Pirchan iconDer Enkel fand den Nachlass auf dem Dachboden – eine von seiner Mutter sorgsam gehütete Sammlung der Arbeiten von Emil Pirchan. Beat Steffan wollte bei der Aufarbeitung der Hinterlassenschaft seines Großvaters vor allem eines: die vielfältigen kreativen Facetten des Künstlers sichtbar machen und so ein Denkmal für den (fast) vergessenen „Universalkünstler des 20. Jahrhunderts“ setzen. Dies ist ihm mit seinem im Nimbus Verlag erschienen Buch hervorragend gelungen.

In dem reichhaltig bebilderten Band spürt man förmlich den ruhelosen, kreativen Geist von Emil Pirchan. Seine Ausbildung erhielt der Sohn eines Malers (des letzten Rahl-Schülers Emil Pirchan der Ältere, 1844-1927) bei Otto Wagner. Doch der Architekt machte sich in seiner späteren Karriere vor allem als Bühnenbildner einen Namen, und hat an die 500 Theaterproduktionen ausgestattet. Sein kreatives Schaffen umfasst aber viel mehr: Emil Pirchan hat auch Plakate entworfen (und in München eine Plakatschule gegründet), Einfamilienhäuser und ein „Theater für Südamerika“ geplant, Möbel, Schmuckstücke, Aquarien und vieles mehr gestaltet sowie Romane, Gedichte und Künstlerbiografien geschrieben. Jedem künstlerischen Bereich ist ein Kapitel des Buches gewidmet: die Texte stammen von ExpertInnen der Kunst- und Theatergeschichte sowie der Literaturwissenschaft, die die Arbeit von Emil Pirchan (geboren am 27. Mai 1884 in Brünn, gestorben am 20. Dezember 1957 in Wien) als Architekt, Designer, Grafiker, Bühnenbildner und Autor jeweils in den zeithistorischen Kontext setzen.

Einen zentralen Stellenwert im Oeuvre von Emil Pirchan nehmen die Plakate ein. Stilistisch passt er sich dabei jeweils sowohl der Zeitströmung als auch dem Auftraggeber an. Waren die frühen Plakate noch ganz dem Jugendstil zuzuordnen, sind die späteren Werke stark vom Expressionismus geprägt. Pirchan verwende flächig-farbige Darstellungen, die etwa in den Tanzplakaten eine schwungvolle Bewegung suggerieren. Die Spannung zwischen künstlerischer Absicht und Zugeständnissen an die Kundenwünsche wird in dem Beitrag von Katja Sebald eingehend diskutiert.

Neben Gedichten und Romanen verfasste Emil Pirchan eine Reihe von Biografien etwa über Gustav Klimt und Hans Makart (beide 1942), aber auch über die Tänzerin Fanny Elssler (1940) und Harald Kreutzberg (1941), dem er zeitlebens auch freundschaftlich verbunden war. Dass all diese Publikationen in die Zeit des Nationalsozialismus fielen, wirft freilich auch die Frage nach der politischen Haltung des Künstlers auf, der in diesem Buch mehrfach nachgegangen wird. Es gibt keine eindeutigen Belege zu Pirchans Haltung. Zeitzeugen behaupten, er wäre „apolitisch“ gewesen. Jedenfalls war er kein Parteimitglied, passte sich aber dem Regime an und konnte so seine Arbeit als Bühnenbildner an den Staatstheatern und als Professor an der Akademie der bildenden Künste – wohin er 1936 berufen wurde, um als Nachfolger von Alfred Roller und Oskar Strnad die „Meisterschule für Bühnenbildnerei“ zu leiten – ausüben. Seine Bücher passten jedenfalls gut ins Konzept des Reichsstatthalters Baldur v. Schirach, der die Persönlichkeiten der österreichischen Kulturgeschichte schamlos für die nationalsozialistische Kulturpolitik vereinnahmte.

Pirchans größte Erfolge feierte er aber als Theaterausstatter, auf den in drei Texten aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven Bezug genommen wird. Unter dem Titel „Die Dekonstruktion der Dekoration“ wird auf seine Bühnenbilder im Allgemeinen eingegangen, „Intermezzo an der Moldau“ widmet sich seiner Arbeit am Deutschen Theater in Prag. In einem weiteren Kapitel steht seine Beziehung zur Theaterfotografie in den Mittelpunkt. Pirchan war immer aufgeschlossen für neue Technologien, setzte früh Projektionen als Stilmittel ein, verwendete aber viel früher Fotografie als Arbeits- und Dokumentationsinstrument.

Den größten Rum erwarb er mit seinen frühen Arbeiten: in München ab 1918 als Austattungschef der Bayerischen Staatstheater und vor allem am Berliner Staatlichen Schauspielhaus durch seine Zusammenarbeit mit dem Intendanten und Regisseur Leopold Jessner. Pirchers anti-naturalistischer, expressionistischer Stil entsprach ganz der programmatischen Forderung des Berliner Theatermannes, der ein einfaches Bühnenbild propagierte: „Hinweg mit all dem Theaterplunder vom Prospekten, Kulissen, Soffitten, von Fronten und Versätzen!“ Pirchans Bühnenbilder setzten auf eine „klare Strukturierung des Raumes, Erfassung des Wesentlichen, große Flächen- und Farbwirkungen“ (Christiane Mühlegger-Henhapel und Alexandra Steiner-Strauss, S. 219). Die Inszenierungen der beiden wurden stilprägend für das expressionistische Theater.

Ausführliche Verzeichnisse zu Leben und Werk ergänzen den Band, der auf etwa 380 Seiten das Werk des „Universalkünstlers des 20. Jahrhunderts“ in kongenialer Form würdigt.

Beat Steffan (Hg.) „Emil Pirchan. Ein Universalkünstler des 20. Jahrhunderts“, Nimbus. Kunst und Bücher, Wädenswil am Zürichsee, 2018

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Emil Pirchan: Universalkünstler