Von der verspielten Chance (1)

02 Beethoven4 Icon Wie sich die letzten Wochen vor der Premiere des Balletts von Viganò und Beethoven im Theater gestalteten, liegt, wie fast alles rund um diese Produktion, völlig im Dunklen. Bekannt ist, dass die Premiere verschoben wurde und man noch in den dadurch gewonnenen Tagen den Titel des Werks änderte. Aus den am 13. März 1801 auf einem Theaterzettel angekündigten „Die Menschen des Prometheus“ wurden „Die Geschöpfe des Prometheus“. Von wem und auf wessen Wunsch diese Änderung vorgenommen wurde, ist nicht überliefert. Der Verlauf der Premiere am 28. März ist ebenso unbekannt wie der Dirigent der Aufführung.

icon Schweiz schlaepferMacht man sich anlässlich des Amtsantritts (1. September 2020) des Schweizers Martin Schläpfer als Direktor und Chefchoreograf des Wiener Staatsballetts auf die Suche nach Angehörigen dieser Nation, die in Tanzbelangen für Wien wichtig waren, bleibt man zunächst etwas ratlos zurück. Ein zweiter Blick liefert allerdings Überraschendes zutage, denn: Stammen nicht die Habsburger, die den klassischen Tanz nach Wien brachten, aus der heutigen Schweiz? Und: Ist nicht Émile Jaques-Dalcroze, ein Gründervater der Bewegungsmoderne, Schweizer? War also die Schweiz konstitutiv für das Tanzgeschehen in dieser Stadt?

Von der Gestalt eines „guten“ Balletts in den Jahren um 1800

02 icon Beethoven3 Die sicherlich spekulative Annahme, ein Jahrhundertende sei mit einer Epochenwende gleichzusetzen, trifft – in der Entwicklung des Bühnentanzes – voll und ganz auf die Wiener Szene um 1800 zu. Salvatore Viganò hatte seit 1793 hier mit fast allen Regeln und Ordnungen gebrochen, die für das mehraktige Handlungsballett noch nach 1790 gegolten hatten. Doch als er 1795 Wien verließ, traten die Traditionalisten sofort wieder auf den Plan. Würde er in seiner zweiten Wiener „Amtszeit“ (ab 1799) seine Position als radikaler Neuerer behaupten können?

Zum „Prometheus“-Ballett – Unterwegs auf Augenhöhe (2)

02 Icon Prometheus1 2Der Pas de deux, den Salvatore Viganò sicherlich als Reverenz an Noverres 1777 herausgekommenes Divertissement „Weiß und Rosenfarb“ einfach „Rosenfarben Pas de deux“ nannte, hielt Wien sofort in Atem und löste ganz unterschiedliche, in jedem Falle aber heftige Reaktionen aus. Als revolutionär wurde die vor allem von Mme Viganò bewusst zur Schau getragene Körperlichkeit angesehen, wobei die ausdrücklich gezeigte, an der Antike orientierte Leiblichkeit noch erschreckender wirkte, als eben noch das von Johann Joachim Winckelmann evozierte Bild einer „weißen Antike” provokant negiert wurde.

Zum „Prometheus“-Ballett – Unterwegs auf Augenhöhe (1)

02 Beethoven IconIn den Jahren nach 1800 begann die Beethoven-Rezeption, den Meister allem Körperlichen zu entheben. Die den Komponisten immer blickdichter umhüllende „Erhabenheit“ wurde – in der Meinung vieler – nur durch die Gegebenheit gestört, dass an der Schwelle der neuen Schaffensphase ausgerechnet ein Ballett steht. Dieses Faktum ist der huldigenden wie der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Werk (noch immer) ein irritierender Stachel, mit dem umzugehen als Herausforderung gilt. Wäre da nicht der „heroische“ Stoff, dazu die „Eroica“ …

wiesenthal2 iconEs bedarf keineswegs der Wiederkehr ihres 50. Todestags, um an die Singularität der am 22. Juni 1970 verstorbenen Grete Wiesenthal erinnert zu werden. Ihr Tanz ist – trotz der schmerzlich empfundenen Absenz in der heutigen Szene – immer präsent. Dem Desinteresse der Tanztragenden steht die intensive Hinwendung an das Wiesenthal᾽sche Werk seitens der Germanisten gegenüber. Auch für sie sei hier – mit den Gedanken bei Hofmannsthal – eine (nicht realisierte) Pantomime der Wiesenthal erstveröffentlicht.

02 Carise iconDer Wunsch, in Krisenzeiten wenigstens für einige Augenblicke der Realität zu entgehen, lässt fantastische Tanzblüten treiben. Dies stellen (nicht nur) die Zwanziger- und Dreißigerjahre unter Beweis. Oft wuchsen aus der klassischen Strenge, die man erlernt hat, Geschöpfe, die in ihrer verwirrenden Vielfalt und blendenden Schönheit die Sinne betörten. Zu diesen zählten auch viele Wiener Tänzerinnen. Von einer von diesen – wie sich Erni Kaiser zu Erna Carise wandelte und ihr „Ballett Carise“ zur Marke wurde – handelt das Folgende.