DAnceWellbeing iconBeinahe 1000 Seiten umfasst das Handbuch der Oxford University Press und bietet die zur Zeit wohl umfassendste Übersicht zum Thema „Dance and Wellbeing“. Vor dem Hintergrund des rasant steigenden akademischen Interesses an Tanz in unterschiedlichen Disziplinen haben die Herausgeberinnen Vicky Karkou, Sue Oliver und Sophia Lycouris 50 Beiträge über den Einsatz von Tanz im Gesundheitsbereich im weitesten Sinn gesammelt. 

Das Thema ist nicht neu, sagte doch Hanya Holm bereits 1936 in einem Interview: „Viele, die keine Absicht haben professionelle Tänzer zu werden, entdecken die Freude am Tanzen als bemerkenswertes Hochgefühl und als einen zutiefst emotionalen Stimulus im Vergleich zur Monotonie der täglichen Routine. Hausfrauen, Arbeiter, Lehrer, Krankenschwestern, Männer und Frauen in allen Berufsbereichen konnten diese neue Anregung für ein neue Art des Wohlbefindens entdecken.“

„Tanz ist natürlich therapeutisch, weil er die Gesamtheit des Menschen benutzt: das körperliche Selbst, das kreative Selbst, das expressive Selbst und das emotionale Selbst. Indem man ihn detailliert betrachtet um herauszufinden, wie er gezielter in vielfältigen Settings genutzt werden kann, ist eine fruchtbare Bemühung“, schreibt Sharon Chaiklin in ihrem Vorwort zu dem vorliegenden Referenzband. Dafür haben die Herausgeberinnen versucht, eine Balance zwischen wissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Praxis zu finden.

„Die Kapitel präsentieren einen Überblick der Forschung und heben die Ambiguitäten sich auf die komplexe Welt zu beziehen und in ihr zu leben hervor“, erläutern sie ihre Ausgangsposition. Jeder der fünf Abschnitte des Buches wird von den Herausgeberinnen mit einer einleitenden Zusammenfassung übersichtlich präsentiert. So kann der Benutzer leicht die für seine Zwecke relevanten Referenzen finden. Ein umfangreicher Index ist eine weitere Hilfestellung. 

Part I: Dance and the Body

Dabei fällt gleich auf, dass die Forschungsgebiete meist interdisziplinär sind, dass eindeutige Zuordnungen in vielen Fällen unmöglich sind. Die Kurzbeschreibung der AutorInnen zu Beginn des Buches ist daher sehr hilfreich bei der Suche nach Referenzmaterial. So ist Corinne Jola beispielsweise Dozentin für Psychologie und Choreografin und ihr Co-Autor Luis Calmeiro Dozent in Sportpsychologie mit einem Forschungsschwerpunkt auf Stress in Momenten sportlicher Performance. Die beiden lehren an der University von Dundee und verhandeln im ersten Abschnitt des Buches, „Tanz und der Körper“, das Zusammenspiel von Körper und Geist sowie den „Feel-Good-Effect“ von Tanz anhand von erklärenden Mechanismen auf biochemischer, neuronaler und psychosozialer Ebene.
Bettina Bläsing (Universität Bielefeld) stellt ihre neurokognitiven Untersuchungen an Tänzern und Publikum vor. Wenn wir tanzen, aktivieren wir ein breites neuronales Netzwerk in fast allen Regionen unseres Gehirns, schreibt sie. Und: „Aufgrund der Beschaffenheit unseres neurokognitiven Systems teilt das Zuschauen von Tanz viele Qualitäten mit dem aktiven Tanzen,“, schreibt sie.

Part II: Dance within Performative Contexts

Der zweite Abschnitt widmet sich dem Tanz im performativen Kontext. Michael Huxley und Ramsay Burt gehen der Frage von Wohlbefinden im frühen modernen Tanz exemplarisch anhand von Mary Wigmans „Pastorale“ und Doris Humphreys „New Dance“ nach. In einem weiteren Beitrag diskutieren der  Tänzer, Choreograf und Pädagoge Mark Edward und Fiona Bannon von der Universität Leeds die Integration von Tanz, Identität und mentaler Gesundheit.

Part III & IV: Dance in Education & Dance in the Community

Teil 3 widmet sich dem Tanz im Bildungssystem, vor allem der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Der 4. Abschnitt „Tanz in der Community“ ist vorwiegend praxisbezogen und umfasst die Arbeit in unterschiedlichen Settings und Altersgruppen, mit Menschen mit Behinderung oder mit Flüchtlingen. Hier werden auch eine Reihe von methodischen Ansätzen vorgestellt: das Kestenberg Movement Profile, Bewegungschöre im Laban-Stil, Capoeira oder 5Rhythms.

Part V: Dance in Healthcare Contexts

Der abschließende Abschnitt des umfangreichen Bandes widmet sich explizit Methoden und Forschungen im klinischen und therapeutischen Sektor: Diane Amans beschreibt etwa, wie TänzerInnen in Krankenhäusern Bedingungen für Veränderungen schaffen können: „Tanz als Kunstpraxis verlagert den Fokus von der Krankheit und der Behandlung zu einem kreativen Engagement, das dem Teilnehmer erlaubt, sich selbst in einem anderen Licht zu sehen. Das Ziel von TanzkünstlerInnen ist es, eine Erfahrung anzubieten statt auf ein bestimmtes klinisches Ziel hinzuarbeiten.“ Dagegen gibt es auch gezielte tanztherapeutische Interventionen etwa mit Demenz- oder Brustkrebs-PatientInnen. Die Grenzen sind freilich fließend. Etwas unverständlich, warum in diesem Zusammenhang die Tanzarbeit mit Parkinson-PatientInnen, die aufgrund ihrer positiven Effekte immer weitere Verbreitung findet, nicht berücksichtigt wurde. Immerhin gibt es darüber mittlerweile auch substantielles wissenschaftliches Beweismaterial.

Die Beiträge der umfangreichen Sammlung sind naturgemäß von unterschiedlicher Relevanz und Qualität. Doch auch dadurch ist das Material für eine Reihe von Ansätzen nützlich, sei es für PraktikerInnen oder AkademikerInnen, die in dem Handbuch die zur Zeit vielleicht vollständigste Sammlung von Literaturangaben zum Thema „Dance and Wellbeing“ finden.

Auf der Homepage der Oxford University Press stehen zusätzlich Videos der AutorInnen abrufbereit, die die Texte visuell erläutern. Damit wird der Erkenntnis Rechnung getragen, dass Worte bei Bewegungsthemen oft nicht reichen. Die Verbindung von Print und Web wird in diesem Fall zum Nutzen der Leser bestens genützt.

Vicky Karkou, Sue Oliver und Sophia Lycouris (Eds.) „The Oxford Handbook of Dance and Wellbeing“, Oxford University Press 2017, 968 Seiten. In englischer Sprache

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