NoeticSidi Larbi Cherkaoui und Saburo Teshigawara – eine interessante Paarung, die die GöteborgsOperans Danskompani im Festspielhaus St. Pölten präsentierte. Unter der fünfjährigen Leitung von Adolphe Binder verabschiedete sich die skandinavische Tanzcompagnie von der klassischen Ballettliteratur und konnte durch Auftragsarbeiten an zeitgenössische Choreografen ihr internationales Profil markant schärfen. Gute Aussichten auch für das Tanztheater Wuppertal, dessen Geschicke Binder ab Mai 2017 leiten wird.

Während ihrer Direktionszeit gab Adolphe Binder jeweils ein Thema vor. „Mind & Spirit“ lautete das Motto der Saison 2013/14, für das sie Cherkaoui und Teshigawara gewinnen konnte. Bei den grundlegend unterschiedlichen Arbeiten beeindruckte die GöteborgsOperans Danskompani durch ihre tänzerische Vielseitigkeit.Noetic2

In „Noetic“ geht es um energetische Zustände in der Begegnung mit Anderen, in der Cherkaoui-typischen Art: weiche Körper, dynamische Auftritte und Abgänge, ausgeprägte Arm- und Handgestik. Das künstlerische Team für diese Produktion hatte unter anderem bereits 2008 für „Sutra“ zusammengearbeitet. Das Herzstück von „Noetic“  bildet das Bühnenbild von Antony Gormley: Biegsame Kohlefaserstäbe, die die Tänzer in einem grellweißen Raum in geometrischen Mustern auf dem Boden verlegen oder zu Kreisen, Wellen und Bögen formen. Dazu gibt es einen Text über Zahlen und Mathematik. Doch die Gesamtchoreografie bestimmt die Musik von Szymon Bróska vom Band, live ergänzt vom Perkussionisten und Kokyu-Flötisten Shogo Yoshii und der Sängerin Miariam Andersén, die ihren Gesang mit einer Art Gebärdensprache begleitet. Bróskas Komposition ist symphonisch mehrsätzig, und liegt, laut eigenen Angaben, „zwischen zeitgenössischer Avantgarde und erweiterter Tonalität, mit einem Hauch von Minimalismus und tiefen Wurzeln in der Tradition der klassischen Musik“. Es sind also eine Reihe unterschiedlicher Elemente, die Sidi Larbi Cherkaoui hier meistern muss. Dazu kommt eine Reihe von thematischen Aspekten. Urbanität ist einer, der sich in den Kostümen im Stil formeller Business-Kleidung findet – schwarze Anzüge mit weißen Hemden und Kleidern. Gender ist eine weitere Frage, die durch Männern in Kleidern und auf High Heels und Frauen in Anzügen gestellt wird, nicht explizit, sondern eher beiläufig; oder das Thema Vernetzung, das sich etwa in den vielfältigen, raffinierten skulpturalen Möglichkeiten des Bühnenbildes manifestiert. Ein Blick ins Programmheft bestätigt: Cherkaoui wollte hier den Mikrokosmos und Makrokosmos zugleich behandeln. Doch abgesehen von einer gewissen Überfrachtung ist „Noetic“ eine poetische und optisch delikate Arbeit. Die Verbindung zwischen den verschiedenen Ansätzen wird im Schlussbild quasi zusammengefasst, wenn die Metallstäbe von den Tänzern zu einer Weltkugel zusammengesteckt werden, in der ein einzelner Tänzer übrigbleibt, während die anderen die Bühne verlassen. Einsamkeit pur.

MetamorphosisWährend in Cherkaouis Welt der moderne Mensch seine Energie unter Kontrolle zu haben scheint, ist er ihr bei Saburo Teshigawara schicksalshaft ausgeliefert. Während Cherkaoui das Individuum in Beziehung zu anderen und zur Gruppe verortet, ist es bei Teshigawara Teil des kollektiven Körpers.

Der japanische Choreograf beleuchtet in „Metamorphosis“ den Lebenskreislauf mit meditativer Gelassenheit. Zumindest am Anfang. Mit butoh-esker Langsamkeit schält sich der Mensch aus seinem embryonalen Zustand, gewinnt nach und nach die Herrschaft über den aufrechten Gang – in einer wunderbaren Gruppenszene, in denen die Tänzer sich immer wieder aufrichten, um gleich wieder zu Boden zu sinken.

Auch bei Teshigawara spielen Skulpturen – vom Choreografen selbst kreiert – eine Hauptrolle: Metallschlingen, eine Welle und Metallstäbe sind weit mehr als Dekoration, sie bestimmen ebenso wie bei „Noetic“ den Verlauf. Alles ist gut, wenn die Metallstäbe hinter einen über die Bühne gehenden Tänzer donnernd auf den Boden scheppern, doch einer knallt knapp vor ihm auf den Boden – verfehlt ihn um ein Haar. Schnitt. Die bislang ruhigen Bilder zu Musik von Olivier Messiaen und Maurice Ravel werden nun von einem hektischen Gerenne zu wilder Trommlerei abgelöst. Der Mensch ist aus seinem Paradies vertrieben worden.

Sidi Larbi Cherkaoui/Saburo Teshigawara: „Spirit“ mit der GöteborgsOperans Danskompani, 30. April 2016 im Festspielhaus St. Pölten