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Carboni2Die Objektivierung des weiblichen Körpers ist das Thema von Jadi Carbonis gut zweistündiger Performance „Peaches Grow Wild Along a Scenic Route“. Nach mehrjähriger Auseinandersetzung mit dieser Gegebenheit hat sie nun ihre Er- und Bearbeitung von Fakten, Erlebtem, Gehörtem und Empfundenem in weitgehender Eigenständigkeit und als Solistin auf die Bühne gehievt: ein mutiges Unterfangen; eines, das mehrfach zeigt, dass sie Wesentliches sagen will und zu sagen hat.

Geboren in Bologna, in Choreografie ausgebildet im HZT Berlin, prägte sie besonders die Arbeit mit Sasha Walz und Barbara Wachendorff. Nach Produktions-Engagements in europäischen Ländern lebt sie seit 2020 in Graz, wo sie nach „Permeable Touch“ (2022) und „Moskau Petuski“ (2023) – tanz.at berichtete – nun diese, in kurzen Teilen auch interaktive Produktion uraufführte. Carboni1

Als mechanische Puppe einer Spieluhr – drapiert mit einer überdimensionalen, pompösen Krinoline - fordert sie in einem gut 20minütigen Art Prolog Außergewöhnliches von ihrem Publikum: Anhaltende Aufmerksamkeit für Minimalbewegungen ihrer Hände und einem leichten Neigen des Kopfes ab und zu. Mit Konsequenz versucht sie also, dem derart so gar nicht zeitimmanent mit Inputs überforderten Rezipienten bedachtsam Gedanken und Empfindungen zum oktruierten Sein, zum Be- und Genützt-Werden, zum Sein eines Objekts, wie es Frauen auch heute noch und auch in Europa und unserem Land erleben, zu entlocken. Carbonis hochkonzentrierte Beinahe-Bewegungslosigkeit zählt zu den besonders eindringlichen Passagen dieser Aufführung, zu einer der nachwirksamsten.

Carboni3Einer Aufführung, deren Konzept ideenreich und vielschichtig um das Zentralthema kreist; auch wenn die Umsetzung nicht immer in der Intensität gelingt, wie es ihm zu wünschen wäre. Da sind Szenenübergänge wie etwa das Ablegen der Gesichtsmaske oder die kurzfristige Einbeziehung des Publikums, die in ihrer Bedeutsamkeit etwas untergehen. Da sind Szenen, die in ihrer Länge und Umsetzung - das pantomimisch gestaltete Kochen etwa – nicht die erforderliche Ausdrucks- und Bedeutungskraft haben. Und was das tänzerische Potential betrifft: Die Schönheit des Bewegungsflusses ist kurzzeitig wohltuend, aber davon, was mehrmals an Expressivität und kreativer Individualität in Szenen des Protestes, des Anklagens und, oder der Befreiung zu erleben ist, davon könnte und sollte es noch mehr geben, konzessionsloser basierend auf dem, was zweifellos unter der Haut der „Anklägerin“, also in Carboni steckt. In der Tänzerin, die keine „netten“ Blumen gestreut haben will, sondern diese vielmehr köpft, um sie selbst und sich selbst in Vertretung aller Frauen zu streuen. Berechtigterweise der Tänzerin streut, die kurzzeitig ihre Grenzen durchbricht und aus ihren Tiefen agiert, wenn sie ihren Körper von der an Frauen verübten Bevormundung. Einengung und Gewalt erzählen lässt. Carboni5

Sehr gelungen auch das im stimmigen Zusammenspiel mit Carbonis Körpersprache gezeigte Video (Constanze Rebhandl, Valerio Zanini). Denn die Ästhetik der Bilder kaschiert beileibe nicht „beruhigend“ all das, was an weiblicher Kraft „unter der Decke brodelt“, seine Freiheit sucht. Bis diese „Power“ sich letztlich zeigen darf, ein wenig zumindest und vorsichtig in kleinen, aber zielgerichteten Bewegungen der hier zu sehenden Mittänzerinnen/Mitstreiterinnen.

Carboni4Die eingespielten Texte zum Thema, die auf Interviews basieren, sind - durchaus realitätsnah - von sehr unterschiedlicher Aussagekraft; vieles ist bekannt, stellt immer wieder Wiederholtes dar, was aber einer bedauerlichen Notwendigkeit entspricht, da sich nur wenig und nur langsam etwas ändert. Eine markantere Strukturierung und Vermittlung dieser Zitate könnte ihrer Effektivität vielleicht noch guttun, auch wenn Carbonis Tanz so manches davon überzeugend unterstreicht und kommentiert.

Akustisch treffsicher eingesetzt die Wortfetzten der Hilflosigkeit, die Satzfetzen des Alltags-bla-blas zum Thema, das im Prolog sarkastisch auf die Sprachlosigkeit bzw. das Totschweigen des Themas anprangert. Sehenswert.

Jadi Carboni: “Peaches Grow Wild Along a Scenic Route”, 2.Februar 2024, Theater am Lend, Graz

 

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