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Siegal ManningDie Eröffnung. Thermo-bunt – so startet das Festival DANCE dieses Jahr. „Chaleur Humaine“ heißt das intime Miniformat des Kanadiers Stéphane Gladyszewski. Dank ausgetüftelter Wärme-Sensorik lässt er kleine Grüppchen acht Minuten lang über technisch raffiniertes Farbtheater staunen. Seine Leinwand: ein Flower-Power-Paar, das bald wie Chamäleons in Rage schillert.

Zu motorig grunzenden Geräuschen geraten ihre Körper in immer pornografischere Ekstase und erzeugen Hitze, die Farben zum Tanzen bringt. Glitschig-schmierig: der gräuliche Zoom auf erregt tastende Finger. Dann plötzlich eine polychrome Musterorgie auf nacktem Frauenkörper. Ein Höhepunkt à la Gustav Klimt, nachdem vor allem der große Projektionsapparat eine Verschnaufpause braucht.

Optisch abgefüllt mit visuell kraftvollen Eindrücken geht es vom Muffatwerk in den Carl-Orff-Saal (Gasteig). Auf dem Weg streift man in einer Ecke des öffentlichen Celibidacheforums erste Auswüchse einer weißlich glitzernden Kunstinstallation: das Spinnennetzkonstrukt „#boxtape“ des Tanz- und Objektkünstlers Peter Trosztmer aus Montréal. Passanten baumeln am Eröffnungsnachmittag in den Klebebändern (noch) keine. Also: Demnächst wieder, vorbeiflanieren und sich selbst mutig mitten hinein in das filigrane, interaktive Gebilde wagen… Nur dann wird man erfahren, wie wichtig der Hinweis „erst denken, dann kleben“ ist.boxtape
 
Während der Begrüßungsreden hat man Muße für einen flüchtigen Blick in Vergangenheit und Gegenwart der freien Münchner Tanzszene seit den Siebzigern. Sorgsam ausgebreitet liegen in 12 Vitrinen Plakate, Flyer, Fotos und Erinnerungsobjekte (darunter eine Pina-Bausch-Nelke). Dokumente, die die Tänzerin, Choreografin und Szene-Beobachterin Brygida Ochaim gesammelt hat. In ihrer Ausstellung „Tanz in München – Archiv in Bewegung" sind nicht nur Nostalgiker bestens aufgehoben. Zusätzlich bespielen die New Yorkerin Mia Lawrence und Tänzerinnen und Tänzer ihres Münchner „Performance Lab“ diverse Örtlichkeiten und Nischen rundum, vor und im Kulturzentrum Gasteig – mit Choreografie- und Tanzimpressionen, die auf Werke stadtbekannter Künstler wie Ludger Lamers, Stefan Dreher, Stephan Herwig, Tobias M. Draeger oder Katja Wachter zurückgehen. Da wandert man schon mal bis zu zwei Stunden lang gerne mit und darf als Beobachtertross ab- und an sogar Einfluss auf die (Aus-)Richtung nehmen.

LachambreEine Reise in die galaktisch-eisige Hölle einer Endzeitstimmung unternimmt dagegen, wer sich der eineinhalbstündigen Produktion „Hyperterrestres“ eines bereits älteren – wiederum kanadischen – Künstlerduos ausliefert. Zu sehen ist da erstmal nichts. Außer eine schimmernde Ahnung von einer Art Eisblock und zwei Körpern, die darin wohl umeinander wabern. Benoît Lachambre und sein Partner Fabrice Ramalingom lassen sich Zeit, ehe sie einen – schaurig-grausig wie Aliens röchelnd – in ihre versponnene, abschreckend leere und graue Welt vierbeiniger Kuriositäten einlassen. Seitlich durch den Sound-Rocker Hahn Rowe live begleitet und überwacht, taucht man ab in ein assoziationsreiches Universum, das sich zum Ende hin sogar tänzerisch zu einem krassen Geisterbahn-Trip verdichtet.

Einen derartig atmosphärisch starken Knalleffekt hatte man eigentlich von Richard Siegals Premierenabend „My Generation“ erwartet. Sein „Ballett of Difference“ überwältigt denn auch – mit dem, was seine Ballettperformer immer schon brillant konnten: hyperdynamischen, zeitgenössischen Power-Tanz in irren Soli, Duetten oder sich durchwirkenden Formationen. Aufgepeitscht und rastlos angetrieben von elektronisch scharfen Beats, für die im ersten Stück „BoD“ DJ Haram verantwortlich zeichnet und AtomTM im überarbeiteten Rausschmeißer „Pop HD“ (2015 unter dem Titel „My Generation“ uraufgeführt vom Cedar Lake Contemporary Ballet).

