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MartinGruberRunder Geburtstag beim Aktionstheater Ensemble, das seit 30 Jahren mit diversen Stilmitteln, mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen und mit dem Sezieren von persönlichen Befindlichkeiten experimentiert. Dass es damit zu einem Garant für volle Häuser, enthusiastische ZuschauerInnen und anerkennende Pressereaktionen wurde, liegt am Theaterinstinkt des Leiters und Regisseurs Martin Gruber sowie an einem großartigen Schauspieler Ensemble.

„Wieso ist Martin Gruber in Deutschland nicht so bekannt, wieso wird er nicht so oft erwähnt wie René Pollesch, She She Pop oder Rimini Protokoll? Die Antwort liegt auf der Hand: weil er in Österreich daheim ist. Es bedarf in der Theaterbeobachtung einer Österreicher-Quote, die über das Burgtheater hinaus geht“, war kürzlich in der Nachtkritik zu lesen.

Die Produktionen des Aktionstheater Ensemble sind zwar in ihrem collagenhaften Aufbau und ihrer assoziativen Methode nicht einzigartig. Ihr Alleinstellungsmerkmal liegt vielmehr in der messerscharfen Analyse, mit der sie gesellschaftspolitische Verhältnisse offenlegen, und die sie in körperlich-sinnliches Theater verpacken. Martin Gruber und seine Compagnie stehen für kluge, witzige, schnelle, rhythmische und rasante Shows, in denen sie das Publikum dazu auffordern eigene Haltungen und Vorurteile zumindest auch einmal zu hinterfragen. In Österreich wurde Martin Gruber dafür 2016 mit dem Nestroy Preis sowie mit der Ehrengabe des Landes Vorarlberg für Kunst und Kultur ausgezeichnet.

Als ich mich mit dem Leiter des Aktionstheater Ensemble in Wien traf, war der innenpolitische Umbruch gerade in vollem Gange: Ibiza-Video, Auflösung der Koalition und die Forderung nach dem Rücktritt des Innenmisters Kickl warfen die Frage auf: „Wie geht es weiter?“ Diese ist auch Teil des neuen Stücktitels, doch danach geht es weiter mit: „Die Lähmung der Zivilgesellschaft“. Anspielungen zur aktuellen politischen Situation wird es auch diesmal darin geben, doch die Tagespolitik hat wie gewohnt wenig Relevanz. In unserem Gespräch ließ Martin Gruber seinen Werdegang noch einmal Revue passieren und erzählt über seine Einstellung zu Theater, Politik und Gesellschaft.

dancetotherightDie Chuzpe der jugendlichen Naivität

Der Lebenslauf des Vorarlbergers auf der Homepage des Aktionstheater Ensemble liest sich lapidar: „geb.1967, studierte Schauspiel, gründete 1989 das aktionstheater ensemble“. Darunter eine ellenlange Liste von Produktionen, die er seither realisiert hat. Aber woher nahm der 22-jährige damals die Chuzpe ein eigenes Theaterensemble zu gründen, noch dazu wo er zuvor niemals Regie geführt hatte?

Denn Martin Gruber hat ganz traditionell das Schauspielhandwerk gelernt und zwar am am Tiroler Landestheater. Gleichzeitig aber hat er Performances gemacht, als „Gegenentwurf zur Bühne mit der 4. Wand, wo mir auch ein bisschen das Gesicht eingeschlafen ist“, sagt er. „Ich bin jedoch sehr, sehr froh darüber, das klassische Handwerk gelernt zu haben, was man halt lernen kann, zum Beispiel Rollenarbeit oder Auftritt. Was die Chuzpe betrifft, ich glaube das hat auch etwas mit jugendlicher Naivität zu tun. Wenn ich heute dran denke, was ich damals gemacht habe, wird mir jetzt noch schlecht. Zum Glück habe ich nicht gewusst, was mich da erwartet. (Lacht.) Nein, aber ich würde es wahrscheinlich trotzdem noch einmal machen.“

Der Spirit von PIna Bausch

Denn, so räumt der sympathische Theatergründer ein, nachhaltig dachte er bereits damals. „Ja, es gab schon damals ein langfristiges Ziel, und das war die Compagnie. Als ganz junger Mann, so mit 17, 18, hat mir die Pina Bausch irrsinnig getaugt. Es ging mir gar nicht darum, dass ich Tanztheater machen wollte, sondern darum, dass dieser Spirit mich angetrieben hat. Ich habe auch immer den Ausflug in die Performance, zum Beispiel bei Vernissagen, gemacht. Daran hat mich das Direkte, der Affekt, gereizt. Ich habe gedacht es muss eine Kombination geben, die direkter mit dem Publikum umgeht. Das war der Grundgedanke und ich habe das bewusst mit den ältesten Stücken überhaupt gemacht, mit den Griechen. Weil da ist einerseits die Distanz, der klassische Konflikt, der ändert sich nicht und andererseits sind die griechischen Tragödien nicht konnotiert mit einer bestimmten Ästhetik. Es war für mich auch wichtig diese Gelegenheit zu nutzen um Ästhetiken auszuprobieren.“Ichglaube

Ich rieche den Angstschweiß

Und dafür brauchte es eine eigene Compagnie, denn mit dem herkömmlichen Theaterbetrieb konnte der junge Schauspieler nicht gut umgehen.

