lastradaprobe1Marco Goecke lässt tanzen wie niemand sonst. In Köln, München und Den Haag zum Tänzer ausgebildet und in Berlin (Staatsoper Unter den Linden) sowie am Theater Hagen unter Vertrag, verlegte der heute 46-Jährige sich nach dem Erfolg seines Erstlings „Loch“ im Jahr 2000 ganz aufs Choreografieren. Seine seither konsequent entwickelte Bewegungssprache ist, ebenso wie seine Herangehensweise an Stücke, einzigartig. Am 12. Juli ist die Uraufführung von „La Strada im Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz.

Seit 2005 war der gebürtige Wuppertaler Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts. Ebenso lange arbeitet Goecke, der 2019 die Direktion des Staatsballetts Hannover übernehmen wird, eng mit dem Scapino Ballet Rotterdam zusammen. Viele seiner mehr als 60 Werke bereichern das Repertoire zahlreicher Ensembles weltweit. Sie alle zeichnet eine eigenwillige Webart von Sound, Bühnenatmosphäre, Tanz und körperlicher Energie aus.lastrada3 web

Mit „La Strada“ für das Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz kreiert Goecke seine vierte abendfüllende Produktion. Sie basiert auf Federico Fellinis gleichnamigem Filmklassiker von 1954. Musikalisch getragen wird die pausenlos angelegte choreografische Uraufführung am 12. Juli von Nino Rotas Ballettsuite für Orchester. Der Komponist hatte diese 1966 eigens für eine erste Tanzadaption der melodramatischen Dreiecksgeschichte zwischen dem skrupellosen Schausteller Zampanó, dessen übel ausgenutzter Gehilfin Gelsomina und dem Seiltänzer Matto an der Mailänder Scala erarbeitet.

tanz.at: Welche Erinnerungen haben Sie an München, Herr Goecke?
Marco Goecke: Es ist 25 Jahre her, dass ich in der Heinz-Bosl-Stiftung war! Man ist baff, wie die Zeit vergeht. Es war eine wilde, verrückte Zeit. Ich war kein einfacher Student und habe es Frau Vernon (Konstanze Vernon, Gründungsdirektorin der Heinz-Bosl-Stiftung, Anm.) sicher nicht leicht gemacht. Trotzdem hatte ich vermutlich so viel Talent als Tänzer, dass man mir vieles verziehen hat. Irgendwann bin ich gegangen. Das hatte auch private Gründe. Ich fühlte mich verloren. Das Ballettkorsett mit all seinen Regeln – dagegen habe ich bei aller Liebe für diese Kunstform stets angekämpft.

lastradaprobe3Wie kam Ihr Kontakt zum Staatstheater am Gärtnerplatz zustande?
Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner rief mich vor Jahren wegen der Mitwirkung bei seiner Dancesoap „Minutemade“ an. Da kannte ich ihn noch gar nicht. Danach entstand 2015 mit Javier Ubell, der nun die Rolle des Matto interpretiert, das Solo „Cry Boy“ für den Ballettabend „Hattrick“. Seitdem waren wir in Kontakt.

Was ist Ihr Ideal eines Tänzers?
Das kann ich schwer in Worte fassen. Ich habe in meinem Leben ein paar Tänzer getroffen, die meine Vorstellungen von einer gewisse Muskelspannung, einem Grad an Trainiertheit und Athletismus einfach perfekt übersetzen und begreifen, worauf ich hinaus will. Die Modern-Dance-Technik des Contract (Anspannung) und Release (Entspannung) verwende ich nicht. Der ideale Tänzer ist sicher einer, der nie weniger als sein Maximum gibt. In meinen Arbeiten zu markieren, dass funktioniert nicht.

Wo liegen die Qualitäten der Gärtnerplatz-Tänzer?
Sie sind modern, teils mit klassischem Fundament, einige schon älter. Ich switche häufig zwischen ganz klassischen und sehr zeitgenössischen Künstlern hin- und her und merke einen Unterschied in der Selbstwahrnehmung. Moderne Tänzer haben einen andersartigen Freiheitsdrang, andere Beweggründe zu tanzen. Meine Arbeit soll wahrscheinlich einen Gegenpol zu dem darstellen, was sonst am Haus so läuft.lastradaprobe2

Wie gestaltet sich die bisherige Zusammenarbeit?
Der Instinkt der Tänzer, etwas zu verstehen, was unaussprechlich ist oder wonach ich suche, ist bei diesem Kompanie-Niveau schon im Talent angelegt. Die Kreation eines Stücks passiert sehr instinktiv. Wir müssen uns auf den Moment verlassen, etwas zu entdecken. Und können nur hoffen, damit am Ende auch beim Zuschauer anzukommen. Planbar ist das überhaupt nicht. Aber ich bin immer wieder überrascht, wie aus dieser Wolke aus Nichts jeden Morgen etwas entsteht, was man gar nicht erwartet hat.

lastrada1 webDurften sich die Tänzer einbringen?
Das Material der Charaktere muss ich tänzerisch umsetzen. Bei Zampano ist das nicht allzu schwer – viele seiner Gesten haben mit meinen Kraftmeiereien in der Bewegung zu tun. Man darf es nur nicht übertreiben. Mit Özkan Ayik steht mir ein Wahnsinnsdarsteller zur Verfügung – wie gemacht für diese Rolle, deren Vorbild natürlich Anthony Quinn ist. Ayik hat das Gehabe von Zampano in sich.

