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Symphonie1Ein Abend der Merkwürdigkeiten: Das Staatsballett Berlin lädt zur Premiere, tanzt aber nicht. Die Staatskapelle Berlin bringt eine Auftragskomposition zur Uraufführung, doch zehn angekündigte Aufführungen streicht man auf drei zusammen. Und das Bühnenwerk selbst ist mehrfach aus der Zeit gefallen, ist ganz neu und doch von gestern und reicht zugleich Einblicke in eine Zukunft nach, die dem Staatsballett Berlin zugedacht war, das Ensemble dann aber doch nicht ereilt hat. Das ist „Sym-Phonie MMXX“ von Georg Friedrich Haas (Musik) und Sasha Waltz (Choreographie, Konzept, Regie).

Ein Werk, das im Jahr MMXX kurz vor der Uraufführung stand – als SARS-CoV-2 von jetzt auf gleich und für Monate die Theatertüren zuschlug. Ein Werk, das schon im April 2020 als seltsam fehl am Platz empfunden worden wäre - nachdem Sasha Waltz kurz zuvor das heraufziehende Desaster ihrer Bestellung als Co-Intendantin des Staatsballetts Knall auf Fall beendet hatte. Ein Werk, das dem Staatsballett seither wie eine Altlast erschienen sein muss: Die Komposition ein prestigeträchtiges Auftragswerk, die Ausstattung vor der Fertigstellung, Musik und Inszenierung in den Endproben, eine nahezu aufführungsreife, teure Produktion – doch von der nun „falschen“ Choreographin verantwortet. Ein Werk schließlich, das jetzt mit zweijähriger Verspätung uraufgeführt wurde, zwar unter dem Label des Staatsballetts, aber getanzt von 21 Tänzerinnen und Tänzern der Kompanie „Sasha Waltz & Guests“, mit diesen unverändert einstudiert auf der Grundlage der Aufzeichnungen vom Frühjahr 2020 mit Tänzerinnen und Tänzern des Staatsballetts. Mitglieder des rund 80-köpfigen Staatsballetts, heißt es, hätten nicht mehr zur Verfügung gestanden, aus „dispositionellen Gründen“ – was das vermutlich am häufigsten verwendete Versatzstück ist aus dem Instrumentenkasten des Theaters mit der Aufschrift „Beschönigungen für alle Zwecke“. Kann gelingen, was derart bürdenbeladen begann?Symphonie3

Georg Friedrich Haas, Österreicher, prominenter Vertreter der Spektralmusik, schuf erstmals eine Partitur für den Tanz. Pia Maier Schriever schuf einen schwarzen Bühnenkasten samt einer beweglichen, schmutzig golden schimmernden Wand, die mal Hintergrund, mal quer über die Szene sich schiebende Mauer und schließlich die Decke und der Deckel ist, mit dessen Absenken auf den Bühnenboden der Abend endet. Bernd Skodzig kostümierte die Tänzerinnen und Tänzer vornehmlich in schwarze, bodenlange Röcke, die schlank fallen und im Drehen weit ausschwingen, dazu durchbrochene Oberteile und strenge Kopfbedeckungen, die „Form“ sind, nicht Schmuck, und dazu in einem Meer aus Einheitsschwarz gelegentliche Akzentuierungen durch Kostüme in helleren, fahlen Farben. David Finn leuchtet das alles aus mit dezentem, präzisem, meist kaltem Licht, das die Gestalten wie Statuen in den Raum modelliert und mit ihren Schatten an der (Rück-)Wand Stimmungen malt, meist Stimmungen von Bedrohung und Angst.

Symphonie4Den musikalischen Teil interpretiert ein groß besetztes Orchester (Leitung: Ilan Volkov) samt vieler und vielfarbiger Schlag-Instrumente und zahlreicher Streicher, samt eines elektrischen Klaviers und zweier Harfen, eine davon mikrotonal gestimmt. Der „Zusammen-Klang“ des Titels meint freilich mehr als Musik. Diese „Sym-Phonie“ ist konzipiert „für Tanz, Licht und Orchester“. Diese Elemente – und weitere – zusammen „sind“ die Sinfonie. Der Mikrotonalität der Partitur und dem Verständnis des Komponisten etwa von Licht als eines „aktiven“ Zustands gesellen sich weitere „kompositorische“ Gestaltungselemente hinzu: Stille etwa (plus Tanz) im vierten von 13 Teilen der „Musikalischen Szenenfolge“ und völlige Dunkelheit (plus Musik) in der zwölften Szene, „Finsternis“. Alle Elemente, so unterschiedlich sie ihrer Natur nach sind, beziehen sich aufeinander, „klingen“ miteinander im Sinn eines Klangs, der nicht allein Hörbares meint.

