promofoto IconFür die Präsentation seiner ersten Spielzeit hatte sich Bodgan Roščić ein neues Format überlegt. Es sollte auf der Bühne seines Hauses, der Wiener Staatsoper, stattfinden und mit künstlerischen Darbietungen Lust auf die kommende Saison machen. Corona kam dazwischen und die Präsentation musste ausweichen, und zwar ins Fernsehen, auf ORF3. Dort kam das Ballett mit einer Schaltung zum neuen Chef Martin Schläpfer zwar auch vor, war aber doch deutlich unterrepräsentiert.

Bogdan Roščić ist mit dem Vorsatz angetreten das Repertoire im Haus am Ring radikal zu erneuern. Ob diese Pläne auch umgesetzt werden bzw. wann Theater und Oper wieder Vorstellungen spielen werden können, ist zur Zeit völlig unsicher. Man kann nur hoffen, dass viele der spannenden Projekte tatsächlich stattfinden können.roscic

Ein Großteil der Blockbuster der Opernliteratur käme demnach in neuem Gewand auf die Bühne. Für die musikalische Neubearbeitung ist der neue Musikchef des Hauses Philippe Jordan zuständig. Die zehn Premieren der Saison 2020/21 sind teilweise von anderen Häusern übernommen oder mit ihnen koproduziert worden. Durch die tanzaffine Brille gesehen, springt dabei schon die erste geplante Premiere zur Saisoneröffnung am 7. September in die Augen: Die gefeierte Inszenierung von „Madame Butterfly“, in der Inszenierung von Anthony Minghella und seiner Frau, der Tänzerin und Choreografin Carolyn Choa, die 2005 mit der English National Opera uraufgeführt wurde. Das Puccini-Werk war die einzige Operninszenierung des Oskarpreisträgers Minghella („Der englische Patient"), der 2008 verstorben ist. Oder Monteverdis „L’Incoronazione di Poppeo“ von Jan Lauwers, die der belgische Tanz/Theatermacher 2018 bei den Salzburger Festspielen herausbrachte (Premiere an der Wiener Staatsoper am 22. Mai 2021). Insgesamt ist die Liste der Regisseure, Dirigenten und SängerInnen mit Starstatus, die diese erste Opernsaison bestreiten sollen, äußerst bemerkenswert.

Es ist auch anzunehmen, dass Roščić bei der Präsentation der Spielzeit auf der Bühne der Wiener Staatsoper dem Ballett mehr Raum eingeräumt hätte, als der ORF das getan hat.

schlaepferZweimal Hans van Manen und Schläpfers erste Wiener Uraufführung

Martin Schläpfer plant für seine erste Spielzeit mit dem Wiener Staatsballett sechs Premieren. In vier Programmen bringt er sich selbst mit mindestens einem Werk ein. 

Die erste Premiere soll am 20. September an der Volksoper stattfinden: Für den Abend „Hollands Meister“ werden „Skew Whiff“ von Sol León & Paul Lightfoot, „Adagio Hammerklavier“ von Hans van Manen und „Symphony of Psalms“ von Jiří Kylián wieder aufgenommen.

Hans van Manen ist auch im Programm der ersten „echten“ Premiere in der Wiener Staatsoper. „Live“ ist wohl das erste Videoballett der Tanzgeschichte und Zeugnis der innovativen niederländischen Szene dieser Zeit. Bisher ist das 1979 für das Het Nationale Ballet geschaffene Werk noch von keinem anderen Ensemble getanzt worden. Am 24. November werden es in Wien erstmals eine Tänzerin, ein Tänzer, ein Kameramann, eine Pianistin – und das Publikum – verkörpern. Große Besetzung hingegen bei der anschließenden Uraufführung von „4“, mit der Martin Schläpfer seinen Wiener Einstand als Choreograf zu Gustav Mahlers 4. Symphonie gibt: mit dem gesamte Ballettensemble auf der Bühne und einem vollbesetzten Orchestergraben. Die Ausstattung stammt von Florian Ettl, der bereits das Bühnenbild für „Ein deutsches Requiem“ realisiert hat, das am 30. Jänner 2021 an der Volksoper zur Premiere kommt. Schläpfer hat dieses Ballett 2011 für das Ballett am Rhein kreiert und wurde dafür mit dem deutschen Theaterpreis Faust ausgezeichnet.

