amrod„Es ist einfach cool“, so Paul Amrod, Pianist Jahrgang 1951, „mit großen Choreografen zusammengearbeitet zu haben“. 1969 begann durch Zufall, was sich als Inspirationsquelle seiner späteren Musikerkarriere herausstellen sollte – als Korrepetitor von George Balanchine, Merce Cunningham, Alvin Ailey und Martha Graham.

Gerade im Begriff von der High School an die renommierte Juillard School of Music, New York, zu wechseln, fiel Paul Amrod dem Direktor der Schauspielabteilung der Juillard School, John Houseman, als ein junger Pianist auf, dessen Flexibilität und Begabung sich hervorragend für Improvisationen bei der Bewegungsausbildung der zukünftigen Schauspieler eignen würde. Amrod, einem Nebeneinkommen nicht abgeneigt, kam über Houseman kurz darauf in Kontakt mit José Limón, für dessen Studenten er ebenfalls in Proben und während des Trainings am Klavier saß. Wenig später begleitete er bereits das Training der American School of Ballet und sprang, falls nötig, als Korrepetitor ein, wo er Jerome Robbins und gelegentlich auch Balanchine begegnete. Der, wenn er beim Training zuschaute, die Atmosphäre gelegentlich nervöser werden ließ. Amrod brachte dagegen nichts aus der Ruhe. Schon als 17jähriger war er mit seiner Band „Amrod's Brand“ auf einer Tournee mit Janis Joplin im Vorprogramm aufgetreten, wo er sich plötzlich 30 000 Zuschauern gegenübersah, was ihn dermaßen überwältigte, dass sein Lampenfieber einfach einfror. Seitdem schreckt ihn vor Auftritten nichts mehr.

1970/71 spielte er für das NYCB bei den Proben von „Der Feuervogel“, kurz darauf begleitete er als Korrepetitor die Vorbereitung von „Orpheus“. Eine harte und hochkonzentrierte Arbeit, die einerseits Sensibilität erfordert, andererseits aber nichts für Zartbesaitete ist. Man müsse demütig sein, es werde so gemacht, wie es der Choreograf wolle, das habe man schlicht zu respektieren. Aber man sei glücklich, wenn man eine gute Leistung gebracht habe, dem schöpferischen Prozess dienlich gewesen sei. Wobei er diese Einstellung zu differenzieren weiß, erlebte er doch auch Choreografen, deren Niveau an das der Profis nicht annähernd heranreichte.

Amrod war hingerissen von Balanchines Arbeit, vor allem von dessen kreativen Ideen und der sublimen Sinnlichkeit seiner Choreografien zu Strawinskis Musik. Durch die Auseinandersetzung mit dem Blickwinkel des Choreografen wurde diese Musik facettenreicher, gewann Tiefe und kam viel näher, als es durch das bloße Musikstudium zuvor der Fall gewesen war. Auch die Gelegenheit Strawinskis Psalmen Symphonie an der Juillard School zu dirigieren eröffneten Amrod neue Perspektiven.

Seine Eltern, beide Sportlehrer, vermittelten ihm die Begeisterung für ihr Fach, woher vermutlich auch Amrods Affinität zu körperlichem Ausdruck im Tanz rührt. Er selbst stand allerdings nie an der Ballettstange, sondern bevorzugte Discoabende, wo er mit Begeisterung umsetzte, was er sich bei den Tänzern abgeschaut hatte.

Nach seinem Abschluss an der Juillard School 1973, mit einem Bachelor in Komposition und Dirigieren in der Tasche, reizte es Amrod vor allem zu improvisieren, Modern Jazz mit klassischer Musik zu mischen, seinen persönlichen Jazz-Stil zu entwickeln. Vor allem Thelonious Monk, den Hall Overtone - der Arrangeur von Monks Musik - ihm im Studium nahegebracht hatte, beeinflussten und inspirierten Amrod damals.

Kurz darauf ergab sich die Gelegenheit, mit Merce Cunningham, Alvin Ailey und insbesondere mit Martha Graham zusammenzuarbeiten. Alle wirkten unterschiedlich intensiv in Amrods künstlerische Entwicklung hinein. Aileys artifizielle Interpretation afroamerikanischer Musik prägten beispielsweise seine späteren Klassik- und vor allem Jazz-Kompositionen. Martha Graham, für die er 1975 bis 1978 arbeitete, wünschte oft unregelmäßige Rhythmen, wie 7/4 neben 15/8 gefolgt von 5/4, deren Umsetzung in eine moderne Bewegungssprache Amrod faszinierte und stark beeindruckte. Es sah so kompliziert aus! Die differenzierte tänzerische Akzentuierung der Musik bei Graham, Cunningham und auch Limón vertieften und sensibilisierten sein Gefühl für Rhythmus und Phrasierung.

Er sei damals in einer Entwicklungsphase gewesen, erinnert sich Amrod, angesichts der illustren Kunstszene, in die er hineingeraten war, auch etwas eingeschüchtert und hätte daher noch keine konzertante Musik komponieren können. Was möglicherweise auch damit zusammenhing, dass er nicht der fleißigste Notensatz-Schreiber war. Mit der ersten Software zum Schreiben und Komponieren von Partituren kam Amrod in Schwung. Er schuf homogene Kombinationen von Klassik mit Jazz, Elementen der Weltmusik oder Arabischer Musik – eine Reminiszenz an seine Heimat Libanon –, schrieb Symphonien, von denen sich einige, wie auch seine vorkonzertante Musik, dank ihrer motivischen Vielfalt zur tänzerischen Visualisierung anbieten. Seine Erfahrungen mit dem Tanzgenre resümiert Amrod im Nachhinein als Gewinn. Ein Wechsel der Perspektive – hin zu den Wünschen und Bedürfnissen von Choreograf und Tänzern – den Musikerkollegen oft scheuen würden.

In Kürze veröffentlicht Amrod, seit Jahren am Bodensee beheimatet, sein Buch „Symmetrie als Grundprinzip der Klangschöpfung“. Die grundlegende Theorie dazu entstand bereits an der Juillard-School. Am 27. Februar 1973, unterwegs auf den Fluren im vierten Stock, entdeckte Amrod das Phänomen eines Grundtons, eines sogenannten symmetrischen Wurzeltons, der eine gesamte Harmonie tragen kann. Ein Werkzeug, das er schon damals in den Probenräumen der Tänzer erfolgreich einsetzte.

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