„Dadurch, dass ich am Landestheater studiert habe, habe ich gemerkt, dass es da eine gewisse Barriere, eine Grenze gibt. Ich war dann bei einigen Theatern vorsprechen, aber es ist ein Betrieb, der mir zu verbeamtet ist. Ich hatte immer das Gefühl, da ist zu viel Angst dahinter. Ich rieche den Angstschweiß in einem Theater. Da geht es um wahnsinnige, unglaublich machistische Hierarchien. Das war auf einer subkutanen Ebene etwas, das mich zutiefst abgestoßen hat. Ich hatte das Gefühl, da stimmt etwas nicht. Wenn es das ist, dachte ich, mache ich keine Kunst.

Als wir dann die Compagnie hatten und gleich einmal ‚reingefahren‘ sind, wurde ich vier Jahre später als jüngste Regisseur ans Volkstheater engagiert war. Das war ja das Lustige, dass die auch genau das wollten.“

Mittlerweile hat Martin Gruber nicht nur an verschiedenen Theatern und bei Festivals, wie den Bregenzer Festspielen inszeniert, die natürlich auch Vorteile bringen, da sie „mehr Kohle haben“. Aber bis heute meint er: „Es ist natürlich gut, wenn man aus dem Vollen schöpfen kann, aber es darf nie die Prämisse sein. Man muss einen Sensor entwickeln, dass man sagt: ‚Hoppla, pass auf, da geht es nicht mehr um die Kunst.‘“

PensionEuropaEine bestimmte Ästhetik

Das Wichtigste ist für ihn „künstlerisch mit anderen Schauspielerinnen und Schauspielern eine bestimmten Ästhetik zu erarbeiten.“ Dabei ging es in den ersten 10, 15 Jahren vor allem um den Begriff des Momentes, „also dieses Paradoxon des reproduzierbaren Momentes versuchen aufzulösen.“

Nach einer Büchner-Trilogie begann Martin Gruber vor etwa zehn Jahren eigene Stücke zu schreiben, die von einem Zusammenspiel von Körperlichkeit und Texten getragen werden. Wie entstehen diese Stücke?

„Ich arbeite mit Interviews, ich nenne sie gelenkte Interviews. Es beginnt mit der Authentizität der mir gegenüber sitzenden Person, und geht dann weiter in die Fantasie. Ich beginne bei der persönlichen Geschichte. Bei Pension Europa habe ich zum Beispiel die SchauspielerInnen gefragt, was sie über Männer reden, wenn diese nicht dabei sind. Und: „Lügt mich nicht an, ich merk’s“ (lacht). Ich nehme die Antworten und platziere sie mitunter in einem völlig anderen Kontext. Das ist der Prozess der Verdichtung. Und dann schreibe ich Texte weiter, oder dagegen. Über einen Monat wird ganz viel Text entwickelt, von dem am Ende ein Bruchteil übrig bleibt. Noch im Probenprozess schreibe ich Teile neu, ändere ständig, füge einen Monolog ein, den der Schauspieler oder die Schauspielerin dann vor der Probe lernen muss.“

wiegehtes2Da sind wir schon sehr stark im Tanz

Du brauchst also flexible Schauspieler? „Extrem. Da schätze ich mein Ensemble sehr, das ist ein Geschenk, dass man sich jeden Tag neu einlässt. Das ist teilweise schon hard core, was ich verlange. Das funktioniert meiner Ansicht nach nur in einem angstfreien Raum, wo man liebevoll miteinander umgeht – ohne dass ich da eine Kitschnummer aufziehen will. Ich meine es nicht kitschig, ich meine es ernst. Es geht darum, dass man Vertrauen hat, auch wenn es hart ist, dass man weiß, man wird aufgefangen und nicht vergewaltigt. Die Schauspieler müssen das Gefühl haben, dass sie sich ausleben und aufmachen können, aber durchaus in einem Rahmen, der dann streng wird. Das ist einerseits völlige Anarchie, wo man zulassen muss und dagegen steht eine strenge Form. Da sind wir schon sehr stark im Tanz, im Körperlichen.“

Machst du politisches Theater?

„Ja, sicher mache ich politisches Theater, die Frage ist nur, was man darunter versteht. Wir machen ja kein Kabarett. Es geht nicht darum, die neuesten Grausigkeiten eins zu eins auf die Bühne zu bringen. Was mich interessiert ist Folgendes: Wir haben eine bestimmte politische Situation; was könnte die Gestimmtheit dahinter sein bzw. was glauben wir, wie es soweit kommen konnte. Das heißt, ich versuche das Politische am Persönlichen anzubinden, auf den persönlichen, nachvollziehbaren Konflikt herunterzureißen. Denn sonst bin ich in einer Distanz, auch für die Zuschauerin.

