Vom Balkon der Zentrale der steirischen Volkspartei wollte die Intendantin des Festivals, Ekaterina Degot, ihre Eröffnungsrede halten. Die Partei, die vor Jahren hinter der Entstehung des Festivals stand, verweigerte diese Erlaubnis und so hielt Degot ihre fulminante, tiefgründige Rede mutig auf einer wackeligen Hebebühne davor.
Ein wenig stellvertretend für die wackelige Basis, auf der das Festival derzeit zu stehen scheint und auf der wir alle zurzeit stehen, wie Degot als thematische Einleitung zum Thema dieses Jahres konstatierte: zu den ideologischen, kulturellen und umweltbedingten Warnzeichen wie sie die Red Flags verstanden haben will; und wie die unzähligen Veranstaltungen im Rahmen des herbsts - unter ihnen 18 performative – rezipiert werden können und sollen .
Das dichte Eröffnungswochenende zeigte mit eindringlicher Kraft die kommunikative Bandbreite künstlerischer Möglichkeiten, gegebene Fakten, die übersehen, missverstanden, bewusst ignoriert oder auch verdreht werden, aufzuzeigen: aus neuen Perspektiven, scheinbar niederschwellig aufbereitet, herausfordernd provokant, unterhaltsam ironisch wie tiefernst hinterfragend, schockierend, berührend.
Kunterbunt und grell wie noch selten bei einer herbst-Eröffnung setzte Julian Warner ein erstes jahrmarktsähnliches (Warn-)Zeichen mit „Paradise Lost“, auch wenn im Titel erklärt wird: „Dieser Kampf ist kein Zeichen“. Ein hoch theatralisches Wrestling Match, assistiert vom Grrrls Chor, einem Musikverein und Cheerleaderinnen, steht plakativ für das, was an regionalem Kulturkampf auf dem Rücken der Kunst gerade ausgetragen wird. Obwohl da sehr laut auf den Tisch respektiv aufeinander – konkret und verbal- gehaut wird und die Charaktere (falscher Prophet, bürgerliches Lager, das Volk) ihre Facetten haben : der Kern der spaßig überzeichneten Schale ist für die, die ihn tatsächlich ausprobieren oder gar öffentlich verteidigen wollen, ein bitterer; selbst wenn fiktiv die Kunst hier ‚selbstverständlich‘ siegt.
„Angelic Conversations“, ein Auftragswerk von steirischer herbst, koproduziert von Kampnagel und Arsenic, ist eine Auseinandersetzung Alex Baczyński-Jenkins‘ mit feinstrukturierten Beziehungsgeflechten. Nicht offensichtlich mit dem Zentralthema des Festivals verbunden weist diese Tanzperformance doch auf grundlegende Herausforderungen im Zusammenleben, im Miteinander hin. Und damit auf die Voraussetzungen für eine funktionierende Gesellschaft; Qualitäten, die zum Teil in den Hintergrund treten und getreten sind. Zumeist ist es ein sehr zögerndes, verhaltenes Begegnen mit dem anderen; mit großer Vorsicht und Langsamkeit, ja Miestrauen umkreisen sich die drei TänzerInnen. Zahllose Wiederholungen einzelner einfacher Bewegungen kontrastieren zu kurzen dynamischen Ausbrüchen, in dem auch klassisches Bewegungsmaterial kurz aufblitzt.