Amerikanische Moderne und Neoklassik

Ebenfalls an der Volksoper kommt am 15. Mai 2021 der vierteilige Abend unter dem Namen „Promethian Fire“ zur Premiere mit der gleichnamigen Choreografie von Paul Taylor zu Musik von Johann Sebastian Bach, mit „Lontano“ und „Ramifications“ zu György Ligeti von Martin Schläpfer sowie „Beaux“ von Mark Morris zur Musik von Bohuslav Martinu. Beide US-Amerikaner, Vertreter der Moderne bzw. Postmoderne, scheinen erstmals im Repertoire des Wiener Staatsballetts auf.

Das trifft auf die Namen der Premiere am 23. Mai an der Wiener Staatsoper nicht zu. In „A Suite of Dances“ stehen drei Choreografien von Jerome Robbins („Glass Pieces“, A Suite of Dances“, “The Concert”) sowie “Duo Concertant” von George Balanchine auf dem Programm.

Ratmansky und Schläpfers 2. Wiener Uraufführung

Neu in Wien ist hingegen Alexei Ratmansky. Der Starchoreograf, der vor allem durch seine Inszenierungen der klassischen Ballettliteratur anhand akribischer Quellenforschung berühmt ist, kommt diesmal (noch?) nicht in dieser Rolle nach Wien. Vielmehr ist am 26. Juni sein Werk „Pictures at an Exhibition“ zu sehen, das 2014 mit dem New York City Ballet uraufgeführt wurde. Der Abend unter dem Titel „Tänze Bilder Sinfonien“ umfasst außerdem Balanchines „Symphony in Three Movements“. Den Abschluss der Saison bildet an diesem Abend eine weitere Neukreation des neuen Ballettchefs: „Sinfonie Nr. 15“ von Dimitri Schostakowitsch. Für Bühne und Kostüme wurde Keso Dekker beauftragt.

Natürlich wurde bei den Ballettpremieren auch für die musikalische Exzellenz Sorge getragen mit dem Engagement von international renommierte Dirigenten wie Axel Kober, Benjamin Pope, Robert Reimer.

Eine grundlegende Erneuerung ist in dieser Saison des Wiener Staatsballetts nicht ablesbar. Martin Schläpfer versucht eine vorsichtige Erneuerung in Richtung Moderne, nicht nur mit eigenen Choreografien, sondern auch von Paul Taylor, Mark Morris und Alexei Ratmansky. Noch fehlt die jüngere Generation an ChoreografInnen ebenso wie aktuelle Inszenierungen der Klassiker. Hier übernimmt er eine Reihe von Produktionen aus dem Repertoire des Wiener Staatsballetts: Nurejews „Schwanensee“, Ashtons „La fille mal gardée“, „Giselle“ (in der Inszenierung von Elena Tschernischova) und Balanchines „Jewels“. An der Volksoper bleiben Pierre Lacottes „Coppélia“ und „Peter Pan“ von Vesna Orlic auf dem Spielplan. 

Doch vorerst ist dem neuen Team an der Wiener Staatsoper eigentlich nur zu wünschen, dass es seine Pläne überhaupt realisieren kann.

Petite MesseEin Werk zum Streamen

Wer sich davor schon einen Eindruck von Martin Schläpfers choreografischer Handschrift machen will kann das noch bis 15. Mai kostenlos im Stream machen. Die Oper am Rhein, wo Schläpfer noch bis Ende Juni Ballettchef ist, zeigt seine tänzerische Umsetzung von Rossinis „Petite Messe solennelle“ online. Auch dafür schuf Florian Ettl das Bühnenbild und die Kostüme, am Pult steht Axel Kober. www.operamrhein.de

Das Programm der Wiener Staatsoper