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Ballettakademie1Als Alessandra Ferri ihr Amt als Ballettchefin in Wien antrat, holte sie mit Patrick Armand einen erfahrenen Schuldirektor an die Akademie der Wiener Staatsoper. Der Qualitätssprung, den diese Neubesetzung mit sich gebracht hat, ist beachtlich – und zeigt sich in der Matinee nicht nur in der Eleganz der gezigten Choreografien und ihrer tänzerischen Ausführung. Die Ausbildung wird hier weiter gedacht und reicht deutlich über konventionelle Pädagogik hinaus. 

In den letzten Jahren sind Ballett-Ausbildungsstätten zunehmend unter Druck geraten, denn ihre teils archaischen Unterrichtsmethoden ließen sich kaum mit den Vorstellungen einer moderner Pädagogik vereinbaren. Auch die Wiener Ballettakademie stand deshalb monatelang in den Schlagzeilen. Inzwischen wurde ein Konzept erarbeitet, das den Kinderschutz in den Mittelpunkt stellt. Dem höchsten künstlerischen Anspruch bleibt die Ausbildung dabei weiterhin verpflichtet, und jede Schülerin und jeder Schüler soll das eigene Potenzial bestmöglich entfalten können. 

Patrick Armand setzt jedoch nicht allein auf individuelle Leistung, sondern lenkt den Blick vor allem auf die Ensemblearbeit. Als erfahrener Lehrer in den renommiertesten Compagnien (wie Royal Ballet London, National Ballet of Canada, Teatro alla Scala Ballett) und als Leiter der Schule des San Francisco Ballet seit 2013, weiß er, welche Voraussetzungen es für den Berufseinstieg braucht. Dazu zählt wohl der Teamgeist im Corps de ballet, aus dem sich das eine oder andere Talent später solistisch entwickeln wird. Ballettakademie2

Im Zentrum der Matinee steht also nicht eine Reihe solistischer Variationen, sondern die Gruppe. So treten in der “Präsentation der Ballettakademie” einerseits alle Schüler*innen von der 1. bis zur 8. Klasse gemeinsam auf. Andererseits ist diese Schau der Danse d’école ein Gemeinschaftswerk der Lehrenden Patrick Armand, Arantxa Argüelles, Caterina Mantovani, Zsolt Tibor Elek, Alice Nescea und Ana Jojic-Begovic. Die Variationen zu einem Medley aus Polkas und Märschen der Strauss-Familie, werden von Stufe zu Stufe komplexer, jeweils mit äußerster Präzision und größtmöglicher Perfektion ausgeführt. Es ist ein Programm, das allen gerecht wird: niemand ist über- oder unterfordert. Die Kinder und Jugendlichen agieren selbstbewusst, bestimmt und zuversichtlich und finden sich am Ende zu einem großen Tableau zusammen.

Ballettakademie4Die Jugendkompanie führt anschließend die akademische Tanzsprache ins Heute. In “Double Evil” stellt der finnische Choreograf Jorma Elo zwei musikalische Welten gegeneinander: die treibende Perkussionsmusik Philip Glass’ und die bedächtigen, romantisch gefärbten Klänge aus der Feder von Vladimir Martynow. Die Choreografie folgt einer fließend-strömenden Logik, in der zeitgenössische Bewegungselemente, akrobatische Stunts und abrupte Wechsel behutsam mit dem überlieferten Vokabular des klassischen Balletts verschmelzen. Für die Tänzerinnen und Tänzer heißt das, klassische und moderne Bewegungsmuster übergangslos zu vereinen – getragen von einem Stil, der zugleich kraftvoll und geschmeidig wirkt und zu Glass’ hektischen Rhythmen wie Neoklassik “on steroids” anmutet.Ballettakademie8

Auch der Schlussteil der Matinee rückt das Corps de Ballet in den Mittelpunkt – mit den von Maina Gilgaud arrangierten Divertissements aus dem 3. Akt von “Coppélia”. Die Variationen im romantischen Stil, getanzt in den Kostümen von Pierre Lacotte (nach den Pariser Originalentwürfen), interpretieren die jungen Tänzer*innen der Oberstufe schwungvoll und makellos. Die Herausragenden unter ihnen werden mit kleinen Soli bedacht (Ailey Osaki und Uta Yamazaki). Elisa Murg überzeugt als kokette und technisch brillante Swanilda im Pas de deux mit Charlie Keffert als Franz.

Ballettakademie6Das Fazit dieser Matinee: Die Ballettakademie der Wiener Staatsoper ist den Kinderschuhen entwachsen. Die Vorstellung ist wie ein Befreiungsschlag von den fragwürdigen, ästhetischen Entscheidungen, denen die Schule in den letzten Jahren ausgesetzt war.

Zu sehen war eine professionelle und elegante Vorstellung, die ganz den Tänzer*innen gehörte. Auf die üblichen Dankesreden, mit denen frühere Direktor*innen das Publikum bedachten, und auf den Aufmarsch der Lehrenden am Ende wurde verzichtet – Patrick Armand und die administrative Leiterin Andrea Yannone haben ihre Anerkennung statt dessen im Vorwort des Programmheftes zum Ausdruck gebracht. 

Einzige Wermutstropfen dieses Vormittags war die Tonqualität. Der Klang von elektronischen Tonträgern an der Wiener Staatsoper ist – höflich gesagt – suboptimal. Die hohe künstlerische Qualität dieser Matinee würde jedenfalls eine Begleitung durch das Orchester der Wiener Staatsoper rechtfertigen.

Matinee der Ballettakademie der Wiener Staatsoper am 31. Mai 2026 in der Wiener Staatsoper.

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