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stefanouTransparenz ist ein Leitmotiv im neuen Gesamtkonzept für die Ballettakademie der Wiener Staatsoper (BAK). Dass dieses öffentlich abrufbar ist, ist eine erste Aktion in diese Richtung. Vieles in dem elfseitigen Papier, das die designierten Direktionen der Wiener Staatsoper und des Wiener Staatsballetts in Zusammenarbeit mit einer beratenden Expertengruppe vorgelegt haben, verspricht einen verantwortungsvollen Neuanfang. Christiana Stefanou wird neue Leiterin.

Nachdem die Methoden, mit denen an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper unterrichtet wurden, im letzten Jahr bekannt wurden, gab es Handlungsbedarf. Der damalige Kulturminister Gernot Blümel hat eine Sonderkommission aus einer Juristin, einer Psychologin und einer Pädagogin einberufen, die die schwerwiegenden Vorwürfe untersuchte und im Dezember 2019 zu einem vernichtenden Ergebnis kam.

Bogdan Roščić, der ab Herbst die Wiener Staatsoper leiten wird und der designierte Ballettchef Martin Schläpfer holten sich daraufhin internationale BeraterInnen aus der Tanzwelt, die für die Zukunft der Ballettschule ein Konzept entwerfen sollten. Samuel Wuersten, Künstlerischer Leiter der Tanzausbildungen an der Zürcher Hochschule der Künste und Direktor des Holland Dance Festivals konnte sich in Wien vor Ort ein Bild machen. Die anderen Mitglieder der Beirats – Mavis Staines, Leiterin der Canada National Ballet School und Jason Beechey, Rektor der Palucca Hochschule für Tanz Dresden – konnten Corona-bedingt nur virtuell an der Ausarbeitung des Konzepts mitwirken. Doch das vorliegende Papier ist nur ein erster Schritt in einem zweijährigen Prozess, in dem ein Curriculum entwickelt wird, bei dem die Expertengruppe beratend und begleitend eingebunden bleiben wird.

Auf ins 21. Jahrhundert …

„Im Laufe der nächsten fünf Jahre positioniert sich die BAK als eine international anerkannte und führende professionelle Tanzausbildungsstätte, eingebunden ins 21. Jahrhundert, mit einem klaren Verständnis für die klassische Balletttradition und für den zeitgenössischen Tanz.“ So lautet die Zielsetzung.

Dafür wird eine neue Kultur im Zusammenwirken aller Beteiligten definiert: Studierende, Eltern, Direktion, Lehrende und MitarbeiterInnen der Ballettakademie sollen in einer offenen und kollegialen Atmosphäre, in einem konstruktiven Arbeits- und Lernklima zusammenarbeiten. Dabei stehen die Studierenden, deren körperliche und mentale Gesundheit im Zentrum. Eine kindgerechte Pädagogik und ein wertschätzender Umgang sind dafür die Grundvoraussetzungen.

Ein Kritikpunkt der Sonderkommission waren die undurchsichtigen Entscheidungsfindungen und Verantwortlichkeiten an der BAK. Nun wird es ein Organigramm geben, aus dem die Zuständigkeiten klar hervorgehen.

Transparenz hat auch in den geplanten Umbauen Priorität. Bereits in den Sommerferien sollen Glastüren oder Türen mit Fenstern zu allen Studios und Unterrichtsräumlichkeiten für Ein- und Umsicht sorgen.

Die Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Boerhavegasse wird weitergeführt. Sowohl auf Ebene der Tanzausbildung als der Schule wird es Ansprechpartner für die psychologische, physiotherapeutiche, medizinische oder persönliche Betreuung der Studierenden geben. Für die Neuausrichtung holt die BAK weitere Partner an Bord: Die Möwe soll helfen ein Kinderschutzkonzept im Rahmen der zwangsläufig rigorosen Ballettausbildung auszuarbeiten. Die Bundessportakademie soll das Pädagogenteam der BAK in sportwissenschaftlichen Aspekten des Hochleistungssports weiterbilden. Außerdem sollen die Studierenden jährlich getestet und neue SchülerInnen einem Gesundheitscheck unterzogen werden, durchgeführt von Leistungssport Austria.

… mit deutlich besserer Ausstattung

Die geplanten Verbesserungen erfordern freilich mehr Personal und endlich ist für die Tanzausbildungsstätte an der Wiener Staatsoper auch ein realistisches Jahresbudget veranschlagt worden. Denn die erwartete Qualität kann mit den bisher zur Verfügung stehenden Mitteln nicht erfüllt werden. Nun soll das Jahresbudget 2 Millionen betragen, also fast verdoppelt werden. Darüberhinaus soll ein Investitionsbudget von 882.000 Euro für Umbau, Renovierung und Digitalisierung über fünf Jahre zur Verfügung stehen.

