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gis esina iconIhr geglücktes Rollendebut als Bauermädchen Giselle in der Choreographie von Elena Tschernischova gab die Erste Solistin Olga Esina in der Wiener Staatsoper. An ihrer Seite tanzte der routinierte Roman Lazik den Albrecht, nobel und gelassen, eigentlich viel zu sympathisch für diesen gelackten Prinzen. Die beiden sind ein sehr stimmiges Tanzpaar auf höchstem Niveau, das von einem gut aufeinander abgestimmten Corps de Ballets und einer soliden Ketevan Papava als Myrtha getragen wurde.

Esina hat hart gearbeitet nach ihrer Rückkehr aus der Babypause. „Jetzt bin ich wieder soweit und habe meinen Körper unter Kontrolle“, erzählt die beliebte Ballerina im Gespräch. Die „Giselle“ ist für sie etwas Besonderes, denn „alle großen Ballerinen haben die Rolle getanzt“. Technisch sehr anspruchsvoll, erfordert dieser Part neben Können und Ausdruck auch Kondition. Esina: „Vor allem im ersten Akt springt und läuft man viel, und ich war danach richtig fertig. Doch dann kommt noch der zweite Akt, das ist wie ein Neuanfang, weil er vom Charakter her ganz anders ist“.gis esina2

Giselle durchläuft ja eine Transformation vom keuschen, verspielten und verliebten Mädchen über den Zustand des Außer-sich-seins und wird dann zur großen Liebenden, wenn auch nicht mehr lebend. Tatsächlich verlangt das viel schauspielerisches Vermögen, und besonders die „Wahnsinnsszene“ am Aktende muss emotional aufgebaut werden. „Die Wahnsinnsszene ist wirklich ein Wahnsinn“, lacht Esina. „Im Ballettsaal kann man das nicht so proben, weil immer Unterbrechungen geschehen. Man braucht einen Durchlauf. Ich habe in der Vorstellung gestern die Wahnsinnszene zum ersten Mal so getanzt, und am Sonntag wird es wieder anders“.

gis papavaWarum ist „Giselle“ eigentlich so faszinierend? Es war Theophil Gautier 1841 zum ersten Mal gelungen, ein dramaturgisch stimmiges Libretto vorzulegen, das sämtliche beliebte Komponenten der Zeit inkludierte: ein Spiel von Traum versus Realität, Unheimliches, Spitzentanz, Gruppentanz, Pas de deux, Volkstänze im ländlichen Milieu – die ursprünglich jedoch bei Gautier gar nicht vorgesehen waren. Im Gegenteil, in seiner ersten Fassung gab es einen Ballsaal als Handlungsort, aber er ließ die Änderungen zu, weil er vor allem der heiß verehrten Tänzerin Carlotta Grisi eine Bühne verschaffen wollte.

Und dann gab es in „Giselle“ die überzeugendste Wahnsinnsszene. Diese waren in Oper und Tanz damals sehr beliebt, aber hier machte sie wirklich Sinn. Erst als Untote im Ballet blanc ist es dem Mädchen, das sich aus Liebe zu Tode getanzt hat, möglich, in Körperkontakt mit dem Geliebten zu tanzen. Im ersten Akt gibt es kaum Berührungen zwischen Giselle und Albrecht. Die Tendenz der Bewegung ist in den Charaktertänzen horizontal ausgerichtet. Eine Vereinigung der Liebenden erfolgt erst im Moment ihres Sterbens, als Giselle eine vertikale Bewegung in die Höhe macht und in Albrechts Arme springt, allerdings gleich wieder an ihm herab gleitet und tot liegen bleibt, ausgestreckt mit über dem Kopf gekreuzten Armen.gis esina3

Dann spielt noch das Motiv des „Zu Tode Tanzens“ in „Giselle“ eine Rolle, das eine große, unterschwellig erotische Ausstrahlung auf das Ballettpublikum Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts hatte. Gautier verarbeitete die Sage von den Wilis, die er bei Heinrich Heine in dessen „Elementargeistern“ kennengelernt hatte. „Giselle“ ist vielleicht auch deshalb so gelungen, weil hier zum ersten Mal die Forderungen der Ballettreformisten des 18. Jahrhunderts erfüllt wurden: eine für das Medium Tanz geeignete Geschichte mit anspruchsvoller Choreographie zu erzählen. Der Tanz ist in das Narrativ integriert und kein ornamentales Beiwerk. Hier wird nicht ohne Sinn getanzt, sondern jede Bewegung bedeutet etwas, und auch der Gebrauch der Spitzenschuhe ist dramaturgisch logisch, denn die Geister fliegen hoch durch die Luft. Die Rolle der Giselle ermöglicht der Ballerina eine darstellerische Entwicklung vom naiven lieblichen Mädchen über die außer sich geratende, bedrohliche Frau zu einer höchst überirdischen Verführerin.

gis tcacenkoEin nicht uninteressanter Aspekt ist, und darin mag ein weiterer Reiz dieses Balletts liegen, dass das Medium auch die Botschaft ist – es wird getanzt, um zu zeigen, dass zu viel Tanz tödlich sein kann. Aus mittelalterlichen Chroniken wissen wir vom Veitstanz als epidemischer Tanzsucht. Viele Legenden berichten von ähnlichen Geschehnissen, wie der Tanz von Kölbigk. Und Hans Christian Andersen schließlich hat all das in seinem Märchen „Die roten Schuhe“ verdichtet.

In der gestrigen „Giselle“-Vorstellung verkörperte Olga Esina all diese Aspekte mit großem Erfolg. Ermanno Florio leitete das Staatsopernorchester beherzt und erhielt, wie Esina und Lazik, viel Applaus.

Die Ballerina kann man übrigens als nächstes in der „Weltstar Gala“ im Wiener Volkstheater am 13. und 14. Oktober tanzen sehen, die sie gemeinsam mit Ehemann Kirill Kourlaev, früherer Erste Solist des Wiener Staatsballetts, organisiert.
 

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„Giselle“ am 26. September an der Wiener Staatsoper. Weitere Vorstellungen (mit wechselnder Besetzung) am 30. September, 3., 9., 20. Oktober 2018