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KKMN5Y Photograph of choreographer Jerome Robbins in 1951, capturing his dynamic presence during his tenure with the New York City Ballet.Der neue Abend „American Signatures“ des Wiener Staatsballetts in der Volksoper Wien (Premiere: 9. Mai 2026) wird mit Jerome Robbins’ „Interplay“ (Musik: Morton Gould) eröffnet. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass dieses 1945 ursprünglich für eine Broadway-Revue entstandene Werk – nach „Fancy Free“ war es erst das zweite Ballett des später weltweit bekannten amerikanischen Choreografen – eine Wiener „Vergangenheit“ hat! Am 15. Juni 1953 nämlich war „Interplay“ Teil des Repertoires, mit dem das damals so genannte American National Ballet Theatre (ABT) in der Volksoper gastierte.

Das Gastspiel gehörte zu einer ganzen Reihe von Aufführungen, die die Besatzungsmächte – US-Amerikaner, Russen, Engländer und Franzosen – als Teil ihres „Re-Education-Program“ ansahen. Damit sollten die besiegten ÖsterreicherInnen mit der aktuellen Bühnentanzkunst der Sieger vertraut gemacht werden.

Unter den vielen Betrachtungen, die sich an dieses Gastspiel knüpfen lassen, schiebt sich eine in den Vordergrund. Wer saß an diesem Abend im Zuschauerraum? Waren im Publikum auch jene Tanzschaffende, die den Krieg in Wien überlebt hatten? Und wie dachten diejenigen, die in diesen Jahren in Wien schöpferisch tätig waren? Und wie fühlte sich jener Tänzer, Erich Braunsteiner, der 1938 als 15-jähriger Balletteleve die Wiener Staatsoper verlassen musste und nun als Solotänzer des ABT unter dem Namen Eric Braun in der Volksoper tanzte? (Siehe auch Wiener Tanzgeschichte vom 26. August 2024: Zwei „klassische“ Wiener in New York: Ruth Sobotka und Eric Braun)

Manfred Vogel, der Rezensent des von der US-amerikanischen Besatzungsmacht gegründeten „Wiener Kurier“, sah in seinem Artikel „Triumph amerikanischer Tanzkunst“ (16. Juni 1953) „Interplay“ wie folgt:

3 InterplayVon den beiden amerikanischen Originalschöpfungen des Programms ist „Interplay“ von Morton Gould fraglos die publikumswirksamere, gefällige, musikalische. Jerome Robbins hat als Choreograph ein überaus ansprechendes, fast abstraktes Ballett dazu entfaltet. Kinderspiel, Sport und Leibesübungen werden freundlich persifliert, in stimmungsvollen Wechselreigen zwischen Solisten und Ensemble rollt eine kleine, tänzerisch höchst beschwingte Geschichte ab, auf die sich jeder selbst seinen Reim machen kann. Wiederum beweist Eric Braun sein außerordentliches Können, und mit ihm die zierliche gleichfalls hochbegabte Ruth Ann Koesun, während der ungemein vitale John Kriza als fesselnder Kontrast zum Einsatz gelangt. [Anmerkung: Mit der zweiten „Originalschöpfung“ ist Agnes de Milles „The Harvest According“ gemeint.]

Eine weitere Frage ist, ob sich die zuständigen in Wien agierenden amerikanischen Behörden auch darum kümmerten, ob das angestrebte Ziel einer Neuorientierung von KünstlerInnen nach dem Sehen von Robbins’ „Interplay“ und (im ersten Programm des mehrtätigen Gastspiels) „Fancy Free“ oder de Milles „Rodeo“ tatsächlich erreicht wurde. Die Antwort hätte nicht befriedigend ausfallen können ohne einen Verweis auf Österreichs führende moderne Choreografinnen, Grete Wiesenthal und Rosalia Chladek, die sich schon vor 1953 dem „Amerikanischen“ zugewandt hatten. Beide Künstlerinnen leiteten während der Besatzungszeit die Tanzabteilung der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien (Wiesenthal von 1945 bis 1951, Chladek als deren Nachfolgerin von 1952 an) und unterhielten überdies eigene Tanzgruppen. Wiesenthal unternahm 1950 und 1951 ausgedehnte USA-Tourneen mit ihrem Ensemble, Chladek verbrachte 1950 auf Einladung des International Arts Program drei Monate in den USA.

In Wien bot ihnen der US Information Service (USIS) eine zusätzliche Plattform für ihre choreografische Tätigkeit. Wiesenthal brachte im Kosmostheater 1951 „Drei Matrosen wirbeln durch New York“ heraus. Chladek zog für ihre Arbeiten in ebendiesem Theater nicht nur Musik von US-amerikanischen Komponisten wie George Gershwin, Aaron Copland und Irving Berlin heran, sondern auch afroamerikanische Lyrik. So entstanden 1951 die Gruppenchoreografien „From Morning to Midnight“, „An American in Paris“ und „Rhapsody in Blue“ sowie die Sologestaltung „Afro-amerikanische Lyrik“; 1952 folgten „Afro-amerikanische Lyrik“ als Gruppenwerk, das in seiner ursprünglichen Form von der amerikanischen Zensurbehörde als zu sozialkritisch abgelehnt worden war, und „Getanzte Negro Spirituals“. 

Festzuhalten ist: Das „American Interlude“ von Wiesenthal und Chladek währte nur kurz, beide Künstlerinnen kehrten alsobald zu den von ihnen kreierten, eigenen modernen Tanzstilen zurück.

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