Reges Interesse weckt die zweite Ausgabe des Tanz- und Performancefestivals „Zugzwang“, das viel Unterschiedliches bietet. „Die Publikumszahlen sind zum Vorjahr wesentlich angestiegen“, gibt die Festivalleiterin Dušana Baltić Einblick in den diesjährigen Tanz- und Performancereigen „Zugzwang“ in Klagenfurt. Das gibt Hoffnung und zeigt, dass Tanz interessiert. Eine kleine Sichtung.
Wie viele Themen vertanzt werden können, ist bei der zweiten Ausgabe des Festivals zu sehen, aber auch selbst zu erleben. Neben Uraufführungen und österreichischen Erstauffürhungen gibt es zudem Workshps, bei denen man ohne Voraussetzung mitmachen kann. Eine Festivalbesucherin schwärmt: „Es war fantastisch. Ich habe kochende Spaghetti getanzt und dabei erkannt, wie viele Widersprüche im Kochen liegen können. Francesca de Girolamo regte in ihrem Workshop eine Auseinandersetzung mit Traditionen und Verwandlung an – und zwar mittels des eigenen Lieblingsrezeptes. Es hat offenbar in mehrfachem Sinne bewegt.
Bei der vielfältigen Tanzwoche kam eine aus Klagenfurt stammende Tänzerin wieder in ihre Heimat, um hier ihr Stück „respire“ zum ersten Mal zu zeigen. Anna Possarnig erforschte gemeinsam mit dem Tänzer Jan Labner und dem Saxofonisten Joel Diegert die Kraft, die unserer Atmung inne liegt. Was als fast heiliger Moment in stillem Verharren neben einer wellenartigen Lichtschlange zu den tiefen Atemzügen durch das Saxofon beginnt, baut sich immer weiter auf in Bewegung und führt durch drei Räume. Einzeln, zu zweit, zu dritt suchen die Künstler:innen nach gleichberechtigtem Ausdruck, nach dem Verschmelzen von Klang mit Bewegung – geleitet von den Gefühlen, die bei bewusstem Atmen entstehen können. Es ist ein Wechselspiel zwischen Improvisation, Komposition und Choreografie, zwischen Ruhe und Impulsivität, zwischen Individualität und Gemeinsamkeit. Ausgeführt hat das Trio diese andauernden Wellenbewegungen, die wie ein Tanz durch eine Landschaft oder durch das Leben scheinen, mit gut aufeinander abgestimmter Bravour, die Gemeinsamkeit stark spüren lässt.
Kurz, aber intensiv
Einen besonderen Abend mit außerordentlicher Dynamik, intensiver Spannung und ganz viel Humor inklusive lauten Lachern boten die Zugzwang Shorts I. Jakob Börlin beginnt in seinem Solo „An Ode“ mit Klängen auf einer E-Gitarre, die seinen Körper in Bewegung bringen. Ganz klein sind diese anfangs und verbreiten sich soweit, dass der Tänzer in runder, weicher Körperlichkeit über den Boden schwingt, Elemente aus dem Urban Dance einbindet und in einen feinfühligen Fluss gleitet.
Mit virtuoser Präzision tanzen sich Andrea Givanovitch & Luisa Heilbron in ihrem Duett „Violent Delights“ durch die Gefühlswelten einer Zweierbeziehung. Hebefiguren zeigen sich hier in der gleichen Leichtigkeit wie schnelle, ineinandergreifende Armchoreografien oder in langsamen, bedachtsamen Sequenzen. Sie berühren damit wie sie beeindrucken, wenn sie in vielfältiger Dynamik offensichtlich machen, wie fein Tanz gearbeitet sein muss.
Von unendlicher Müdigkeit „überfraut“ zu sein, scheint Francesca de Girolamo als sie unentwegt mit verzweifelter Miene „Io so'stanca“ oder „I'm tried“ feststellt. Unterbrochen mit aufbegehrenden Zwischenmeldungen, dass sie um ihre Identität weiß. Schließlich verschwindet sie hinter einem Vorhang, um zu furioser, klassischer, italienischer Musik mit desperatem Gesichtsausdruck auf dem Boden über die Bühne zu walgen, sich zu drehen, zu überdrehen, aufzubäumen, sich mit und in einer gelblichen Schnur zu verwickeln, die sie zu einem Tisch führt. Dort wird es klar: Sie entkommt ihrer italiensichen Identität nicht und muss Spaghetti Carbonara kochen. Sie verbindet brillant Commedia dell'arte mit Mozart und Beethoven, weiß in ihrem Stück „Dinner is served“ Mimiken wie Körper theatral einzusetzen und bringt das Publikum zum Lachen und zu Begeisterungsrufen. – Dieses entschwindet mit freudigem Lächeln auf den Gesichtern aus dem gelungenen Tanzabend in die Nacht.
Zugzwang. Festival für zeitgenössischen Tanz & Performance, 19. bis 27. September 2026 in Klagenfurt