreografie des Wechselspiels zwischen Solo- und Gruppenpassagen, ist eine ihrer tragenden Säulen. Die andere: Eine verbildlichende Körpersprache, die akrobatisch von Emotionen erzählt, für die Worte weitgehend fehlen. Beispielhaft dafür der Tanz mit dem Reifen, dessen tiefe Ausdruckskraft Vergleichbares sucht. Ebensolches gilt für die feinsinnige Kreativität und Bewegungssprache im Miteinander, wenn zwei Artistinnen den Reifen zum ‚Sprachrohr‘ werden lassen.
Atemberaubend das, was auf dem Fahrrad mit selbstverständlicher Leichtigkeit und Witz vorerst im Solo, letztlich sich ebendort zu einem Pas de Deux entwickelt. Und wenn bei einer Jonglage mit Schachteln nicht nur die Geschicklichkeit den Mund öffnen lässt, sondern auch eine Art Poesie die Poren, dann dringt der zitierte Satz „Wie wissen nicht, was wir sein könnten“ nachvollziehbar unter die Haut.
Während sich diese Produktion in einem einfachen, sich nur leicht wandelnden Bühnenbild abspielt, dient der australischen Gruppe CIRCA lediglich eine langgezogene weiße Wand unverändert als diskret unterstreichender Hintergrund. Unterstreichend das, was diese Akrobaten und Akrobatinnen in ihrer zwei-aktigen zirzensischen Choreografie „Wolf“ während dichter 100 Minuten (1 Pause) leichtfüßigst auf die Bühne zaubern. Ihre Spielwiese ist ihnen ihr eigener Körper, das in ihm und aus ihm aktivierte, akrobatisch-künstlerisch-tänzerische Potential. All dies im Fluss einer scheinbar naturgegebenen Geschmeidigkeit, ergänzt durch eine ebensolche ‚Schwerelosigkeit‘, wie sie selten zu erleben ist. Und dass derartige Würfe, Dreifachtürme, Hebungen, Umschlingung, Dehnungen, Sprünge, Drehungen, Türme zu sechst… in schier unbegrenzten Variationen tatsächlich, also in Realität zu erleben sind, ist immer wieder unbegreiflich, weil nicht erklärbar. 
Die pure Freude an der Bewegung wird hier in einem lückenlosen, in einem teils langsam verhaltenen, sprudelnden, suchenden, aber auch bedrohlich schleichenden und aggressiven immerwährenden Agieren präsentiert. Es ist ein Lebensfluss, einer der steten Veränderung: im Miteinander, im Gegeneinander; in dem des Einzelkämpfers, der Kleingruppe, der Gemeinschaft. Die Konstellationen variieren: einer gegen alle, alle gegen einen, einer als Kontrahent zwischen zweien. Das, was in der Vertikale in, um, an zwei Schleifen, also als Strapaten-Akrobatik sowie auf und rund um ein Trapez ‚passiert‘, ist wohl am ehesten als Luft-Poesie zu charakterisieren. Die Übergänge zwischen den eng getakteten Szenen sind, wenn man sie überhaupt wahrnimmt, von nicht weniger Kreativität geprägt. Ein Märchen der Bewegung zum Staunen für alle Jungen und jung Gebliebenen.
Cirque Noël: Die Zirkusgeschichten in Graz; 20. Dezember bis 10.Jänner im Orpheum
Gesehene Vorstellungen: „Six“ am 20. Dezember 2925, „Wolf“ am 3. Jänner 2026, weitere Vorstellungen bis 10. Jänner