Dieses Konzept, sozusagen mit den Ohren betrachtet, geht auf. Haas‘ Musik klingt neu, aber nicht fremd, schon gar nicht befremdlich. Sie klingt anspruchsvoll, gestaltet breite, sich langsam entwickelnde Klangflächen, und berührt doch auch. Sie flirrt und surrt und schnarrt zu Beginn, baut bedrohliche Gebilde auf, zu denen Waltz stimmige Bilder von Chaos, Gegeneinander, Entfremdung und Zerstörung choreographiert. Die Musik trommelt den Rhythmus zu Szenen des Kampfes und hebt am Ende, getragen von den Blasinstrumenten und Streichern, an zu großem, dunklem, in Momenten spätromantischem Klang, bewegend, versöhnend, „tief“ – bevor sich Musik und Tanz und Licht in Nichts auflösen.Symphonie5

Die Sinfonie als Gesamtkunstwerk – der Plan geht musikalisch auf, weil sich die weiteren Elemente in den Dienst der Musik stellen, weil sie „mitklingen“. Doch wie „klingt“ diese Sinfonie, wenn man sie sehenden, nicht hörenden Auges betrachtet? Die Choreographie fließt. Schön, rund, vielgestaltig. Auf den Klangflächen der Musik errichtet sie tanzende Melodiebögen. Es ist, wie erwartet, eine stimmige, angenehm anzusehende Choreographie. Sie spricht, durchaus pathetisch, in klagenden und drohenden Gesten der Hände und Arme, in lebenden Bildern und dem Mienenspiel stummer Schreie. Sie nutzt das Ensemble in immer neuen Blockformationen, in Reih und Glied, in großen und kleinen Gruppen, gelegentlich in Soli und Duetten, fächert das Ensemble selbst und mit ihm den Raum auf in gerade, geschwungene, sich kreuzende Linien nicht nur am Boden, sondern auch in der Luft, wenn Einzelne wie auf Wellen oder wie im Flug über andere hinweggetragen werden.

Symphonie6Doch so sehr es sich, laut Sasha Waltz, um ein Gemeinschaftswerk mit dem Komponisten handelt, hervorgegangen aus langen Gesprächen und einer gemeinsamen Haltung der Sache wie der Welt gegenüber: Angesichts des choreographischen Ergebnisses stellt sich der Eindruck ein, dass die Musik dominiert und der Tanz, durchaus „brav“ in mehr als einer Hinsicht, ihr vor allem dient. Dabei ist die Choreographie mit ihren Gruppenformationen, ihrem Pathos und ihren assoziativen Bildern den Anfängen des Sinfonischen Balletts der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts näher als den Brüchen und Aufbrüchen der choreographischen Neuzeit. Und in jedem Moment der Aufführung wird sichtbar, wie sehr Sasha Waltz‘ Kunst eben doch eher eine Kunst der Raum- und Formgestaltung ist als eine genuin aus dem Tanz heraus „gedachte“ Kunst. Sie nutzt den Tanz, handwerklich höchst versiert, doch innerhalb enger Grenzen, und nutzt in ähnlicher Weise die Tänzerinnen und Tänzer: Jede und jeder sind sie in ihrer Individualität erkennbare Persönlichkeiten, ein modernes Ensemble unserer Tage und doch kein Individualisten-Ensemble – denn es ist die von der Persönlichkeit der Darstellenden unabhängige Form im Raum, die Wesen und Struktur der Waltz’schen Choreographie bestimmt und trägt.Symphonie7

Sasha Waltz hatte „Sym-Phonie MMXX“ einst als ihr erstes eigenes Werk für das Staatsballett Berlin geplant. Es mag ihr gefallen haben, dass sie von erschreckend sachfremd entscheidenden Kulturpolitikern zu dessen Retterin nach der enttäuschenden Intendanz Nacho Duatos auserkoren worden war. Viele, das Ensemble des Staatsballetts voran, waren geschockt. Nun also sehen wir „Sym-Phonie MMXX“ - zwar nicht „mit“ dem Staatsballett, aber in der für das Staatsballett entwickelten Choreographie. Das innere Auge projiziert das Gesehene also unweigerlich auf die klassisch geschulten und trainierten Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts und meint zu sehen, dass sie der Choreographie natürlich gewachsen gewesen wären – was denn auch sonst angesichts ihres durch und durch heutigen, auf vielfältige Stile vorbereiteten klassischen Standards.

Symphonie8Dass aber auch diese Choreographie den Tänzerinnen und Tänzern des Staatsballett gewachsen gewesen wäre, vermag zumal mein inneres Auge nicht zu sehen. Dort stellen sich vielmehr Bilder ein von klassisch geschulten Tanzschöpfern vom Kaliber Wheeldon und Schläpfer, auch von tanzästhetisch freien Choreographen vom Schlage McGregor und deren Möglichkeiten, die herausfordernde Haas’sche Komposition nicht nur angemessen zu bebildern, sondern über solche Bilder hinaus ein tanzkünstlerisches Statement zu entwickeln, quasi ein choreographisches Manifest, das zu Recht den Titel „Zukunft für das Staatsballett Berlin!“ trüge.Symphonie9

Nach 90 pausenlosen Minuten ein einsames, scheues „Buh“ mit dem Erlöschen des Lichts, dann ein heftiger, wenn auch kurzer Jubel, auch von dem Herrn zu meiner Linken, der seit Minute 15 sanft geschlummert hatte, auch von der Dame zu meiner Rechten, die in der letzten Stunde dem Schlaf durch eine faszinierende Choreographie rasanter Wechsel ihrer Sitzpositionen und -haltungen trotzte. Dann hinaus auf Unter den Linden, wo vom Brandenburger Tor her in Blau und Gelb der Nachhall einer Demonstration gegen Barbarei und Krieg und Tod in Europa herüberwehte, samt anderer, zweifellos wichtigerer Fragen nach dem, was „Zukunft“ hat und sein wird.

„Sym-Phonie MMXX für Tanz, Licht und Orchester“ am 13. März 2022 in der Staatsoper Berlin, Uraufführung. Weitere Vorstellungen am 18. und 19. März 2022. www.staatsballett-berlin.de