Aber wo betrifft es mich? Was ist diese Entsolidarisierung, was tut die mit mir? Das macht ja nicht halt an der Grenze. Zum Beispiel: der 1,50 € Stundenlohn für Flüchtlinge, das betrifft ja nicht nur den Flüchtling, das betrifft ja uns alle, das entsolidarisiert uns. Das sind Themen, die wichtig sind. Wie könnte sich das anfühlen? In der jetzigen Produktion ist es extrem schwierig nicht auf Plattitüden hereinzufallen. „Die Lähmung der Zivilgesellschaft“ – was lähmt uns? Ist es der absolute Überfluss und ich habe das Gefühl, ich verliere etwas? Ist es auch der Überfluss an Informationen? Bin ich überfordert? Unsere Chance in dem Stück ist es, diese Überforderung herunterzureißen auf einen Konflikt, auf ein Zweiergespräch.“ZerstoerungMann

Ein kolossaler machistischer Backlash

In den letzten 30 Jahren hat sich die soziopolitische Landschaft komplett verändert. War für Martin Gruber, der die Stimmungslage so akribisch zerlegt und hinterfragt, der derzeitige globale Rechtsruck, von Trump über Brexit bis hin zur österreichischen Innenpolitik zu irgendeiner Zeit vorauszusehen?

„Ich bin grundsätzlich ein Optimist, weil ich es feig finde, ein Pessimist zu sein – und ziemlich gemütlich. Es gibt aber nicht wahnsinnig viel Grund für Optimismus zur Zeit. Aber nein, in dieser Massierung und in dieser unfassbaren Infantilität war es nicht vorstellbar. Ich halte es für einen großen machistischen Backlash. Nachdem der Kommunismus zusammengebrochen ist, hat die Reaktion Morgenluft gewittert und ist reingefahren wie die Sau. Für mich hat es sehr viel zu tun mit der bestehenden Saturiertheit. Ich finde es extrem langweilig den Vorwurf nur der Politik zu machen, ich mache den Vorwurf der Gesellschaft.“

MartinGruber2Diversität widerspiegeln

Siehst du in dem lebendigen Ausagieren, wie es das Aktionstheater Ensemble betreibt, einen Ansatz für eine Lösung, die man verfolgen könnte?

„Es gibt für mich nur einen Ansatz und der hat nicht zuletzt mit der Erfahrung und Arbeit mit Menschen 30 Jahre lang zu tun. Das ist das Zulassen von Diversität und Vielfalt. Je diverser und vielfältiger eine Gesellschaft ist, und je vielfältiger sie gespiegelt wird in einer Politik, desto besser funktioniert diese Politik und desto nachhaltiger kann sie sein. Ich glaube, dass sich damit automatisch eine sinnvolle Klimapolitik, eine sinnvolle Sozialpolitik ergibt. Wenn die Politik diese Diversität nicht widerspiegelt, dann kommt es früher oder später zu einem Konflikt, es geht gar nicht anders. Weil die Menschen dann aufstehen werden. Das heißt, wenn es nicht nachhaltig ist, ist es dumm. Das Problem, das wir haben, ist Folgendes: Politik lebt bis zur nächsten Legislaturperiode im besten Fall, meistens bis zur nächsten Umfrage. Und das sind halt meistens die schlechtesten Entscheidungen, die da getroffen werden. Die Chance ist für mich in einer Zivilgesellschaft, die Menschen hervorbringt, die in die Parteien drängen oder neue Mittel und Wege finden, wie Politik funktionieren kann.

Denk- und Fühlprozesse evozieren

Ist das Theater heute wieder als moralische Anstalt, wie es Schiller gefordert hat, gefragt?

„Wenn die Moral auf der Bühne ist, funktioniert sie nicht. Ich gehe vom Begriff der Evokation aus. Es geht darum, Gestimmtheiten zu formulieren, die im besten Fall einen Denk- und Fühlprozess in einem Zuschauer, einer Zuschauerin evozieren. Das kann etwas bringen. In dem Moment, wo ich sage, das ist richtig, das ist falsch, bediene ich genau mein Publikum. Das bringt nichts. Die klassische moralische Anstalt halte ich für eine ziemliche Hybris. Kann ich mir anmaßen zu sagen, das ist richtig, das ist falsch? Haltung ist etwas Anderes. Ich tausche es aus mit Haltung.“wiegehtes1

Und die findet man in jedem Stück des Aktionstheater Ensemble, das immer auch den Finger in die Wunde der eigenen Vorurteile legt. Im jüngsten Stück „Wie geht es weiter – Die Lähmung der Zivilgesellschaft“ versucht Martin Gruber jedenfalls wieder das Unmögliche, nämlich „mit einem Drive den Stillstand darzustellen“. Der Jubel nach der Bregenzer Premiere darüber war jedenfalls groß.

„Wie geht es weiter – Die Lähmung der Zivilgesellschaft“ des Aktionstheater Ensemble ist eine Koproduktion mit der Landeshauptstadt Bregenz/Bregenzer Frühling und Werk X. Zu sehen bis 7. Juni im Theater Kosmos in Bregenz, von 12. bis 16. Juni in Wien im Werk X.

 

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