Einmal Bewährtes darf, ja soll Fortsetzung finden: Im Mai des vergangenen Jahres (tanz.at berichtete) gab es unter obigem Titel erstmals in Graz für TänzerInnen und ChoreografInnen aus der zeitgenössischen freien Tanzszene eine von Filip Löbl gemeinsam mit Xianghui Zeng in die Wege geleitete Möglichkeit, sich in und mit ihren neuesten Arbeiten im Rahmen eines Abends zu präsentieren; die Weiterführung war erfolgreich.
Eine silbrig weiße Wand aus Licht teilt diagonal die leere, dunkle Bühne. In langsamer Drehbewegung öffnet und schließt sie den Raum – bis eine Hand sie ‚durchbricht‘. „What is beyond the darkness?“ wird in den daraufhin kurzzeitig lichtlosen Raum gefragt: Diese feinsinnige Szene (Lichtdesign: Reinier Martínez Badilla) eröffnet das vierteilige Programm vierer sehr unterschiedlicher Choreografen. Und sie leitet ein in die Thematik von „Invisible Barriers“, die sich um die zu durchdringende Wand zwischen Unbewusstem und bewusstem Wahrnehmen dreht. Ein Spotlight gibt dem um seinen Weg in die Freiheit Suchenden vorerst nur wenig Raum. Umso kraftvoller gestaltet der durch sein Inneres Eingeengte, Verfolgte, Bedrängte (Arthur Haas) sein Bemühen, weiß es tänzerisch gekonnt zu gestalten. Bald erweitert Xianghui Zeng (Konzept, Choreografie) das Geschehen durch Einbeziehung weiterer abstrakter ‚Faktoren‘: Nach und nach öffnen vier Tänzerinnen dem Zuseher (Bewegungs-) Räume für seine individuelle Interpretation der ureigenen Suche. Eine immer wieder satt-scharfkantige Musik (Nick Acorne) unterstreicht die Herausforderung, die der Suchende sich stellen muss und die von den TänzerInnen immer wieder in bühnengerecht klar gestalteten und umgesetzten Bewegungssequenzen des ruhigeren Miteinanders im guten Gleichklang oder aber des explosiven Ringens um Änderung, um Annäherung oder Flucht umgesetzt werden. Mehrfach überzeugt das Zusammenspiel zwischen Solist und Gruppe in anschaulichen Bewegungsbildern: Die Grazer Kompagnie subsTanz hat mit dieser Produktion ihr Profil schärfen, ihre Aussagekraft in zeitgenössischem Sinne weiter öffnen können.
Tura Gómez Coll, die 2009 ihren Abschluss am Institut del Theatre in Barcelona machte, kann bereits auf eine langjährige internationale Erfahrung und Erfolge als Tänzerin und Choreografin zurückgreifen. Nach drei Spielzeiten ab 2016 im Landestheater Linz machte sie sich ebendort selbstständig und gründete mit Filip Löbl das Tanzkollektiv Sense Pell. In Graz zeigte Coll ihre Choreografie „Der Bartgeier“, in der sie und auch Löbl selbst tanzen.
Diese Geschichte eines Heranwachsenden wird maßgeblich geprägt von den netzartigen Überwürfen (Aleksander Kapiun, Tanzobjekte), die auf das Aussehen der Geier anspielen; markant und auch kurzzeitig faszinierend. Diese relativ naturalistische Visualisierung setzt sich allerdings auch in zeitweise eher einfachen und sehr deutlichen Handlungssträngen fort, die der Fantasie wenig Raum lassen. Ganz im Gegensatz zu anderen, lediglich angedeuteten und damit individuelle Assoziationen anregenden Tanzszenen. Insgesamt also eine divergierende Dramaturgie, eine Choreografie, die nicht recht in die Tiefe geht; nicht gehen oder zeigen kann, was die Tänzer wie etwa auch Nimrod Poles an künstlerischem Bewegungspotential – ohne Kostümeinengung – noch an Feinem, Aussagekräftigem in sich hätten. Dies gilt zweifellos ebenso für Villarroya und für Hodei Triarte Kaperotxipi, die zusätzlich die einnehmende Musik beisteuerte.
Ann-Kathrin Adam, in Stuttgart an der John-Cranko-Schule ausgebildete Tänzerin, die von 2018/19-2023 an der Grazer Oper engagiert war, zeigte an Stelle einer geplanten Produktiom von Daniel Navarro Lorenzo ihr Solo „Entfaltende Ruh“. Ihre feinnerviges Bewegungs-Repertoire spricht vor allem über die Ästhetik ihrer gerichteten Bewegungen, ihres Tanzflusses. Gerne folgt man ihrer thematische Entwicklung von verunsicherter Rastlosigkeit zu verwurzelte Gelassenheit. Eine tiefgehende Berührtheit will sich allerdings nicht wirklich einstellen: ein Zuviel an naheliegender Theatralik und ein Zuwenig an eigenständigen, perspektiveneröffnenden Passagen sind die Gründe dafür. 
Das, was die vier Tänzer Tura Gómez Coll, Filip Löbl, Nimrod Poles und Dalma Wéninger in „Kanojo No“, einem introspektiven Tanzstück von Filip Löbl, zu erzählen und anzuklagen haben, das prägt sich ein, geht in die Tiefe. Die ausdrucksstarken, überzeugend angelegten und umgesetzten Tanzszenen zeichnen mit facettenreichem Strich Bilder einer heute nicht mehr funktionierenden Beziehung: Der zwischen Mensch und Erde. In kreativ choreografierten und dynamisch variierenden Pas de deux, trois, quatre wird davon interpretationsoffen, aber umso anregender erzählt. Da gibt es etwa noch positive Erinnerungen an ein Miteinander; oder sind es letzte Versuche einer ansatzweisen Empathie dieser Erdbewohner? Faktum scheint und wird nahezu schmerzhaft tänzerisch visualisiert: Mensch macht sich „seinen“ Planeten in unbedachter, in rücksichtslos ausbeuterischer Weise untertan. Dalma Wéninger (geboren in Ungarn, Abschluss an der Győr School of Dance and Fine Arts, international als Tänzerin, Choreografin erfolgreich) verkörpert diese geknebelte Welt: Sie vermittelt sie voller trauriger, gejagter, aufbäumender und erschöpfter Verletzlichkeit in einer Bewegungs- und Tanzsprache, die mehr als technisches Können auf die Bühne bringt. Ihr faszinierend zur Seite die drei anderen Protagonisten: im Umgang mit der Umwelt‘ vulgo Wéninger gleichermaßen uneinsichtig wie aggressiv in ihrer Hilflosigkeit. Allein ein weiterer ‚Mitspieler‘, eine immer wieder kurz zum Einsatz kommende, von der Decke hängende Glühbirne, die wahrscheinlich für den am Flyer angekündigten stillen Beobachter stehen soll, fügt sich nicht ein, wäre entbehrlich. Sehr wohl aber sind die Kostüme (Johanná Bradner, Magdalena Baumgartner) gut überlegt gestaltet nd eingesetzt; das zart-schöne ‚Kleid‘ der Erde verweist unaufdringlich auf das, was dieser Planet (auch) an äußerer Schönheit hat - und nun immer mehr zu verlieren droht.
UNFOLDING SHAPES, zeitgenössischer Tanzabend. 1.November 2024, Kristallwerk Graz