Graber1Verwandlungsfähigkeit ist der in Graz geborenen und seit 2018 wieder hier lebenden Ursula Graber wohl in die Gene gelegt. Unterschiedlich sind auch ihre Interessensgebiete: Nach Besuch eines Musikgymnasiums begann sie sich gleichzeitig mit ihrem Romanistik-Studium im Tanz auszubilden und vertiefte dies schließlich durch ein Studium in zeitgenössischem Tanz und Tanzpädagogik auf der Anton-Bruckner-Universität in Linz.

Je ein Jahr lebte Graber, die fünf Sprachen fließend spricht, in Italien und Peru, drei in der französischen Schweiz. Ihren derzeitigen Lebensmittelpunkt teilt sie zwischen Graz und Girona. Weitgefächert ist auch die Liste, auf der sie ihre Kenntnisse von Tanzstilen und Bewegungsrichtungen aufzählt, lang diejenige ihrer Lehrer wie etwa solche in Jazz und klassischem Gesang oder Theater, in Anthropologie, Soziologie und Philosophie, in Klavier und Ukulele; zusätzlich zu all denen aus dem Tanzbereich, die ihr Lehrer waren oder mit denen sie zusammenarbeitete.

Dass sich vor diesem soliden Hintergrund eine ebensolche Persönlichkeit präsentiert, verwundert nicht, ist aber in diesem Facettenreichtum und Können nicht unbedingt selbstverständlich.  Dass das Thema von Buntheit, ja Gegensätzlichkeit im menschlichen Wesen tief verankert und gerade bei jemandem mit Grabers Voraussetzungen in guten Händen ist, das ist (fast) erwartbar.Graber2

Und sie enttäuscht auch ganz und gar nicht in und mit ihrer Performance „Starlight ‚Killjoy‘ Coquelicot. Zwischen Lust und Frust“, in der sie auch für Konzept und Choreografie verantwortlich zeichnet.

Graber3Die im Titel verwobenen Figuren, Killjoy, die Spaßverderberin, die eine unverblümt kritische Analystin und „Erfindung“ der feministischen Theoretikerin Sara Ahmed darstellt, sowie Starlight Coquelicot, eine Burlesque Tänzerin, die also Inbegriff weiblicher Sinnesfreude ist, verweisen auf das gegebene und choreographisch-dramaturgisch (Koko la Douce, Berlin) präsentierte Spannungsfeld. Eines, das sich verbal in Form von auf eine Leinwand projizierten Grundsätzen wie „Ich bin nicht gewillt, Glück zu meinem Beweggrund zu machen“ definiert. Und aber vor allem durch das, was Graber mit bemerkenswert kraftvoller, selbstbewusst lasziver wie (zumeist verdeckt) feinfühlig-emotionaler Weiblichkeit auf die Bühne zaubert und/oder knallt. Ob Dank ihres fundierten tänzerischen Könnens - basierend auf unterschiedlichen Bereichen des Zeitgenössischen vor allem – oder aber auch ihrer nuancenreichen andeutenden wie unbarmherzig-derben Mimik.

Das, was sie mit gekonnt eingesetzter Energie und Dynamik immer wieder auch spielerisch und mit Vergnügen dem Zuseher unter die Nase hält, das sitzt. Als Zerr- oder Spiegel-Bild eigener Erfahrungen oder zumindest beobachteter. Es amüsiert, es geht unter die Haut und es tut auch weh. Auf jeden Fall bewirkt es etwas, dieses, ihr „selbstverständliches“ und damit glaubhaftes Tun.

Dass sie als übergeordnetes Konzept ihr Auftreten durch „Grundsätze“ in Szenen teilt, ist stimmig; unterstreichen diese doch derart die zahllos möglichen Denk- und Intentions-Ansätze – und seien es auch „nur“ solche in einem zeitgemäß hinterfragenden, ethisch und sozial vertretbarem Bereich.  Sie machen damit jedenfalls deren scheinbare und/oder unrealisierbare Logik, unterstrichen durch das jeweilige tänzerische Statement Grabers,  ganz wunderbar leichtfüßig  bewusst.

Auch wenn sich im Formalen das eine oder andere wiederholt: Die Vielfalt im Angesprochenen oder gar Assoziierbaren ist bei der Reduktion der eingesetzten Mittel eine beachtliche Leistung; überzeugend in seiner Geradlinigkeit, die auf kreativ künstlerischem Können beruht.

Ursula Graber: „Starlight ‚Killjoy‘ Coquelicot“ am 6.September im Kristallwerk Graz