ladanse

Der US-amerikanische Regisseur Frederick Wiseman begleitet das Pariser Opernballett bei der Arbeit an Klassikern und mit den spannendsten zeitgenössischen Choreografen mit der Kamera. Er kreierte eine einzigartige, zirka zweistündige Dokumentation dieser Elite Truppe in ihrem traditionsreichen Ambiente.

Brigitte Lefèvre ist das unangefochtene Zentrum des Pariser Opernballetts. Ob mütterlich ermutigend, knallhart verhandelnd, ungezwungen plaudernd oder die Zusammenarbeit mit dem neuen Choreografen Emanuel Gat auslotend, hat die künstlerische Leiterin doch immer eines im Fokus: die künstlerische Qualität ihrer Ballettcompagnie, eine der besten der Welt. Ihre Tänzer, das sind für sie „Rennpferde und Jockeys, Rennautos und Piloten“ gleichzeitig.

Diese begleitete der US-Regisseur Frederick Wisemann bei der alltäglichen Arbeit in den Klassen, bei den Proben und - als glanzvoller Höhepunkt - bei den Aufführungen. Er braucht dafür weder Interviews noch Namens-Inserts, denn seine Sicht auf das Ballett entfaltet sich als dramatische Handlung, in der Étoiles und Corps-de-ballet-Tänzer gleich hart und streng arbeiten, um zum bestmöglichen künstlerischen Ergebnis zu kommen. Sei es in Choreografien von Wayne McGregor, Sasha Waltz, Angelin Preljocaj, Mats Ek oder in den klassischen Werken (wie „Nussknacker“ oder „Paquita“), hier wird die körperliche Präzisionsarbeit fühlbar und sichtbar.

Natürlich sieht man sie alle, die großen Stars wie Aurélie Dupont, Dorothée Gilbert, Marie-Agnès Gillot, Agnès Letestu, Laetitia Pujol, Nicolas Le Riche und wie sie alle heißen mögen. Und auch der jetzige Chef des Wiener Staatsballetts, Manuel Legris, der bei den Dreharbeiten (2009 kam der Film heraus) noch einer der Toptänzer des Ensembles war.

Besonders interessant ist es, den einstigen Étoile und Ausnahmetänzer Laurent Hilaire als Maitre de ballet zu erleben, der sein Wissen und sein Verständnis der choreografischen Absichten (beispielsweise von Angelin Preljocaj) den Tänzern so klar näher bringen kann. Oder wie beiläufig eine klassische Variation vortanzt, die noch immer so sitzt wie auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Solche Ballettmeister sind Inspiration und Motivation für die Tänzer und sorgen, dass die Qualität erhalten und ständig verbessert wird. Denn wenn die jetzigen Stars die Bühne verlassen werden, so steht die nächste Generation gut vorbereitet zur Stelle, um in ihre Fußstapfen zu treten.

Der amerikanische Dokumentarist Frederick Wiseman hat sich mit seinen Filmen auf „moderne“ Institutionen spezialisiert. Er erkundet Spitäler, Ämter, Schulen, Gerichtshöfe, Gefängnisse und zuletzt das Ballett der Pariser Oper. Paris deshalb, weil Wiseman in den 50 Jahren (er war Mitte 20) genau dort sein persönliches Filmtraining absolvierte, bevor er selbst mit der Kamera zu beobachten begann.

Die Qualität von Wisemans Dokumentation des Pariser Opernballetts liegt darin, dass es ihm gelingt, die Kameras vergessen zu lassen. Dass der Regisseur das dafür notwendige Vertrauen zwischen seinem Team und den TänzerInnen herstellen konnte, spricht allein schon für ihn. Die Probenarbeit im Studio ist eine intime Sache zwischen Choreografen, Probenleitern und Tänzern, an der die Kameras interessierte, aber nie voyeuristische Beobachter sind. Und sie versehen ihren Job unaufgeregt, mit ruhig geführter Kamera, die der Bewegung Raum gibt, sich zu entfalten und mit präziser Schnitttechnik.

„Ich glaube nicht, dass meine Filme neutral sind, denn ich glaube, es sind dramatische Filme“, sagt er. „Ich versuche, sie so zu schneiden, dass sie eine dramatische Struktur bekommen. Für mich ähnelt das Schneiden eines Films dem Schreiben eines Theaterstücks oder eines Romans, weil sie alle eine dramatische Struktur besitzen. Diese Struktur hat einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss; und in meiner Vorstellung haben die Sequenzen eine Verbindung untereinander.“

Auch wenn man beim Pariser Opernballett die angesagtesten Choreografen unserer Zeit verpflichtet, so atmet man in den Studios der Opéra Garnier Geschichte mitten in einer pulsierenden Stadt. Der Panoramablick auf die Stadt Paris in Glanz und Glorie stellt den Bezug zur Außenwelt, die in der Ballettwelt nicht vorhanden zu sein scheint, und zwischen den einzelnen „Kapiteln“ des Film her.

Wenn sich die Kamera in den engen, verwinkelten und dunklen Gängen ihren Weg zu den Studios bahnt, das alte Kanalisationssystem erforscht oder den Imker auf dem Dach beim Entfernen der Honigwaben beobachtet, dann wird auch klar, mit welchem Traditionshaus man es hier zu tun hat. Manche der Studios sind winzig, die Tanzböden sind nicht mehr fabriksneu.

Eine aus heutiger Sicht komische Szene ist die Besprechung anlässlich eines Gastspiels des New York City Ballet. Die Amerikaner wollen für ihre besonders großzügigen Sponsoren (über 25.000 US Dollar) ein besonderes Programm zusammenstellen, darunter auch die Lehman Brothers ... Das Ballett der Pariser Oper hat auch sie schon überlebt.

„La Danse - Le Ballet de l'Opéra de Paris“ läuft am 29. Mai 2011 in österreichischen Kinos an.

Der Text erschien auf tanz.at „Vintage“ anlässlich der Wien-Premiere bei der Viennale 2009 im Künstlerhauskino am 24.Oktober 2009.