Vom wem ging die Idee zu „La Strada“ aus?
Von Karl Alfred Schreiner. Er ist sehr italienaffin und hat viele italienische Tänzer im Ensemble. Das schlägt sich auch in unserer Produktion nieder. Ich wurde gefragt, ob ich Lust auf das Projekt hätte und sagte zu. So einfach ist das manchmal.

Würden Sie raten, sich Fellinis Film vorher anzusehen?
Ja – ich bin manchmal heftig und mache kein Kleinkinderballett, wo man jede einzelne Nuance erzählen kann und will. Heutzutage kann man sich die Informationen innerhalb von Minuten erlesen. Ich glaube, die Mühe müsste man sich machen. Die Geschichte ist nicht besonders komplex, man kann sie nachvollziehen – auch in meinem Ballett: Es geht um Grundthemen, das Künstlerdasein, die Armut, um Gefühle, die man nicht ausdrücken kann und das Bereuen am Schluss. Und es geht um das schöne, naive Mädchen Celsomina, die in etwas Dreckiges hineingezogen wird.lastradaprobe4

Warum lassen Sie die Tänzer sprechen?
Das hat praktische Gründe. Durch einzelne Sätze, Wörter und Geräusche kann man kleine Hinweise geben, die der Zuschauer sicherlich auch braucht. An gewissen Punkten erschöpfen sich die Möglichkeiten des Tanzes, und es wird spannend, einfach einen Ort zu nennen. Ein Wort wie Rom löst in den Leuten etwas aus, beflügelt die Fantasie. Das könnte ich tänzerisch nie darstellen, und die Zeiten für riesige Nachbauten auf der Bühne sind vorbei. Ein simples Wort kann ein schöner Wegweiser sein – besonders bei einem Stück mit Handlung.

lastrada2 webAuf welche Weise gehen Sie choreografisch an die Vorlage heran?
Jede Person, die sich bewegt, sagt etwas aus. Theoretisch kann man mit ein bisschen Musik und einem Scheinwerfer alles ausdrücken. Aus dieser Reduzierung baue ich die gesamte Choreografie. Natürlich gibt es Bühnenbild und Kostüme. In einem Werk wie „La Strada“ brauche ich auch Requisiten und mehr als nur solistische Momente. Das, was mich jedoch im Grund interessiert, bleibt der Körper – sonst wäre mein Beruf auch völlig verfehlt.
Wirklich in das Thema eingearbeitet, alle Informationen verschlungen habe ich aber nicht, weil ich Luft für so eine Kreation brauche. Intensiv mit der Materie auseinander gesetzt hat sich mein Team. Ich komme manchmal in die Proben und lasse mir erzählen, was als nächstes passiert, anstatt den Film zu inhalieren und nach zu kauen. Dennoch: Die Charaktere und auch viele der Bilder stimmen überein.

Hat sich Ihre Art zu Choreografieren über die Jahre verändert?
Die ganz frühen Stücke waren total abgefahren. Wenn ich eines sehe, wie letztens ins Gelsenkirchen, lache ich mich tot. Da bin ich heute viel klassischer und auch wieder wilder als damals. Aber junge Leute müssen auf den Putz hauen. Irgendeine Kylián-Kopie hinzuschmieren, ist nix. Der Tanz dürfte gerne wieder lauter und skandalöser sein. Die Errungenschaft der Moderne endet nicht bei Forsythe! Ich sehe es schon als meinen Verdienst an, darüber hinausgegangen zu sein. Meine Stücke irritieren, was bedeutet, ich mache etwas, das neu ist.lastrada4 web

Das Innerste nach außen kehren – war das Ihr Weg?
Für mich als Wuppertaler mit Pina Bausch als Vorbild bestand stets die Gefahr, in die Falle „Tanztheater“ zu tappen. Meine eigene Bildersprache fand ich durch Zurücknehmen der Möglichkeiten, die Bausch oder Kresnik im Theater so reichlich ausgebreitet haben. Was ich jedem jungen Choreografen mit auf den Weg gebe: Beschäftige Dich mit Bewegung, nicht mit Ideen – Ideen habe viele, Bewegungen zu finden, das ist erstmal die Kunst!
Meine Arbeit hat nichts Erfundenes. Es ist ein Kommenlassen, ein Formen des Materials und Schaffen von Ordnung, damit am Ende aus einer Fülle an Schritten eine Geschichte entsteht.

Was wünschen Sie sich von Zuschauern, die Ihren sehr reduzierten choreografischen Stil noch nicht kennen?
Mittlerweile funktioniert meine Arbeit so gut wie überall auf der Welt. Als wir vor bald zehn Jahren mit meinem „Nussknacker“ im Münchner Prinzregententheater gastierten, wurde ich böse ausgebuht. Man hatte allerdings – ohne weitere Erklärung – ein Gastspiel des Stuttgarter Balletts angekündigt. Das war dem Publikum gegenüber nicht richtig, ist mein Vokabular doch fremdartiger als was Tanz sonst so bietet.
Mein Wunsch wäre, dass die Leute sich frei und offen darauf einlassen, was ihnen vielleicht nicht geheuer oder verrückt vorkommt. Man muss nicht alles verstehen, sondern sollte eher versuchen, die Emotionalität mitzubekommen, die vom Tanz und den Interpreten ausgeht.

Ballett des Staatstheater am Gärtnerplatz: „La Strada“ von Marco Goecke. Uraufführung am 12. Juli 2018 im Staatstheater am Gärtnerplatz. Weitere Vorstellungen: 14, 15, 17, 23. Juli