Eine weitere – allerdings nicht wirklich neue – Komponente sind mega-stylische Kostüme. Beides wichtige Identifikationsfaktoren für die vom „Ballett of Difference“ proklamierte Exzellenz und Andersartigkeit der nun 10 Mitglieder zählenden Truppe (dazu als Special guest: Beyonce Knowles-Tänzerin Ebony Williams). Unter Becca McCharens dunkelgrau bis hellgrünen, an verschiedensten Stellen korsage-, panzer-, flügel- oder rockartig wie Rettungswesten geblähten Kostümen mutieren die fantastischen, Grenzen von Disziplinen oder Stilen verwischenden Turbomover bald zu einem schwirrenden, die Blicke verwirrenden Kollektiv tolldreister Insekten. Dabei hätte man jedem einzelnen gerne länger bei bisweilen verboten-schwierigen (Partner-)Passagen zugeschaut. Bernhard Wilhelm dagegen hüllt die Tänzerinnen und Tänzer in grell-bedruckte, hüftumschmeichelnde Sportoutfits, was zur ständigen Extrovertiertheit ihrer Persönlichkeiten gut passt. Als Dekorelement verbinden lediglich schlichte Holzstellwände die neue Triple Bill.Siegal Pop

Im langsamen Mittelstück „Excerpts of a Future Work on the Subject of Chelsea Manning“ versucht Richard Siegal immerhin, die Umwandlung des Soldaten/Whitleblowers vom Mann zur Frau in emotional starken Duett- und Triomomenten choreografisch in 16 Minuten begreifbar zu machen. Wiederum zu inhaltlich durch die Songtexte stark aufgeladener Musik, diesmal von Josiah Wise Aka Serpentwithfeet. Ein (erzählerischer) Wegweiser in die Zukunft der Kompanie?

YangZhenFetziger Augenschmaus ist eben nicht alles. Dies bewies der 25-Jährige Yang Zhen in seiner Uraufführung „Minorities“ am nächsten Tag mit Tänzerinnen aus fünf verschiedenen Regionen Chinas höchst eindrücklich. Den ersten Teil seiner Trilogie „Revolution Game“, das Stück „Just Go Forward“, hatte der chinesische Choreograf bereits bei DANCE 2015 als Kreation präsentiert. Nun folgte (nach „In the Field of Hope“) sein dritter Teil, in dem er Mao Zedongs Gleichschaltungspolitik als Aufhänger nimmt. An der Rückwand seiner Bühne – im Verlauf einer Stunde Forum für manch‘ folkloristische (Tanz-)Lehrstunde – prangt ein übergroßes, poppiges Plakat. Darauf, Kopf an Kopf, ein bunt durcheinander gewürfeltes, 55 Minderheiten starkes Volk.

Die zu Beginn noch schwarzen Umrisse füllen sich mit Farben – und mittendrin prangt Maos bekanntes Konterfei. Aus dem Off dröhnt Rammsteins Madison-Square-Garden-Version von „Engel“. Anlass für die Performerinnen/Studentinnen der Minzu University of China, sich auf ihrer einerseits dokumentarisch, andererseits sehr theaterdramatisch ins Szene gesetzten Suche nach Identität und ethnischer Zugehörigkeit erstmal in eine (alle Teenager gleichmachende) Pop-Konzert-Ekstase zu flüchten. – Mit fliegenden Haaren und wildem Körpergebaren auf winzigen roten Stühlchen vor Mikrophonen balancierend.

Die Aufrichtigkeit, mit der nach und nach krasse, volksrepublikanische Schulungsmethoden, Verletzungen von Persönlichkeit, Erinnerungen und Gefühle ausgebreitet werden, kulminiert schließlich in einem verblüffenden Bild: Alle gemalten Gesichter kreisen schneller und schneller um den Kommunistenführer. Bis alles zu einem finalen roten Farbkleks verschwimmt.

VAndekeybusAbschlussresümee

Fast zwei Stunden lässt es Frédérick Gravel mächtig krachen. Seine Uraufführung „Some Hope for the Bastards“ wird zum rockig-lauten Ausklang einer insgesamt recht beschaulichen 15. Dance-Biennale. Ein impulsgesteuertes, durch ein stilles Solo unterbrochenes Heavy-Metal-Ballett, zu dem der Choreograf selbst beherzt in die E-Gitarren-Saiten greift. Einige führt er damit an den Rand der Schmerzgrenze. Andere finden Gefallen an den stereotypen Bewegungsausbrüchen der neun Tänzerinnen und Tänzer seiner GravelArtGroup aus Montreal.