Wobei das Eine nicht ohne das Andere möglich sei, wie in dem Bericht explizit festgehalten wird: „Wenn dieses Betriebsbudget nicht im Benchmarking-Bereich liegt, hat eine Neugestaltung und Umstrukturierung keinen Sinn. Eher wäre dann eine Schließung der BAK – vor allem in Anbetracht der Verantwortung, die man für die Studierenden übernommen hat – die ehrliche Konsequenz.“

Staatssekretärin Andrea Mayer versicherte jedoch bereits, alsbald Gespräche mit allen Beteiligten hinsichtlich Finanzierung der Maßnahmen aufzunehmen.

Einige Lücken

Trotz der durchaus fundierten Vorstellungen, bleibt die eine oder andere Lücke bestehen. So sind etwa keine vorbereitenden Klassen geplant. Zwar will man Talente durch aktives Scouting an die Schule holen, doch Angebote für unter 10-jährige Kinder (die unter der Direktion von Simona Noja in ein privates Tanzstudio ausgelagert wurden), finden in dem Konzept keine Erwähnung.

Außer acht gelassen wird auch der Status der BAK. Als bedeutendste Tanzausbildung des Landes hat die BAK nicht einmal den Status einer Schule mit Öffentlichkeitsrecht. Als Abschluss gibt es ein hauseigenes Diplom sowie ein staatlich anerkanntes Diplom einer externen, paritätischen Kommission. Die SchülerInnen beenden zwar die Regelschule mit Matura, aber im Gegensatz zu anderen Tanzausbildungen (wie an der Wiener Musik- und Kunstuniversität MUK oder der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz) erlangen die Studierenden der BAK keinen akademischen Grad. Eine Anbindung an eine universitäre Einrichtung – die selbstverständlich bei gleichzeitiger Anbindung an die Staatsoper und das Staatsballett erfolgen müsste – wird nicht angedacht.

Personelle Veränderungen sind vorerst nicht geplant, doch wird wiederholt auf die Evaluierung des Lehrerteams hingewiesen. Auf Grundlage welcher wissenschaftlichen Erkenntnisse die Evaluierung der Umstrukturierung erfolgen soll, wird allerdings nicht präzisiert.

Vorläufiges Fazit

Das Konzept zur Neuaufstellung der Tanzausbildung ist ambitioniert, kinderfreundlich und der Pädagogik des 21. Jahrhunderts verpflichtet. Dass einige Punkte wie die oben erwähnten (noch?) keine Berücksichtigung fanden, kann auch an den widrigen Umständen durch CoVid19 liegen, unter denen die Konzepterstellung stattgefunden hat.

Der erste Schritt ist jedenfalls gesetzt und die neue Direktorin Christiana Stefanou kann ihre Aufgabe der Neugestaltung am 1. August 2020 beginnen. Ihr Stellvertreter ist Gabor Oberegger, der seit Anfang des Jahres die BAK als künstlerischer Koordinator führt.

Biografie Christiana Stefanou

Die 49-jährige gebürtige Griechin absolvierte ihr Tanzstudium an der Hochschule für Musik und Theater in München und war Solistin beim Ballett der Bayerischen Staatsoper. Nach ihrer erfolgreichen Karriere auf der Bühne wurde sie als Ballettmeisterin und -direktorin der Compagnie der griechischen Nationaloper engagiert. Zeitgleich begann sie an der staatlichen Ballettakademie der Griechischen Nationaloper sowie an der Schule für Performing Arts Griechenland zu unterrichten. Als Gast-Ballettmeisterin und Tanzpädagogin arbeitete sie mit den wichtigsten Compagnien der Welt u.a.: Dutch National Ballet, Royal Swedish Ballet, Ballett am Rhein, Boston Ballet, English National Ballet, Bayerisches Staatsballett, National Ballet Romania, Czech National Ballet, Balleto de l’Opera di Roma, Ballett Theater Basel, an der Hochschule für Musik und Theater München sowie an der San Francisco Bay Point Ballet School. Sie ist Coach von bedeutender TänzerInnen wie Friedemann Vogel, Daniel Camargo, Paulo Arrais sowie Polina Semionova, Lucia Lacarra und Anna Tsygankova. Christiana Stefanou studierte Tanzpädagogik an der Universität Plovdiv, Bulgarien, wo sie zur Zeit ihre Masterarbeit „Tanzpädagogik und Ballettdirektion“ finalisiert.

"Die Ballettakademie der Wiener Staatsoper – Ein neues Gesamtkonzept" ist hier zum Download verfügbar.

 

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