Selten herrscht Blickkontakt: die Einsamkeit, die Kontaktlosigkeit der drei Individuen wird in ihren getragenen Bewegungen so manches Mal greifbar, in einzelnen Passagen, gemeinsam oder auch in Soli, zu ästhetisch faszinierenden Bildern. Klang, Lichtgestaltung und Live-Kamera tragen das Ihre dazu bei. Ohne ein Fortschreiten, eine Entwicklung erkennen zu können, überraschen deutlichere Umsetzungen des Begehrens und auch des körperlichen Zusammenfindens; lassen den Rezipienten etwas ratlos zurück. Akustisch verständlichere Texteinspielungen hätten wahrscheinlich geholfen
Der Grazer Griesplatz ist ein Ort der Gegensätze: in Bezug auf die Meinung über ihn, die sich zwischen Ängsten, Ablehnung und Vorurteilen, gutem und weniger gutem Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Schritten zu Öffnung, zu hippen Treffpunkten und kleinen Veranstaltungsorten junger Künstler bewegt. Der aber auch zu einem Ort rechtspolitischer Instrumentalisierung geworden ist. Dass ebendort, in einem ehemaligen, g‘standenen Gasthof, die große Herbstausstellung installiert wurde, ist thematisch treffsicher. Und dies gilt auch für die Performance zur Ausstellungseröffnung, für „Slamming Unplugged“, die im Außenbereich, im Lärm des umgebenden Autoverkehrs und vorbeieilenden, zum Teil stehenbleibenden und überrascht zusehenden Passanten stattfindet. Nach Konzept und Choreografie der griechischen Künstlerin Xenia Koghilaki verkörpern drei Tänzerinnen Gegensätzlichkeiten, bringen das, was als Moshpit weit verbreitet seinen Platz gefunden hat, auf die Bühne. Im treibenden, stampfenden Rhythmus der Live-Musik bewegen sie sich in einfachen, gleichen Bewegungen aus dem Oberkörper mit-, gegen- und aneinander. Der endlos scheinende Fluss dieses Hardcore-Tanzstils kontrastiert faszinierend zu dem, was er an Aggressivität einerseits und Achtsamkeit andererseits vermittelt. Da geht aufbrechende Wut in zärtliches Füreinander über; kompromisslos sich selbst und den anderen gegenüber ist es ein immerwährendes Suchen in kleinen, feinen, aber auch brutalen Schritten: nach anderem, nach Neuem, nach dem anderen. Jede immer für sich und doch in gleichzeitiger Bewegung mit Aufmerksamkeit füreinander. Wiederholung um Wiederholung, Variante um Variante ziehen die Tänzerinnen das Publikum in ihren ureigenen Bewegungssog. Lassen auch nicht los, wenn sie zu bewegten Installationen werden und schlussendlich zitternd, zuckend miteinander ineinander gleiten. 
Originell ist das Setting von Daniel Dominguez Teruels Musikperformance „Gloria!Gloria!Gloria“ rund um den Hilmteich und vor allem auch auf seinem Wasser: Um das Schwanken, die Brüchigkeit, das Zu-Hinterfragende von Traditionen und Ritualen zu verbildlichen, performt die argentinisch-spanische Tänzerin und Choreografin Rocio Morano auf einer wenige cm unter der Wasser-Oberfläche schwimmenden, kleinräumigen Platte; sie scheint quasi auf dem Wasser zu stehen. Das Fahnenritual, das sie und ein rund um den Teich gehender Fahnenträger zelebriert, lässt in seiner Pathetik, immer wieder unterstützt von tragender Musik und Chorgesang aus dem Walde so wie inhaltsschweren Texten, recht ironisch die dünne Schicht der Bedeutung, die gedankenlose Oberflächlichkeit derartiger Zeremonien bewusstwerden. Am besten greift und rüttelt es vielleicht in dem Augenblicken, wenn man sich doch einmal beim eigenen kurzzeitigen ‚Einsteigen‘, beim eigenen Berührt-Sein ertappt. Aber insgesamt fehlt es an nachhaltiger Schärfe und Tiefe; es bleibt beim erleichterten Schmunzeln, wenn beim Sich- Ergießen von Wasserfontänen zu Walzerklängen ein bewunderndes Ahhhh des Publikums gerade noch unterbleibt. Immerhin.
steirischerherbst’26, 24.9.–18.10.26 , www.steirischerherbst.at