Ihre Sinne hat reichlich Bier benebelt. So gerät das anfängliche Platznehmen, die Flaschen noch in der Hand, zur amüsanten Kür. Kurz darauf beginnen erst ihre Hüften zu zucken, dann die gesamten Körper heftig zu vibrieren. Wachgerüttelt vom hämmernden Gejaule der Band steigert sich ihr rhythmisches Krampfen und paarweises Gegeneinander-Rumsen zum kollektiven, powervollen Dancefloor-Erlebnis – mit Lichtorgel und ansprechend auschoreografierten Bodenpassagen. Viel mehr als das demonstrative Abtanzen toller Performer gibt das Stück ansonsten kaum her.

Harte Klänge treffen hier weder auf ein skurril-fremdartiges Raumschiff-Ambiente, wie in Wim Vandekeybus‘ durch Sprache, Schauspiel und charakterspezifische Tanzeinlagen vereinnahmender Science-Fiktion-Kreation „Mockumentary of a contemporary saviour“. Noch verführt den Betrachter eine ästhetisch penibel mit je zwei zersägten Autohälften, Riesenboxen, Bildschirmen und farbigem Lichtdesign arrangierte White-Box nach bewährter VA Wölfl-Manier, in der Mitglieder der Truppe Neuer Tanz in bewegten Bildern – mit graziös armverlängernden Revolvern und Bibeln – absichtlich ungelenk die Erschießung Robert Kennedys nachstellen.

Die schönste Überraschung in der Arbeit des 73-Jährigen, von der manche sich „etwas mehr an Substanz“ erhofft hatten: das kurze Damentrio im ersten P.S. zu „von mit nach t: No 2“. Ein Muss war dagegen zu erleben, wie sieben herrlich heterogene Darsteller der belgischen Gruppe Ultima Vez in cineastischer Machart den unerträglichen Ausnahmezustand einer pseudoreligiösen Zukunftssekte durchexerzieren, deren Messias ein Kind ist. Teuflisch treffend als Parabel auf eine aus den Fugen geratene Welt.Gat

Um Stimmung für das abgründig fiktionale Szenario heraufzubeschwören, forderte Vandekeybus einem ähnlich viel Geduld ab wie Lachambre in seiner Geistershow „Hyperterrestres“. Von beiden Produktionen wird man Eindrücke behalten. Und sich sicher noch lange an das viertelstündige „Tête-à-tête“ mit Stéphane Gladyszewski erinnern. Die Augen durch dessen Plexiglasmaske neugierig auf Feuerstaub und das unbekannte Individuum gerichtet, dem plötzlich einfällt, die Situation umzukehren und (in holografischen Überlagerungen) mit dem Gesicht des eigenen Ichs zu verschmelzen. Das bewegt – innerlich.

minutemadeDieses Ziel mag auch Daina Ashbee im Visier gehabt haben. Splitternackt führen ihre zwei Performerinnen schonungslos sexuellen Missbrauch und dessen persönlichkeitszerstörende Folgen vor. Trotz ihrer brutalen Leistung: „Unrealed“ der Newcomerin aus Kanada bleibt an der Schwelle zur Peinlichkeit stecken. Die Uraufführung „Vielfalt II“ von Nicole Peisl (bis 2014 Mitglied der Forsythe Company) kann man getrost als hübsches Studio-Experiment abtun. Ihre mit Humor angereicherten Erkundungen des Raums sind in „Vielfalt I“ (2010) wesentlich aussagekräftiger. Wobei Seile eine besondere Rolle spielen.

In ihrem Teil von „Minutemade for Dance“ lässt Peisl denn auch die Tänzer des Staatstheaters am Gärtnerplatz konzentriert Stricke spannen und schwingen, während Benoît Lachambre ihnen das Handicap auferlegt, mit um die Knöchel schlackernden Hosen zu tanzen. Dritter im Bunde ist Emanuel Gat. Sein Clou: er teilt das Ensemble farblich in zwei Gruppen, die sich zu zwei Wesendonck-Liedern immer wieder in dynamisch-choreografierten Wellenbewegungen durchkreuzen. Schöne, raffinierte Schrittstruktur!Eyal

Gats Produktion „Sunny“, die das Solo eines Schamanen eröffnet, tragen leicht schmalzige Live-Songs des Musikers Awir Leon. Sie ermutigen zehn wunderbare Interpreten (darunter ein Mädchen mit Armprothese) in freien Formationen und Paarfindungen Nähe und Distanz auszuloten. Noch mehr aber überzeugt „OCD Love“ von Sharon Eyal & Gai Behar (Livemusik: Ori Lichtik). Ihr Thema: Zwangsstörungen, und wie Ticks sich auf Beziehungen auswirken. Sechs fabelhafte Tänzer der Kompanie L-E-V haben sich dafür ein choreografisch faszinierendes Bewegungsvokabular angeeignet. Technisch großartig, neu und von berührender Tiefe.

15. Ausgabe des internationalen Festivals für zeitgenössischen Tanz der Landeshauptstadt München DANCE (11. bis 21. Mai 2017)